Wir gehen in den Untergrund

Wenn es um urbane Mobilität geht, dann reden wir gerne – auch hier an dieser Stelle – von Paket-Robotern, Lieferdrohnen und fliegenden Autos. Deshalb sind wir heute in die entgegengesetzte Richtung unterwegs: in den Untergrund.

Und wieder reden wir über Elon Musk, der wieder eine geniale Idee hatte und dafür eine eigene Firma gründete: The Boring Company. „Boring“ heißt im Englischen nicht nur „langweilig“, sondern auch „Bohren“. Und genau das macht die neue Firma. Dabei ist das Thema alles andere als boring, langweilig: Es geht um nichts weniger als die Zukunft unserer Städte, unsere Lebenswelt, unsere Lebensqualität.

Denn dass viele Städte kurz vor dem Verkehrskollaps stehen, würde heute niemand mehr bestreiten – bis auf etliche ihrer Einwohner, die schon seit Jahren darauf verweisen, dass ihrer Ansicht nach der Kollaps bereits eingetreten sei. Und wir reden hier noch nicht einmal über indische oder chinesische Großstädte. Für diese und alle anderen hat Elon Musk eine Lösung erdacht: ein Tunnelsystem unterhalb der Städte.

Ein dreidimensionales Tunnelsystem mit vielen Tunneln über- oder sollte man sagen: untereinander. Denn wenn man nur eine Röhre hat, ist diese auch gleich wieder verstopft; siehe Alpentunnel zur Ferienzeit. Dieses Tunnelsystem also bohrt The Boring Company. Zunächst als Pilotprojekt auf dem Gelände von Musks Firma „SpaceX“ in Kalifornien. Doch geeignet ist die Idee für alle Städte aller Nationen.

Ins Tunnelsystem rein fährt man dann auch nicht wie in den Pfänder- oder Arlbergtunnel horizontal per Rampe oder Auffahrt, sondern: LKW und PKW fahren vertikal per Lift ins Souterrain – schön platzsparend. Dank solcher Tunnel könnten noch mehr Menschen in den Städten arbeiten und einkaufen, aber außerhalb wohnen. Denn via Tunnel ist man ruckzuck in der City, kein Vergleich zum üblich verstopften Stadtverkehr. Die unterirdischen Transportschlitten in den Tunneln sollen bis zu 200 km/h schnell unterwegs sein.

Das alles kostet natürlich. Doch auch daran hat Musk gedacht: Er hat die Tunnelbohrung technisch so weiterentwickelt, dass er die Kosten gegenüber dem herkömmlichen Tunnelbau um den Faktor 10 und mehr senken kann. Eine schöne Alternative zu Drohnen und fliegenden Autos. Denn, mal ehrlich: Wer hat es schon gerne, wenn schwere Drohnen mit noch schwereren Paketen dran über seinem Kopf schweben? Drohnen, die wetterabhängig sind und mit einer guten Stahlkugelschleuder von jedem Zwölfjährigen vom Himmel geholt werden können? Da ist der Keller der Stadt doch eine Option. Bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen?

Es lohnt sich, diese Frage ein wenig zu variieren: Wer soll es denn bezahlen, wenn viele Städte dem Verkehrskollaps erliegen und ihre Insassen nur noch mit Atemschutz herumlaufen können? Wenn „Landflucht“ nicht mehr „Flucht vom Land“, sondern „Flucht aufs Land“ bedeutet? Spätestens dann wird keiner mehr die Kostenfrage stellen. Dann startet der Bund ein Investitionsprogramm, die Tunnelbohrer laufen an und die Sache hat sich. Trotzdem ein eher utopischer Gedanke?

Zumindest nicht für die Eidgenossen. Die sind uns nicht nur mit dem Brenner-Basistunnel, dessen deutsche Bahn-Anbindung noch auf sich warten lässt, wieder einmal in Sachen Tunnelbau voraus. Die Schweizer haben sogar schon eine Machbarkeitsstudie angestrengt, die das Projekt „Cargo Sous Terrain“ bereits bestanden hat. Der Staat fördert das Projekt, das den Gütertransport unter die Erde bringen soll und von den Einzelhandelsgiganten wie Coop und Migros mit mehr als Wohlwollen begleitet wird. Denn mit so einem System könnte jedes Warenhaus, jeder Supermarkt einen eigenen U-Bahnhof bekommen, der LKW-Anlieferungen unnötig macht. Wegen all dieser Vorteile soll die erste Strecke in der Schweiz schon im Jahr 2030 in Betrieb gehen. Warum doch so schnell?

Weil die Experten prognostizieren, dass wegen Online Shopping, weiter abnehmender Fertigungstiefen und anhaltenden Wohlstandseffekten der Güterverkehr im Alpenland bis zum Jahr 2050 um mehr als 50 Prozent zunehmen wird. Daher ist es nicht utopisch, sondern geradezu unabdingbar, dass Verantwortliche über unsere Zukunft nicht nur in Wahlreden sprechen, sondern auch Studien, Geld und Pläne in die Hand nehmen.

Denn die Zukunft kommt nicht. Sie wird gemacht. Und zwar nicht morgen, sondern heute, hier, jetzt. Wenn wir wollen. Wollen wir?

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