Wir retten doch schon!

Vor einigen Wochen haben wir uns darüber unterhalten, wie wir mit unserem Plastikmüll das Meer und die Fische vergiften und das Meer sich via Nahrungskette mit Plastik in den Fischen an uns rächt: Wir essen das Plastik, das wir wegwerfen. Das Meer bringt verbrauchten Müll sofort zurück und verfüttert ihn an uns. So weit, so schlecht. Man müsste was dagegen tun! Man müsste das Meer retten. Fast unbemerkt tun wir das bereits. Teilweise. Zaghaft, aber beachtenswert.

Wann haben Sie das letzte Mal Schuhe gekauft? Oder Kleidung? Sportartikel? Parfüm? Jetzt nicht online, sondern stationär? Und wie haben Sie Ihren Einkauf nach Hause getragen? Früher glänzten insbesondere Parfümerien und Sportfachhandel im Sinne des Wortes mit eindrucksvoll farbenfroh bedruckten Plastiktüten. Damit wir auf dem Nachhauseweg stolz wie Gladiatoren dem Publikum unseren Einkauf vorführen konnten. Die Tüten gibt es heute noch, aber heute deutlich seltener. Warum?

Weil sie nicht mehr gratis mit jedem Paar Schuh, jedem Flacon Parfüm hergegeben werden. Das ist noch gar nicht so lange her: Erst 2016 vereinbarten das Bundesumweltministerium und der deutsche Handel eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Beendigung der Gratis-Abgabe von Einkaufstüten aus Plastik. 60 Prozent des deutschen Einzelhandels beteiligen sich daran. Warum eigentlich nur 60 Prozent? Wie rechtfertigen die anderen Händler im Zeitalter der Plastikflut ihre Umweltsünde?

Jedenfalls: Seit die bunten Einkaufstüten etwas kosten, gelangen viel weniger davon in Umlauf. Im Jahr vor der freiwilligen Selbstverpflichtung verbrauchten wir Deutschen im Schnitt pro Kopf 45 Tüten. Im Jahr danach waren es noch 29 (wobei die dünnen, durchsichtigen Plastiktüten für Obst und Gemüse nicht mitgerechnet werden). Ein schöner Erfolg also.

Ein Erfolg, den die EU-Kommission angestoßen hatte. Sie hatte bereits 2014 beschlossen, den Pro-Kopf-Verbrauch in der EU auf immer noch reichlich 90 Tüten zu reduzieren. Mit unseren 29 haben wir das gesetzte Ziel also weit übertroffen. Wenn 90 Tüten „wenig“ sein sollen, was haben dann die anderen Länder verbraucht? In Irland zum Beispiel kam Otto Normalverbraucher auf über 300 Einkaufstüten im Jahr. Muss man sich mal vorstellen. Heute sind es nur noch 14. Irland erreichte das nicht mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung des Handels, sondern per Gesetz.

Wohlgemerkt: Weder Selbstverpflichtung noch Gesetz verboten die Tüten, lediglich ihre Gratis-Verteilung. Seither kosten die Tüten ein „angemessenes Entgelt“, wie die EU das formuliert. Der Preis ist schon ein mächtiges Instrument. Erst wenn etwas einen Preis kostet, fangen wir offensichtlich an zu denken. Eigentlich ist das recht primitiv und wirft Fragen auf: Was sagt das über unser Umweltbewusstsein?

Haben wir denn überhaupt eines? Oder ist es nicht eher so, dass unser Umweltbewusstsein im Vergleich zu unserem Preisbewusstsein vernachlässigbar gering ist? Erst wenn Plastik was kostet, lassen wir die Finger davon. Auch wenn es davor schon genauso umweltschädlich war. Das ist wohl gemeint, wenn man vom Sieg der Ökonomie über die Ökologie spricht: Kost‘ nix? Dann ist‘ auch nix wert!

Manchmal verweisen Optimisten auf das Recycling: Schließlich sammeln wir Plastikabfälle im gelben Sack oder in der gelben Tonne! Das kennen wir zwar (hoffentlich) alle aus der eigenen häuslichen Mülltrennung. Doch zieht man einen Strich darunter, kommt heraus, was die Süddeutsche einmal „Das Märchen vom Recycling“ nannte: Lediglich 7 Prozent unserer Plastiktüten landen beim Dualen System. Und dann wird das meiste auch nicht recycelt, sondern verbrannt. Im Klartext: Millionen Plastiktüten landen in der Landschaft oder in Gewässern.

Ja, klar: Hierzulande ist alles relativ sauber. Doch wer einmal in anderen Ländern im Urlaub war, kann eindrucksvoll plastikvermüllte Landschaften, Strände und Küsten erleben.

Lassen wir die industriellen Vermüller einmal außen vor und konzentrieren uns auf das Kehren vor der eigenen Haustür: Was ist eigentlich so schwierig daran, zum Einkaufen die immer selbe(n) Tragetasche(n) oder den jahrelang genutzten Faltkorb mitzunehmen? Kann man sowas denn nicht einfach im Auto auf der Hutablage liegen lassen bis zum nächsten Einkauf? Selbst Menschen, die im Buchladen Bücher kaufen, also gemeinhin als intelligent angenommen werden dürfen, laufen oft mit einer (neuen) Tüte des Ladens aus selbem. Reicht der Verstand zum Lesen, aber nicht zum Mitnehmen einer alten, gebrauchten Tüte? Sind wir als Spezies so wenig lernfähig?

Lernen wir nur was, wenn es richtig was kostet? Ist unser Intellekt so wenig wert, dass er Gehhilfe vom Preis benötigt? Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir den Schutz unserer Umwelt und damit unseren eigenen Schutz mit der falschen Disziplin betrachten: Wir tun so, also ob das ein ökonomisches oder ökologisches Problem wäre. Dabei ist es eher ein didaktisches oder psychologisches: Wie um Himmels willen kriegen wir uns dazu, uns nicht selbst die Welt zu vermüllen?

2 Kommentare zu „Wir retten doch schon!

  1. Ein wichtiges und bewegendes Thema. Mein Standpunkt, gestützt aus Erfahrung und Wahrnehmung.
    Auch ohne erhobene Gebühren, lassen sich Veränderungen im Umweltverhalten bewerkstelligen. Dauert halt viel länger und erfordert immer wieder Appelle. Werden Kosten erhoben, stellt sich eine schnelle Veränderung der Verhaltensweise ein.
    Persönlich glaube ich, dass das Umweltbewusstsein in den letzten Jahren doch erheblich zugenommen hat.

    Die Plastiktüten im Einzelhandel würde ich verbieten ! Rigoros. Natürlich mit entsprechender Information warum und was damit erreicht wird. Es gibt ja schliesslich Alternativen, Sie haben die ja aufgezeigt.

    Dann kämen die restlichen 40% auch nicht mehr in Umlauf und wir sind wieder einen Schritt weiter.

    1. Das ist ein guter Hinweis: Verhaltensänderung geht auch ohne Gebühren – aber mit Gebühren geht’s eben schneller. Und da gebe ich Ihnen frohen Herzens recht: Das Umwelt- und auch das soziale Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Da dürfen wir schon ein wenig stolz auf uns sein. Auch in einem zweiten Punkt würde Ihnen kein vernünftiger Mensch widersprechen: Am schnellsten ginge es mit einem Verbot der Plastiktüte. Ich wäre dann aber sehr gespannt, ob die Medien daraufhin einen Sturm der Empörung entfachen würden, weil sich freie BürgerInnen natürlich nichts verbieten lassen wollen …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.