Die Lange Nacht

Vor kurzem fand bei uns die Lange Nacht der Wissenschaften statt. Sechs Hochschulen aus der Region Fürth-Erlangen-Nürnberg mit so gut wie sämtlichen Lehrstühlen und auch viele, viele Unternehmen aus der Region zeigten in rund tausend Programmpunkten, was Wissenschaft so alles kann.

Die Lange Nacht wird alle zwei Jahre veranstaltet, dieses Jahr zum achten Mal, Start war um 18 Uhr und bis ein Uhr nachts strömte das Publikum – insgesamt rund 25.000 wissbegierige Besucherinnen und Besucher. Schön zu sehen, dass selbst an einem Samstagabend so viele die Neugier noch packt. Auch wir haben es uns nicht nehmen lassen, bei einem derartigen Ereignis mit dabei zu sein. Unter anderem mit dem Beer Game, dem Bier-Spiel. Nein, nicht was Sie jetzt vielleicht denken.

Das Spiel dreht sich zwar um Bier – aber ohne dass dabei ein Tropfen fließt. In spielerischer Weise warfen unsere Gäste einen Blick auf die Vorgänge hinter den Kulissen ihres Getränke- oder Supermarkts, der uns Konsumenten normalerweise verwehrt bleibt. Sie warfen den Blick insbesondere auf ein so desaströses wie verrücktes Phänomen jeder Versorgungskette: den sogenannten Bullwhip Effect, den Peitschen-Effekt. Das Spiel ist ein Rollenspiel.

Wir spielten Partie um Partie mit Besuchergruppen zwischen zehn und 20 Gästen, nach Rollen verteilt: Landwirt, Brauerei, Großhändler, Supermarkt. Die Aufgabe erscheint auf den ersten Blick pipifax: Immer die Regale, respektive Stellflächen schön voll mit Bier halten. Gespielt wird – im Spiel – über mehrere Monate und plötzlich wird aus dem Spiel bitterer Ernst. Denn plötzlich spielt die Lieferkette verrückt.

Dafür muss es noch nicht einmal einen Jahrhundertsommer oder einen Hopfen-Engpass geben. Allein die Eigendynamik der Versorgungskette schlägt regelmäßig aus wie eine wild gewordene Peitschenspitze: Der Supermarkt-Leiter stellt zum Beispiel fest, dass er 100 Kästen Bier braucht. Aber da der Wetterbericht Sommerwetter vorhersagt, bestellt er vorsichtshalber lieber 140 Kisten. Weil das alle anderen Supermärkte aber auch machen, ist die Grundlage für den Peitschen-Effekt gelegt. Wir wissen: Die Geschwindigkeit einer Peitsche nimmt zum Peitschenende hin exponentiell zu – deshalb knallt sie. Weil die Peitschenspitze kurzfristig Überschalltempo erreicht. Die Bierlieferkette auch.

Weil viele Supermärkte überbestellen, verdreht sich nun das ursprüngliche Problem ins Gegenteil: Eben noch waren die Regale fast leer, jetzt sind die Lager dank Überbestellung übervoll, weshalb die nächste Bestellung extrem mager ausfällt – und am Ende der Lieferkette weiß die Brauerei nicht mehr, was und wieviel sie brauen und auf welche Bestellmengen sie sich einstellen soll. Die an sich kleine Veränderung der Bestellmengen der Supermärkte summiert sich über alle Glieder der Lieferkette sozusagen bis zur Schallgeschwindigkeit. Und der auftretende Donnerhall droht, die Lieferkette auseinander zu reißen. Was für jeden Supply Chain Manager die tägliche Herausforderung ist, war den meisten unserer Besucherinnen und Besucher gänzlich neu.

Ein Gast und Biertrinker meinte: „Ich schimpfe nie wieder über meinen Getränkemarkt, wenn meine Sorte mal aus ist – ich hätte ja nie gedacht, dass das so kompliziert das ist.“ Eine Besucherin sagte: „Das ist schon eine Meisterleistung, bei extrem schwankender Nachfrage trotzdem immer die Regale schön gefüllt zu halten. Eigentlich sind wir hierzulande super versorgt.“ Auch dank unserer Spitzenforscher und der vielen kompetenten und engagierten Praktiker in den Unternehmen entlang der ganzen Versorgungskette. Nicht nur beim Bier sorgen sie dafür, dass der Nachschub immer rollt. Eine attraktive Aufgabe.

Auch und gerade für die vielen Schüler und Jugendlichen, die uns besucht haben. Auf diesem Weg nochmals unseren herzlichen Dank für euren Besuch! Bestimmt sehen wir den einen oder die andere in den kommenden Jahren im Hörsaal. Denn Logistik und Supply Chain Management bieten nicht nur interessante Betätigungsfelder, sondern auch eine hohe gesellschaftliche Bedeutung: Wenn Logistik der Motor ist, der die moderne Welt am Laufen hält, dann braucht diese unsere Welt immer mehr gute, junge Leute, die dafür sorgen, dass auch künftig aus allen Enden der Welt immer alles zu uns kommt, was wir zum Leben brauchen.

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