Eine Stadt auf dem Mars

Vor einigen Wochen startete das erste private Raketen-Taxi zur Internationalen Raumstation ISS. Elon Musk war dabei mit seiner Firma SpaceX der „Taxiunternehmer“.

Wenn US-Astronauten die letzten Jahre zur ISS hoch wollten, mussten sie mit dem staatlich russischen Beförderungsdienst fliegen, der einen satten Preis dafür nahm. Mit dem Start der Rakete von Elon Musk im Mai dieses Jahres waren US-Astronauten seit 2011 zum ersten Mal wieder mit einem amerikanischen Gefährt unterwegs in den Orbit. Wie man hört, unterbietet Musk den russischen Tarif – und jenen der NASA. Doch dafür wurde SpaceX nicht gegründet.

Die Firma nahm mit ihrer erfolgreichen Jungfern- und Taxifahrt zur ISS lediglich Anlauf für ein weitaus größeres Abenteuer: Sie will – bemannt/befraut – zum Mars. Die NASA als staatliches Unternehmen kommt da nicht mehr mit: zu teuer selbst für den gigantischen Staatsetat der USA. Doch genau dafür wurde SpaceX gegründet: Für das Rennen zum Mars und danach zu anderen Planeten. Das klingt aus heutiger Perspektive leicht utopisch bis verrückt.

Doch was will man anderes von einem Mann (und seiner Frau) erwarten, die ihren jüngsten Sohn X Æ A-XII nennen (wir ersparen uns hier den weitläufigen Exkurs zur Namensherkunft – Google weiß Bescheid)? Wobei: Ist die interplanetare Raumfahrt wirklich so verrückt?

Falls wegen Corona nicht die Welt untergeht, tut sie es spätestens am natürlichen Ende unseres hyperaktiven Ressourcen-Verschleißes. Das Space Race zum Mars findet damit sein Pendant auf der Erde: Wer ist schneller? Der terrestrische Ressourcen-, Wasser-, Luft- und Umwelt-Kollaps? Oder Elon Musk mit seiner Rettungsrakete zum Mars? Und hätten sich unsere Eltern gedacht, dass wir diese Fragen im Jahr 2020 tatsächlich ernsthaft stellen würden?

Warum aber erst in 2020? SpaceX wurde bereits 2002 in der expliziten Absicht gegründet, die Menschheit multi-planetar zu machen. Wir machen das wie die Miet-Nomaden. Wenn wir den einen Planeten zugrunde gerichtet haben, mieten wir uns auf dem nächsten ein. Wobei wir wenigstens bei dieser Eskapismus-Phantasie Nachhaltigkeit walten lassen: Die Falcon 9-Rakete von SpaceX ist in großen Teilen wiederverwertbar. Deren erste Brennstufe landet nach Start und Abwurf wieder auf der Erde und kann erneut betankt und verwendet werden.

Dabei ist jene Rakete nur die kleine Schwester jenes in Planung befindlichen Projektils namens Falcon Super Heavy, das über dereinst 100 Tonnen Nutzlast bewegen können soll. Die Rakete beschleunigt dann die Kapsel mit Namen „Starship“, die auf anderen Himmelskörpern mit und ohne Atmosphäre landen können soll; zum Beispiel auf dem Mars. Und das für unter 500.000 Dollar. Was den Gedanken nahelegt: „Komm, wir verkaufen unser Haus und siedeln auf den Mars um!“ (Was lediglich am Anfang der Mars-Emigrationswelle möglich sein wird, weil danach die Immobilienpreise gegen Null gehen werden). Genau diese Exodus möchte Musk mit einer großen Starship-Flotte massenhaft möglich machen.

Die nächste Etappe bei diesem megalomanen Vorhaben ist die Umrundung des Mondes, geplant für 2023, für die sich bereits ein japanischer Milliardär samt Künstlertruppe eingekauft hat. Die Künstler sollen ihre Eindrücke der Mondumrundung zurück auf der Erde künstlerisch zum Ausdruck bringen. Das ist leicht abgehoben.

Total geerdet ist dagegen das neue Space Race: Nationen wie China und Indien, die mit ihren Raumfahrt-Projekten vor allem Prestige einfahren wollen, konkurrieren mit der privaten Industrie um die Aufteilung des Alls und um Milliardenaufträge. Der Weltraum ist inzwischen zum Big Business geworden. Wobei „privat“ natürlich euphemistisch ist angesichts der eklatanten sozialen Opportunitätskosten: Wie viele Millionen hungernder Kinder und darbender Senioren könnte man für diese Weltraum-Milliarden sättigen und versorgen? Und in wie vielen Wochen wäre die Umwelt gerettet, wenn wir dieses horrende Geld in die Rettung der Umwelt und nicht in die Erdenflucht der wohlhabenderen Schichten der Menschheit investieren würden? Doch wenn wir so vernünftig wären, würde sich das Problem mit Hunger, Altersarmut, Klima und Umwelt überhaupt nicht stellen. Also weiter wie gehabt.

Ab 2025 will Elon Musk den Mars in großem Stil besiedeln und dort oben eine Stadt bauen. 2025? Das heißt: Wir werden es noch erleben. Musk plant fest damit und haut auch die passenden Sprüche dazu raus: Er wolle dereinst auf dem Mars sterben – aber nicht schon bei der Landung. Bis 2050 soll Mars City eine Million Menschen groß sein. Und der Standort ist gut.

Denn ein Mars-Tag dauert rund 40 Minuten länger als ein Erdentag: 40 Minuten mehr Produktiv- oder Streaming-Zeit pro Tag; das ist doch mal’ne Ansage. Ein Mars-Jahr dauert 687 Erdentage; in Mars-Jahren sind wir also nur ungefähr halb so alt wie auf der Erde. Lediglich das Wetter ist gewöhnungsbedürftig: Die Temperatur schwankt zwischen minus 133 und plus 27 Grad. Doch wenn Netflix weiter so wächst, haben wir weder Zeit noch Lust, nach draußen zu gehen. Auch Übergewicht und Fettleibigkeit erhalten auf dem Mars eine neue Perspektive: Wer auf der Erde 75 Kilo auf die Waage bringt, wiegt auf dem Mars lediglich noch 28,5 Kilo. Selbst die Anreise ist keine unbillige Härte: Der Flug zum Mars dauert rund 1,5 Jahre.

Das ist eine lange Zeit. Doch ein Blick auf die Entfernungen relativiert das. Während der Mond „nur“ 380.000 km von der Erde entfernt ist, ist der Mars zwischen 55 und 400 Millionen Kilometer weit weg (je nach Position von Erde und Mars auf ihren beiden Umlaufbahnen um die Sonne).

Mars City? Man könnte das Ganze immer noch als reine Utopie und Wolkenkuckucksheim eines abgehobenen Visionärs betrachten. Doch Elon Musk ist kein Sci-Fi-Phantast. Er hat VWL und Physik studiert und verfügt nicht nur über hohes technisches Verständnis (s. Tesla), sondern auch über den nötigen wirtschaftlichen Sachverstand (s. Paypal). Es ist ihm zuzutrauen, dass er sein unerreichbar scheinendes Ziel tatsächlich erreicht. Er ist Genie und Visionär. Könnten wir für andere Meta-Ziele wie Klima, Umwelt, Altersarmut, Trinkwasserversorgung, Kindesmissbrauch und Pandemien nicht mehr von solchen Genies und Visionären haben?

Schreibe einen Kommentar zu Nick G. Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.