Lösungen, die Probleme sind

Neulich gestand mir der Vorstand eines deutschen Konzerns: „Neuer junger Mitarbeiter, hoch qualifiziert, exzellente Zeugnisse, fängt vor drei Wochen bei uns an, große Hoffnungen beiderseits – und jetzt isser schon wieder weg.“ Ich war bestürzt: Was um Himmels willen war passiert?

Hatte er Gelder veruntreut? Gab es einen Riesenkrach mit seinem Fachvorgesetzten? Hat man seine Kompetenz beschnitten? Ihm den Firmenparkplatz weggenommen? Nein, schlimmer.

Die Vorstandsassistentin hatte zu ihm gesagt: „Beachten Sie bei Ihren Vorlagen doch bitte das Corporate Design; das sieht sonst aus wie Kraut und Rüben!“ Auf diese Weise machte sie ihn in seinen ersten Tagen auf verschiedene hausinterne Gepflogenheiten aufmerksam. Nach jedem Hinweis war er heftiger außer sich und verriet am Ende seinem Fachvorgesetzten: „Ich habe immerhin studiert, ich habe einen Master, so kann sie doch nicht mit mir reden!“ Also ging er.

Ironischerweise gibt auch die Assistentin dies als Grund des Konflikts an: „Bloß weil der einen Master in ich weiß nicht was hat, muss er sich nicht einbilden, dass er so mit mir reden kann!“

Meine erste Reaktion: Du meine Güte, es werden in seinem jungen Leben aber noch weitaus schlimmere Probleme auf ihn zukommen – will er denn vor jedem gleich flüchten? Natürlich stört es, wenn man nicht mit dem erwarteten Respekt behandelt wird (beide übrigens). Aber Flucht ist doch keine Lösung. Oder wie der Mitbegründer der Berliner XU, Christopher Jahns, gern sagt: „Im Konfliktfall gibt es zwei Arten von Menschen: Die einen versuchen zu lösen, die anderen flüchten.“ Was legitim ist.

Der Haken ist bloß: Flucht bringt uns nicht dahin, wo wir eigentlich hinwollen. Eher in die Gegenrichtung. Aber irgendwie sind wir alle in diesem Fluchtirrtum gefangen. Ich habe das Gefühl, dass wir im großen Zeitalter der generalisierten Flucht leben. Kaum tauchen irgendwo Probleme auf, sind wir oft schon weg. Alles läuft gut, bis es schwierig wird – dann springen die Leute ab. Unsere Zeit produziert so viele Probleme – wo soll denn das hinführen, wenn alle wegrennen? Warum rennen alle weg?

Aus dem Grund, aus dem heraus auch der besagte Hochqualifizierte nach drei Wochen kündigte: Er denkt, das sei die Lösung. Einen neuen Job (Partner, Wohnung, Verein, Fitnessstudio, Haustier, Kinder, Auto, Smartphone …) suchen, sobald es schwierig wird. Das soll die Lösung sein? Das ist eher das Problem. Flucht ist eine kurzfristige Lösung, die sich als langfristiges Problem entpuppt. Psychologen sprechen vom Vermeidungsverhalten. Nun ist unser Lustzentrum stark darauf erpicht, Unerquickliches zu vermeiden. Vermeidung hat bloß zwei Haken: Zum ersten lernen wir nicht(s), wenn wir flüchten.

Wir lernen insbesondere nicht, mit anderen auch im Konfliktfall auszukommen, Schwierigkeiten zu meistern, unsere Interessen auch unter Widerstand von außen zu wahren, einen Interessenausgleich zu schaffen. Flight kills skills!

Zum zweiten: Wer flüchtet, macht sich zum Opfer. Natürlich: Wenn ein LKW ungebremst auf mich zurast, flüchte ich. Aber eine Vorstandsassistentin ist kein LKW. Ihre zupackende, gelegentlich etwas direkte Kommunikation konstituiert keine ausweglose Situation. Wenn ich dann diese Herausforderung nicht annehme (nach drei Wochen kann man nicht davon sprechen), für mich selbst einstehe, Lösungen versuche, dann signalisiere ich meinem Unterbewusstsein: Ich bin es mir nicht wert!

Der High Potential denkt, nein fühlt, dass ihn die Assistentin zum Opfer macht: „So kann die doch nicht mit mir reden!“ Was er übersieht: Er macht sich selbst (hier als psychologischer Terminus gebraucht) zum Opfer. Also in diesem Begriffszusammenhang zu einem Menschen, der sich vielleicht selbst zu helfen wüsste, aber sich nicht helfen möchte, sich nicht selbst zu helfen traut oder es nie gelernt oder gewollt hat. Weil er die Erwartung hegt, dass andere (die Assistentin, der Chef, die Politik …) das für ihn erledigen sollen. Das ist eine legitime Erwartung. Sie wird nur leider in dieser Welt oft enttäuscht. Und dann weiter auf ihr zu beharren, zementiert die Opferrolle.

Ich kann, muss und werde selber für mich einstehen. Wenn ich damit nach vielen Versuchen in einer bestimmten Sache objektiv überfordert sein sollte, kann Flucht die klügere Option sein. Dann und erst dann. Jede Sekunde davor ist es Selbstaufgabe. Es ist schön, wenn viele mich unterstützen. Aber wenn ich zur Not nicht auch selber für mich einstehen will – wer bin ich dann?

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