Wer verpestet die Luft?

Man darf das ja nicht sagen, aber sagen wir es trotzdem: Wir selber. Auf der einen Seite klagen wir darüber, dass man die Luft in vielen Großstädten kaum noch ohne Löffel atmen kann. Auf der andern: Hat das jemals jemand von der nächsten Online-Bestellung abgehalten? Warum ist das relevant?

Weil der Güterverkehr hierzulande einer der größten Emittenten von Luftschadstoffen ist. Gerade beim Transport von all dem, was wir so munter im Internet bestellen (und teilweise wieder zurückschicken) würde eine Reduktion von Schadstoffen ganz stark dazu beitragen, dass wir die international vereinbarten Klimaziele erreichen. Und dass man in der Innenstadt von Metropolen die Luft nicht mehr kauen muss. Das Problem ist bloß: Wir tun das Gegenteil.

Der Güterverkehr hat in den letzten Jahren deshalb stetig zugenommen – auch weil wir wie die Verrückten bestellen. Ich will das nicht einschränken oder gar verbieten – Gott bewahre! Doch wäre es nicht schlecht, wenn der Konsumrausch mit etwas weniger Luftverpestung vonstattengehen würde. Erste Anstrengungen werden unternommen.

So setzen zum Beispiel Lieferdienste in Großstädten verstärkt auf E-Lastenräder. Und auch vom StreetScooter, dem ersten in der Praxis breit verbreiteten E-LKW, sind mittlerweile 5.500 auf Deutschlands Straßen unterwegs. Diesen Quantensprung bei der E-Mobilität haben wir übrigens keinem der traditionellen Automobilhersteller, sondern der Post zu verdanken: Sie stellt den E-Transporter bei einer Firmentochter selbst her. Der Scooter schafft 80 km mit einer Akku-Ladung und ist deshalb „nur“ für die Auslieferung in der Stadt geeignet. Trotzdem könnte man fragen: Warum gibt es nicht bereits deutlich mehr davon? In ganz Deutschland müssen doch zehntausende Diesel-Transporter auf der letzten Meile unterwegs sein!

Die Antwort haben Sie sicher erraten: Weil bislang noch ein E-LKW grob das Doppelte eines herkömmlichen Diesels kostet. Warum das? Weil außer dem Scooter noch kein E-LKW am Band produziert wird, also massenhaft, sprich: preisgünstig. Es gibt zwar noch andere Hersteller wie zum Beispiel E-Force. Doch dort werden ganz normale Diesel-LKW praktisch in Hand- und Werkstattarbeit auf Elektromotor umgerüstet. Nicht massenhaft, also noch zu teuer für eine großflächige Verbreitung.

Die Elektrotechnologie hat sich zwar in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, ist aber auf der Langstrecke noch nicht konkurrenzfähig. Der E-LKW von Tesla soll 800 km weit kommen mit einer Akku-Ladung und 40 Tonnen Gesamtmasse bewegen – aber es dauert noch Jahre, bis er in Serie geht. Daimler plant seinen Serienstart fürs nächste Jahr. Mit einem E-LKW, der 350 km mit 23 Tonnen schafft. Die umgebauten Laster von E-Force schaffen 300 km mit 40 Tonnen. Reichweite und Zuladung werden über die nächsten Jahre sicher wachsen – aber geht das nicht ein wenig schneller?

Das hängt auch von der Politik ab und dem politischen Paradoxon: Je unbeliebter sich die Politiker machen, desto schneller geht es voran. In diesem paradoxen Sinne gut für eine schnelle Entwicklung sind drohende oder verfügte Fahrverbote in den Städten. Wobei selbst die Wirkung dieser drastischen Maßnahme umstritten ist: Wird der Lieferverkehr vom Verbot ausgenommen, ist das kein Incentive für die Entwickler und Unternehmen.

Die Ausnahme der E-LKWs von der Maut, die ab 2019 beschlossene Sache sein soll, ist dagegen so ein Anreiz. Pro LKW kann das eine Einsparung von 5.000 Euro im Jahr ausmachen. Das ist im Vergleich zum Anschaffungspreis recht marginal – aber Anreiz ist Anreiz. Ebenfalls ein Plus: Im Vergleich zu anderen Ländern Europas ist bei uns die Lade-Infrastruktur schon relativ gut ausgebaut.

Die Aussichten sind also besser als die Luft in den Städten: Es tut sich immerhin etwas. Und dabei haben wir alternative schadstoffarme Antriebstechnologien wie die Brennstoffzelle noch nicht einmal betrachtet. Frustrierend an dem Ganzen dürfte auch sein, dass wir als Luftatmer so derart von den Entwicklern und den Politikern abhängig sind: Wenn die nicht in die Gänge kommen, atmen wir weiter den schadstoffreichen Partikel-Cocktail. Wobei auch diese Abhängigkeit nicht ist wie sie scheint: Auch wir können Incentives setzen. Fragen Sie doch mal Ihren freundlichen Paketboten oder Spediteur, wann sein Unternehmen die ersten E-LKW in Dienst stellt. Es sind darauf möglicherweise eher gereizte Antworten zu erwarten. Doch gereizte Antworten sind leichter zu ertragen als gereizte Atemwege …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.