Kampf der Konzerne

Was die Bundeskanzlerin und ihre Minister zu den Klimazielen sagen, wissen wir: Die Medien sind voll davon. Was sagen Deutschlands Unternehmen zum Klima? Und vor allem: Was tun sie?

Darüber liest und hört man sehr viel weniger. Was seltsam ist. Denn die Politik stößt ja ungleich weniger CO2 aus als, sagen wir, ein Stahlwerk. Also hat die Wirtschaftswoche (am 29. Juli) in einer Studie einen Blick darauf geworfen, wie die Wirtschaft, die beim Wirtschaften Emissionen verursacht, diese klimaförderlich reduziert respektive reduzieren möchte.

Die Studie stellt fest: Das Klima-, Umwelt- und Emissionsbewusstsein ist bei allen untersuchten 30 Dax-Konzernen hoch. Alle kämpfen den guten Kampf. Alle haben und kommunizieren Emissionsziele mit unterschiedlichem Zeithorizont. Die Deutsche Post und Thyssenkrupp zum Beispiel wollen bis 2050 CO2-neutral sein. Das ist lange hin. Doch die Post muss dafür ja auch eine Riesenflotte an Auslieferfahrzeugen umstellen und Thyssenkrupp schmiedet Stahl, der aus rein technisch-naturwissenschaftlichen Gründen zwangsläufig phänomenale Emissionen bei der Produktion freisetzt. Einerseits.

Andererseits: Ist es 2050 trotz aller Anstrengungen vielleicht schon zu spät und nichts mehr vom Klima übrig, was sich noch zu retten lohnt?

Nicht nur deshalb haben sich andere Konzerne nähere Ziele gesetzt. SAP zum Beispiel möchte bis 2023 CO2-neutral sein, Munich Re wollte es bereits 2015 und die Deutsche Bank schon 2012 sein. Nicht alle gesetzten Ziele wurden oder werden absehbar erreicht. Warum nicht? Strengen sich die Konzerne zu wenig an?

Das nicht gerade. Sie unternehmen große Anstrengungen und investieren Millionen. Doch oft sind ihre Geschäftsmodelle untrennbar mit CO2-Emissionen verknüpft. Wer zum Beispiel Stahl oder Autos herstellt, kann gar nicht anders als massenhaft CO2 zu emittieren. Generell gilt: Wer produziert, emittiert. Die Dienstleister haben es gut?

Nicht wirklich. Die Server-Farmen der BigTech-Firmen brauchen ja auch Unmengen Energie, die (noch) nicht zu 100 Prozent aus Wind und Sonne gewonnen wird. Deshalb bezeichnen viele befragte Konzerne das Verfolgen der Klimaziele als „kompliziert“. Manche meinen das ehrlich. Andere nehmen diese Wertung als Ausrede, sich ihre Emissionen schönzurechnen. Wie?

Der international anerkannte Standard für die Emissionsberechnung ist das Greenhouse Gas Protocol, kurz GHG Protocol. Die einfachste Art des Schönrechnens: Man berechnet seine Emissionen zwar, aber nicht nach GHG Protocol, sondern nach eigenem Rechenmodell/Gutdünken. Und spekuliert darauf: Die Öffentlichkeit ist viel zu sehr mit Protestieren beschäftigt, als sich mit Rechenmodellen zu beschäftigen.

Das GHG Protocol unterscheidet drei große Bereiche: Alle Emissionen, die im Unternehmen durch fossile Brennstoffe (zum Beispiel im eigenen Fuhrpark) und selber erzeugtem Strom ausgestoßen werden. Zweiter Bereich: Strom, der am Markt eingekauft wird. Drittens: Emissionen entlang der eigenen Wertschöpfungs- und Lieferkette – hier sind auch also noch die Lieferanten mit drin und jene Emissionen, die bei der Nutzung der hergestellten Güter durch die Kunden entstehen. Wer ein guter Trickser ist, erkennt bereits jetzt die Schönrechen-Optionen.

VW zum Beispiel bläst im Vergleich zu BMW und Daimler sehr viel mehr Emissionen in die Luft – was unmittelbar logisch erscheint: VW verkauft viel mehr Autos, die über den dritten GHG-Bereich zu Buche schlagen. Jedoch: VW rechnet auch mit einer Nutzungsdauer seiner Autos von 200.000 km, während BMW nur 150.000 km zugrunde legt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und ein mündiger Bürger, der (nach)rechnen kann. Die Zahlen sind alle im Internet zugänglich.

Manche Konzerne lassen den dritten GHG-Bereich einfach weg (darunter adidas oder auch Fresenius). Weil er so heftig ins Kontor schlägt. Ehrliche Konzerne rechnen ihn rein und demonstrieren dabei den kleinen Unterschied, der den großen Unterschied macht. Der Kfz-Zulieferer Continental zum Beispiel wies vor 2018 rund 11 Mio. Tonnen CO2 aus. Seit 2018 rechnet Conti nun die komplette Wertschöpfungskette rein. Was tippen Sie?

Jetzt beläuft sich die CO2-Last auf 112 Mio. Tonnen. Buchstäblich der (Liefer)Schwanz, der mit dem Hund wackelt. Bei VW zum Beispiel kommen ca. 98 Prozent der Belastung aus dem dritten GHG-Bereich, also der Lieferkette.

Im Internet nachzulesen ist auch, wer sich verbessert und wer sich verschlechtert hat. Verschlechtert hat sich zum Beispiel Bayer – weil es wuchs, durch den Monsanto-Zukauf. Oder die Lufthansa aus demselben Grund (Zuwachs), seit sie die Flieger von Air Berlin übernommen hat.

Sehr stark verbessert hat sich beispielsweise Beiersdorf (Nivea), weil der Konzern seine Stromversorgung komplett umgestellt hat: 81 Prozent des Stroms kamen 2018 aus erneuerbaren Energien – 2017 waren es noch 45 Prozent. Resultat: Die Gesamtemissionen sanken binnen nur eines Jahres um 15 Prozent – das ist rekordverdächtig gut. Gratulation.

Gratulieren darf man auch SAP, die angeben, bereits heute 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Anstelle von Firmenwagen gibt der Konzern die BahnCard 100 aus. Flugreisen werden intern kompensiert. Zusammengenommen wurden dadurch die Emissionen 2018 um 13 Prozent gesenkt. Allianz, Munich Re und Deutsche Bank geben bereits heute an, emissionsneutral zu wirtschaften. Unter anderem, weil ihre Gebäude maximal energie-effizient gemacht wurden und der Strom aus Wasser, Sonne und Wind gewonnen wird. Was darüber hinaus noch ausgestoßen wird, wird kompensiert (indem man unter anderem Bäume pflanzen lässt).

Es tut sich also was. Das gibt Anlass zur Freude. Es wäre schön, wenn die Leitmedien die Fortschritte aufgreifen würden, damit wir endlich von der medialen Weltuntergangsstimmung und der damit verbundenen erlernten Hilflosigkeit herunterkommen könnten. Weitaus stärker als Unkenrufe motivieren Erfolge zum Mitmachen.

 

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