Lieber Paketbote!

Jetzt tost wieder die Paketflut. Alle Jahre wieder. Die Paketdienste haben Hochsaison, die Paketzusteller vollbringen olympische Höchstleistungen. Mehr als 20.000 Saisonkräfte stellen allein die vier größten Paketdienstleister zusätzlich ein. Das Heer der Post-Zusteller zum Beispiel wächst von regulär rund 70.000 auf saisonbedingt nun 80.000 an. Noch beeindruckender ist das Volumen der Lawine: Die reine Anzahl der Sendungen verdoppelt sich in der Weihnachtszeit. Leider fällt diese auf Dezember.

Denn November/Dezember ist auch die Hochsaison der krankheitsbedingten Absenzen. Angesichts dieser Aussichten witzelte ein Veteran der Zustellung: „Wenn du nicht vorher schon krank bist, bist du es hinterher – vom Schleppen!“ Das passt so gar nicht zu Sinn und Zweck der Paketflut.

Denn eigentlich helfen die emsigen Helfer uns dabei, uns selbst und anderen eine Freude zu machen. Früher musste man noch selber in die Stadt fahren, Parkplatz suchen, in die Kälte raus et cetera … Heute kommen die Geschenke so geschenkfertig verpackt, dass wir sie nur noch untern Weihnachtsbaum zu legen brauchen: Freude per Mausklick! (Was das für den stationären Einzelhandel bedeutet, stellen wir für den Moment hintan).

Diese Freude beim Schenken steht in markantem Gegensatz zur Behandlung, die Legionen von Paketboten täglich mehrheitlich erfahren. Uns machen sie eine Freude, die ihnen sichtlich abgeht. Angesichts dessen frage ich mich: Was hindert uns eigentlich daran, diesen hart malochenden Lastenträgern des Digitalismus vor Weihnachten ein kleines Trinkgeld zuzustecken? Oder eine Flasche Roten? Weil ich diese Frage einmal leichtsinnigerweise im Beisein einiger Logistiker der letzten Meile äußerte, erntete ich stehenden Fußes Frustgeheul: „Nicht einmal ein Dankeschön kriegen wir in den meisten Fällen! Wenn man überhaupt mal mit uns redet!“

Wann redet man schon mit dem Paketboten? Ja, klar: Wenn was nicht passt, wenn die Pakethülle beschädigt ist oder die Sendung unserer Meinung nach wieder mal „typisch“ viel zu spät ankommt. Gewiss: Bitte, Danke und Guten Tag haben wir uns im Smombie-Zeitalter sowieso schon so gut wie abgewöhnt. Aber wir sind doch immer wieder mal auf der Suche nach kleinen Dingen, die die große Welt ein wenig besser machen können.

Wie wäre es also beim nächsten Mal mit einem „Dankeschön!“ für den Paketboten? Wer wirklich gut in Form ist, kann sein Danke mit einem freundlichen Lächeln begleiten. Ich wette, wenn die Paketboten wie bald viele Polizisten eine Schulterkamera trügen, würde das Schule machen. Keine Hochschule ist didaktisch so erfolgreich wie ein virales Youtube-Video …

In der Nachbarschaft soll es übrigens ein braves Muttchen geben, das steckt den Jungs und Mädels von der Lastenträger-Kompanie hin und wieder einen Schoko-Riegel zu. Ich bin davon überzeugt, dass diese trotz kargen Lohnes selber für ihr Vesper sorgen können. Aber was für eine schöne Geste! Muss man/frau dazu erst 75 werden und im fünften Stock wohnen? Ich glaube, das hat weniger mit dem Alter und mehr mit sozialer Intelligenz zu tun. Oder schlicht mit Anstand, Lebensweisheit und Menschlichkeit. Ja, überraschend: Auch das, was uns im Treppenhaus entgegenkommt, ist ein Mensch! Genau genommen und getreu der jahreszeitlich biblisch temperierten Begrifflichkeit: Das ist sogar einer unserer Nächsten.

Unser Nächster, für den die Plackerei, während wir spätestens Heilig Abend die Füße hochlegen, noch lange nicht erledigt ist. Denn zwischen den Jahren und erst recht im Januar rollt dann die nicht minder beeindruckende Retouren-Welle und zigtausende Gutscheine werden eingelöst. Was fehlt bei der ganzen Fülle und Pracht?

Etwas Dankbarkeit. Ich weiß, die fällt uns bei dem ganzen Stress schon schwer. Immerhin befinden auch wir uns in der vorweihnachtlichen Alles-auf-den-letzten-Drücker-Hektik. Da ist es verständlich, dass wir unseren Stressfrust an den geringsten unserer Schwestern und Brüder auslassen. Verständlich, aber unklug. Schließlich wissen wir aus der Positiven Psychologie: Dankbarkeit ist ein Nicht-Nullsummenspiel. Wer sie gibt, empfängt ihren Abglanz. Dankbare Menschen sind glückliche Menschen. Was wir für andere tun, nutzt auch uns selbst. Der Friede, den wir andern wünschen, wird auch uns selbst zuteil. War nicht das der Kern der Weihnachtsbotschaft?

Eine in eben diesem Sinne gesunde Weihnacht, frohe und erholsame Feiertage für Sie und Ihre Lieben wünscht Ihnen unser gesamtes Lehrstuhl-Team. Danke, dass Sie uns im zu Ende gehenden Jahr so treu, oft so engagiert und in stetig wachsender Zahl bei unseren Gedankenexkursionen in die bewegte Welt begleitet haben. Wir lesen uns wieder. Nach der verdienten Feiertagspause am 9. Januar. Bis dahin und: Die besten Wünsche!

2 Kommentare zu „Lieber Paketbote!

  1. ich las gerade Ihre Kolumne in DVZ XXL Nr. 101 20.2012 mit der Frage „Tun wir das Unsrige?“, habe Sie dann über Google gefunden und Ihre Aufforderung zum Trinkgeld an DHL Fahrer gelesen – und nun frage ich (mindestens 30 Jahre älter als Sie): Wie tut man das Seinige? Wir haben von unseren Eltern in den 50ern gelernt, wie sie (die Eltern der 68er) es (nach dem 3. Reich auch mit dem 20 DM Schein zu Weihnachten für den Zeitungsboten und den „Müllmann“) taten, haben es selbst gemacht, sehen, dass die Schere trotzdem immer weiter auf geht (selbst wenn die Zahl der absolut Armen bedeutend sinkt) und die Gewalt immer schlimmer wird: Müsste man nicht ein bisschen mehr tun als Trinkgeld geben und Ihre Frage stellen? Ich bin gern dabei!

    1. Lieber Friedrich! Auf Ihren klugen Einwurf kann es nur eine Antwort geben: Ja. Natürlich müssten wir sehr viel mehr tun gegen die Missstände in der Welt. Und weil dieses „Sehr viel Mehr“ so sehr viel mehr ist, hat es ein ganzes Buch gefüllt („Wie viele Sklaven halten Sie?“). Ich versuche, jeden Tag ein bisschen mehr davon umzusetzen: nachhaltiger Einkauf, ich meide mittelbare Sklavenhalter, unnötigen Konsum einschränken … Ich bezweifle wie Sie auch, dass wir damit die Welt ändern. Aber wenigstens verhalten wir uns dabei so gut es geht moralisch. Und wenn wir mehr werden, ändern wir am Ende vielleicht doch noch die Welt.

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