Kontrolle ist gut, Bewusstsein ist besser

Grad ist wieder Schnupfenzeit – was nehmen Sie? Ganz gleich was: Sie rechnen doch wohl damit, dass das Mittelchen Sie wieder gesund macht. Und nicht noch kränker. Der Hersteller, der es herstellt, hofft übrigens dasselbe. Und doch …

Und doch sterben jährlich weltweit rund 700.000 Menschen an multi-resistenten Erregern. In Indien raffen die hoch resistenten Keime, die gegen herkömmliche Antibiotika immun sind, jedes Jahr ungefähr 60.000 Neugeborene dahin. Das Absurde daran: Diese Bakterien stammen zu einem unguten Teil nicht aus einem urzeitlich brodelnden Sumpf, einer Müllkippe oder einer anderen üblen Bazillenschleuder. Sie stammen aus der Medikamenten-Herstellung. Muss man sich mal vorstellen.

Medikamente, die Menschen gesund machen sollen, machen Menschen krank oder töten sie. Das will niemand. Aber das passiert. In epidemischem Ausmaß. Nein, dahinter steckt nicht der Erzschurke aus dem neusten James-Bond-Film, sondern etwas Schlimmeres als böse Absicht: ein Systemfehler.

Viele Sub-Lieferanten der Medikamentenherstellung sitzen heutzutage in Asien, zum Beispiel in Indien. Rund um diese Unternehmen finden sich große Mengen Antibiotika und andere Pharmazeutika im Grundwasser. Denn im Gegensatz zu unseren Breiten ist in Asien nicht jeder Weiler mit fünf Hütten an die Kanalisation angeschlossen. Also leitet man sein Abwasser mangels Alternativen da rein, wo man es seit Jahrhunderten reinleitet. Ins nächste Gewässer. In diesem Pharma-Cocktail werden die in natürlichen Gewässern vorkommenden Krankheitskeime dann resistent. Multi-resistent. Der nächste Hund, das nächste Haus- oder Nutztier, das davon trinkt, nimmt die Erreger in sich auf, steckt damit fallweise Menschen an, die in der Welt herumreisen – und schon haben wir ein Pandemie-Szenario, das jeden James-Bond-Bösewicht blass aussehen lässt. Weshalb die Pharma-Konzerne schwer in der Kritik stehen. Leider geht Kritik am Problem vorbei.

Denn wenn Pharma-Firmen ihre Grundstoffe für die Pillenproduktion beziehen, beziehen sie diese zunächst von mehreren Direktlieferanten. Wer allerdings die Lieferanten des Direktlieferanten sind und was diese mit ihren Abwässern machen – woher sollen Bayer, Roche, Novartis oder Pfizer das wissen? Steht schließlich nicht auf dem Beipackzettel.

Aus diesem Grund haben sich diese und 20 andere Pharma-Firmen zu der Pharmaceutical Supply Chain Initiative PSCI zusammengeschlossen. Ziel dieser strategischen Allianz ist es, die Nachhaltigkeit der pharmazeutischen Wertschöpfungskette zu steigern. Also dafür zu sorgen, dass keine Pillenbrühe mehr ins Grundwasser gelangt und die dort lebenden Bazillen zu Monsterkeimen dopt. Das ist nicht nur ein hehres und in der Öffentlichkeit selten diskutiertes Thema (man regt sich ja viel lieber über Missstände auf als Gutes zu diskutieren).

Es ist gleichzeitig ein Lehrbuchbeispiel, wie Nachhaltigkeit, die wir alle fordern und über die wir alle reden, wirklich funktioniert: nämlich nicht ohne Transparenz – und über diese redet kaum jemand. Nichtsdestotrotz fällt es relativ schwer, den Lieferanten eines Lieferanten auf die Gewässerverschmutzung anzusprechen, wenn man den Lieferanten des Lieferanten gar nicht kennt. Man kann nur kontrollieren, wen man kennt: Transparenz eben.

Wobei die Kontrolle von Umweltstandards durch Audits zwar ebenfalls ständig gefordert wird, aber auch nur die halbe Miete ist: Meinen leeren Kühlschrank kann ich dutzendmal kontrollieren – von selber füllt er sich nicht auf. Besser als Kontrolle ist Hilfe.  

Und so betreibt die PSCI aktive Lieferantenentwicklung, Supplier Development: Sie veranstaltet Konferenzen und Workshops, um die Sub-Lieferanten erst einmal für ein für sie bislang nachrangiges Thema zu interessieren, zu sensibilisieren, das nötige Nachhaltigkeitsbewusstsein zu schaffen und sie mit Know-how, mit Ideen zu Verbesserungen und Maßnahmen auszustatten. Denn die meisten Nachhaltigkeits-Sünden werden eben nicht beim Lieferanten eines Herstellers begangen, sondern bei den Lieferanten der Lieferanten des Lieferanten. Das Problem hat nicht nur die Pharma-Industrie.

Es gilt für die gesamte Globalisierung: Was weiß ich, was ganz vorne, ganz upstream in meiner Supply Chain passiert? Wenn ein Sub-Lieferant bei der Qualität Mist baut, sehe ich das sofort. Am Produkt. Und kann nachbessern. Wenn er bei der Nachhaltigkeit nachlässig ist, sehe ich das nicht. Weder am Produkt noch sonst wie unmittelbar. Ich muss erst mühsam die Supply Chain upstream wandern und mir Transparenz verschaffen. Die PSCI macht das. Gute Sache. Bitte nachmachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.