Die neue Seidenstraße

Wir erinnern uns an den Geographie- oder Geschichtsunterricht an der Schule: Die Seidenstraße verband schon vor über 2000 Jahren die Länder Asiens mit Europa. Sozusagen als Vorläufer der modernen globalen Liefernetzwerke: Globalisierung 1.0. Damals noch auf Kamelen und mit Pferdegespannen.

Ihre größte Bedeutung erlebte die Seidenstraße mit ihrem Netzwerk von insgesamt 6.400 km Länge zwischen 115 v.Chr. und dem 13. Jahrhundert. Doch wer glaubt, dass diese Ära aus den Urzeiten der Logistik vorbei und vorüber sei, täuscht sich: Vor etwa fünf Jahren hat China das Konzept für eine neue Seidenstraße 2.0 vorgestellt. Nicht bloß so eine Idee.

Denn mittlerweile beteiligen sich über 60 Länder an dem Konzept, darunter auch Deutschland. Addiert man die Bevölkerung der beteiligten Länder auf, kommt man auf 4,4 Mrd. Menschen – immerhin zwei Drittel der Weltbevölkerung, die nun praktisch zu Anwohnern der neuen Seidenstraße werden. Als Kunden, Lieferanten oder beidem. Während die USA in Richtung Protektionismus und Einschränkung des Handels abrutschen, bringt die neue Seidenstraße zusammen, was zusammengehört: Menschen, Welt und Handel. Und nicht nur im wirtschaftlichen Interesse.

Wer handelt, übt auch Einfluss aus. Wer Handelswege ausbaut, baut auch seinen Einfluss aufs Weltgeschehen und den Wohlstand der Welt aus. Warum wird dabei ausgerechnet auf so ein uraltes Konzept zurückgegriffen? Aus Nostalgie?

Nein, weil das alte Konzept topmodern ist: Wer heute, sagen wir, ein Maschinenteil von China nach Europa transportieren möchte (und nicht die teure Luftfracht bemüht), muss mit einer Seefracht zwischen drei und fünf Wochen Dauer rechnen. Der Landweg auf der Straße oder Schiene der neuen Seidenstraße ist bedeutend schneller: zwischen elf und 17 Tagen. In logistischen Begriffen gerechnet ist das enorm.

Wenn Hersteller und Händler plötzlich zwei Drittel der zahlenden Menschheit sehr viel schneller erreichen und versorgen können, eröffnet das ungeheure Potenziale für eine Belebung des Handels, der Wirtschaft der beteiligten Länder und des Wohlstands der Nationen. Denn Schnelligkeit ist in Handel und Logistik mittlerweile Trumpf. Kunden kaufen nicht mehr nur, weil sie etwas brauchen, sondern umso mehr, je schneller eine Ware geliefert wird.

Die ersten Züge fahren bereits auf den Schienen der neuen Seidenstraße. Bislang werden darauf hauptsächlich höherwertige Güter wie Fernseher, Smartphones und andere Elektronikartikel transportiert. Es gibt aber auch Pläne, Neuwagen bald nicht mehr per Container-Schiff, sondern mit dem Zug zwischen den Kontinenten zu transportieren.

Die Kosten, die nötig sind, um das alles möglich zu machen, sind kolossal: Es wurden bereits mehrere hundert Milliarden Euro in das Projekt investiert. Damit dürfte es das derzeit größte sinnvolle Großprojekt der Menschheit sein – was in krassem Gegensatz dazu steht, dass bislang nur die wenigsten Menschen überhaupt etwas von dessen Existenz wissen. Man liest ja kaum etwas darüber. Kaum einer redet drüber. Ist vielleicht nicht skandalös genug …

Leider sind die exorbitanten Kosten auch der Grund dafür, dass inzwischen einige Länder wie Malaysia kalte Füße bekommen haben und sich vom Projekt zurückziehen: zu teuer. Obwohl ein Großteil der über 900 Einzelprojekte mit chinesischen Krediten finanziert wird, stellen einige Länder fest, dass sie die Kreditraten kaum bedienen werden können. Die Zukunft des Handels muss man sich erst einmal leisten können. Denn die Infrastruktur in jedem Land, durch das die Seidenstraße führt, muss massiv erweitert und ausgebaut werden: neue Güter-Terminals, Verlade-Bahnhöfe, neue Straßen, Kräne, Koordinationszentren … Ein Konjunkturprogramm für alle Länder, die es sich leisten können. Und ein Job-Motor: Denn wo die Ware rollt, da braucht es auch Fahrer, Rangierer, Kommissionierer und Logistiker, die sie am Rollen halten.

Die neue Seidenstraße ist noch nicht fertig. Es wird überall mit Hochdruck daran gebaut. Einige Jahre wird es schon noch dauern. Die neue Seidenstraße ist ein Work in Progress. Wer weiß, was daraus werden wird? Wer weiß, wie sie unsere Welt verändern wird? Unsere Enkel bestimmt.

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