Alles schon erfunden!

Derzeit laufen viele modische Menschen mit etwas durch stickige Innenstädte, mit dem unsere Großeltern ihre Wanderlust in der freien Natur auslebten: Canvas-Leder-Rucksäcke. Das ist retro, das ist in – wobei das eine das andere bedingt. Sich wieder an gute Dinge zu erinnern, die eigentlich schon lange erfunden wurden, ist vom Prinzip her eine clevere Sache; auch Retro-Innovation genannt.

Retro-Innovationen sind Erfindungen, die schon vor langem gemacht wurden, jetzt aber wieder neu und möglicherweise verbessert wiederbelebt werden. Zum Beispiel Pac-Man. Der Urahn der Arcade- und Videospiele erscheint inzwischen auch als Retro-Innovation auf Smartphones. Wie einige andere älterer Computerspiele, die heute zwar 1:1 wie damals daherkommen, aber dafür mit der erst in unseren Tagen möglichen High-Definition-Grafik. Retro-Innovation ist das, was wir umgangssprachlich vielleicht als „aufgewärmt und aufgepeppt“ bezeichnen würden. Man könnte auch sagen: Nostalgie ist Trend.

Nicht alles, was alt ist, ist schlecht und umgekehrt nicht alles Neue besser. Tradition hat ihren Stellenwert und wer sie pflegt, kann viele schöne Retro-Innovationen vom Baum der Problemlösung ernten. Neu erfunden wurde auf diesem Wege auch sozusagen das Vergessen: Im alten, analogen Zeitalter mussten wir Gesagtes und Gesehenes noch selber vergessen. Heute macht das Snapchat für uns: Die App fürs digitale Vergessen.

Retro-Innovation verhindert, dass wir ständig das Rad neu erfinden müssen – falls wir „alte“ Innovationen tatsächlich nicht vergessen, sondern die Vergangenheit bewusst und gezielt nach Lösungen durchforsten, die gut waren und einfach nur von Neuerem abgelöst und deshalb vergessen wurden. Zum Beispiel die Rohrpost.

Die älteren von uns erinnern sich daran: Noch vor Fax und E-Mail schickte man sich in Bürogebäuden die Dokumente auf Papier zusammengerollt in kleinen oder größeren zylindrischen Kapseln gegenseitig zu. Die Kapseln bewegten sich in armdicken Rohren blitzschnell mit Hilfe von Druckluft. Die erste Rohrpost ging in Berlin bereits 1876 in Betrieb. Rohrpost-Systeme versorgten nicht nur Bürogebäude, sondern bestanden teilweise aus Netzwerken mit mehreren hundert Kilometern Reichweite. An diese große Reichweite der damaligen Netze erinnert man sich jetzt in Norwegen.

Norwegen möchte die alte Idee auf ein neues Problem anwenden: Fisch. Fisch kommt heutzutage immer stärker nicht aus dem offenen Meer, sondern aus großen Zuchtanlagen. Da diese aus offensichtlichen Gründen meist nicht nahe Großstädten, sondern weit draußen auf dem flachen Lande, oft in Meeresnähe angesiedelt sind, haben sie ein Problem: Infrastruktur. In Norwegen sind viele Zuchtanlagen an den häufig stürmischen Fjorden oft nicht erreichbar, weil die Straßen periodisch unbefahrbar sind. Brücken und Tunnel zu bauen, würde Milliarden verschlingen. Also plant man, den fangfrischen Fisch durch die Röhre zu liefern.

Von Trondheim nach Paris zum Beispiel sind es 1.600 km Luftlinie. Mit dem LKW dauert das immer noch einige Tage. Mit der Rohrpost wird der Fang zum fliegenden Fisch: Transportgeschwindigkeiten von bis zu 1.200 km/h sind technisch machbar. In gut einer Stunde ist der Fisch in jeder anspruchsvollen Pariser Küche: Der Ausdruck „frische Fische“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Eine andere Anwendung für Retro-Innovation finden wir bei der Müllvermeidung. Wir alle und vor allem unsere Ozeane stöhnen unter der Verpackungsmülllawine. Jetzt setzt ein Startup auf eine Idee, mit der schon Großmutter verpackte: wiederverwendbare Honigtücher. Wer es von früher her nicht kennt: Ein in Honig getränktes Stofftuch konserviert Lebensmittel lange und gut. Ja, schon Großmutter praktizierte Life Hacking. Sie wusste noch vom Honigtuch. Seit in Millionen Küchen Kühlschränke stehen, haben die meisten es vergessen. Jetzt hat es ein Startup wiederentdeckt, führt die Idee zur Marktreife und eröffnet die schöne Perspektive, dass bald Schluss ist mit der Plastikmülllawine, die wir jedes Mal anfüttern, wenn wir vom Discounter kommen.

Die moderne Zeit lässt eben nicht alles Alte alt aussehen. Es macht ebenso wenig Sinn, an Überkommenem festzuhalten wie es Sinn macht, jedem neuen Trend hinterherzulaufen. Alt oder Neu sollten überhaupt keine Kategorien sein, in denen wir denken – auch wenn Werbung und Influencer ständig suggerieren, dass „Neu = Besser“ sei. Ausschlaggebend ist allein: Was ist die beste nachhaltige Lösung?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.