Ganz nah und doch so fern: Digitale Lehre

Die meisten von uns arbeiten, falls möglich, immer noch oder schon wieder im Home Office. Wer noch zur Schule geht, geht noch in die Schule, das heißt ins Schulgebäude, doch an den Hochschulen herrscht weitgehend digitale Lehre.

Es gibt nur noch wenige Präsenzveranstaltungen.  Die meiste Zeit wird von der Studentenbude oder vom Wohnheim aus studiert, mit Notebook, Tablet oder PC.

Im klassischen Vor-Corona-Studierenden-Alltag sitzt man/frau morgens mit 900 anderen im Audimax oder mit 20 im Seminar, geht dann mit hundert anderen zur Mensa, danach vielleicht in die Bibliothek und wenn man dazwischen auf dem weitläufigen Campus während eines Tages kein Dutzend informeller Begegnungen und Gespräche hatte, war es ein eher campus-untypischer Tag. Das macht eine Hochschule aus – und macht sie zum Alptraum jedes Viro- und Epidemologen, auch wenn die empirischen Zahlen momentan weitab von jedem Superspreader Event liegen. Seit Corona ist das anders.

Da kommt auch schon mal ein neuer Assistent an den Lehrstuhl und fragt halb scherzhaft: Ist das hier überhaupt eine Universität? Wo sind die Leute alle hin?

Und trotzdem studieren die Studierenden, schreiben Klausuren und machen ihre Prüfungen. An den Schulen klappt das nicht so toll, was nicht an den Schulen liegt, sondern daran, dass nur wenige Schüler die hohe Kunst des selbstständigen Lernens beherrschen und weil nur wenige heutzutage noch einen PC oder ein Notebook haben. Wozu auch, wenn sie alles Digitale, das sie zum Leben brauchen, auf dem Smartphone finden?

Der Vorteil der digitalen Lehre – für Professoren und Dozenten: Es gibt inzwischen viele sehr gute Software-Tools, mit denen hoch effizient ganz wunderbare Vorlesungen erstellt werden können und erstellt werden: übersichtlich, bunt, didaktisch eingängig, methodisch abwechslungsreich, animiert, interaktiv, mit Quellen bereits in Link-Form. Trotzdem oder gerade deshalb ist das Echo zwiespältig.

Viele Studierende loben zwar Art und Qualität der digitalen Darreichung, beklagen jedoch die soziale Deprivation. Andere beklagen genau das Gegenteil. Da schreiben wir tatsächlich mal ein Tutorium als Präsenzveranstaltung aus und prompt beschweren sich einige: „Können wir das nicht auch von zu Hause aus machen? Ist doch viel bequemer!“ Das ist es, wenn man überhaupt nicht mehr aus der Bude raus muss – 1,2 Millionen Hikikomori-Japaner lassen grüßen.

Auch ein Pluspunkt von Corona (die Ironie ist beabsichtigt): Raumknappheit ist kein Problem mehr. Vor Corona mussten sich gelegentlich auch schon zwei Seminare einen Saal teilen – mit provisorischen Raumteilern, welche die Sache keinen Deut besser machten. Heute hat sich das Problem erledigt – mehr noch: Inzwischen überlegen die Behörden, ob sich im Zuge der pandemie-bedingten Zweiteilung von Schulklassen nicht einige Klassen in Gemeindesälen und eben auch in Seminarräumen von Hochschulen einquartieren ließen. Wir hätten hier auf dem Gelände Platz für ganze Schulen! So viel zu den Vorteilen von Corona – falls man das so bezeichnen kann.

Auf der anderen Seite gehen Hochschulen durch den anhaltenden Lockdown und die Digitalisierung der Lehre eines Vorteils verlustig, den nicht nur die meisten Studierenden als überragendes Charakteristikum eines Hochschulstudiums bezeichnen: der direkte, persönliche, vielfältige und hochfrequente Kontakt zu und Austausch mit vielen anderen Menschen auf dem Campus. Ein hohes Gut für eine Uni.

Und nicht nur für Studierende, sondern auch für uns Lehrende. Der direkte persönliche Kontakt ist wichtig, weil wir nicht nur Themen vermitteln, sondern auch mit den Leuten darüber reden, diskutieren, gemeinsam etwas daraus machen wollen. Wir sind hier nicht an einem Gymnasium, wo einer vorne steht und doziert und viele drinsitzen und stumm rezipieren (das ist eine gewollte Überzeichnung). Die universitäre Lehre entsteht interaktiv, in Gespräch und Austausch – ganz wie im späteren Berufsleben. Das macht eine Uni aus.

In einem Wort: Campus-Leben. Viele neue Leute kennenlernen, auch aus ganz anderen Fachrichtungen, interdisziplinärer Austausch auch mal auf ein Bier, Menschen treffen, die aus einem ganz anderen Background kommen und sich mit ihnen konstruktiv auseinandersetzen. So etwas ist die beste Vorbereitung in Sozialkompetenz auf einen Beruf. Und das gibt es in dieser Form nur auf einem Campus – prä-corona. Denn das ist jetzt gerade und auf absehbare Monate erst einmal weitgehend im Eimer. Das ist die totale Verarmung. Das ist kein Studentenleben – im Allgemeinen schon nicht.

Und im Besonderen schon dreimal nicht, wenn es um Gruppen geht, die auf besonderen Kontakt geradezu existenziell angewiesen sind; zum Beispiel internationale Austausch-Studierende, die fern der Heimat jetzt praktisch in sozialer Isolation stecken und Gefahr laufen, völlig zu vereinsamen – trotz aller virtueller Möglichkeiten. Kein Tweet ersetzt die älteste analoge „App“ der Welt: direkten menschlichen Kontakt. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen und kein digitales – den lawinösen Nutzungszeiten (un)sozialer Medien zum Trotz und Hohn. Auch Menschen mit einer Hör- oder Sprachbehinderung haben es in dieser Zeit nicht gerade leicht. Für sie ist digital kein gleichwertiger Ersatz für menschlich. Nichts Digitales ersetzt das ungefilterte menschliche Erlebnis.

Wir haben das jetzt ein Sommersemester lang gemacht und inzwischen setzt selbst bei den in der Wolle gegerbten Digital Natives eine ausgesprochene Zoom-Müdigkeit ein. Man hat einfach keine Lust mehr auf Online-Meetings. Sie sind viel zu effektiv und zu effizient: Kein Small Talk zu Beginn lenkt ab – oder verleiht den eigenen Akkus die nötige soziale Ladung. Und trotzdem haben einige angebliche Vordenker die niedere Stirn, das als „New Normal“ zu bezeichnen.

Mehr noch: In der Zwischenzeit wird selbst dann bereits von einer „Konferenz-Veranstaltung“ geredet, wenn man sich lediglich virtuell trifft. Der Sprachgebrauch hat sich schneller sozial distanziert als das für uns alle gut wäre.

Neulich freute sich eine Kollegin darüber, dass jetzt auch die manchmal recht komplexen Raumbuchungen wegfallen und man weniger organisieren muss. Ein anderer Kollege machte sie darauf aufmerksam, dass auch digitale Vorlesungen vorbereitet werden müssen, aufgezeichnet, in einigen Teilen mehrfach, wenn man sich mal verhaspelt hat, geschnitten, bearbeitet und hochgeladen – auch das macht Arbeit. Viele Referenten sagen deshalb: „Da halte ich doch lieber eine Präsenzveranstaltung – die macht deutlich weniger Arbeit und wenn ich mich dabei verspreche, muss ich das nicht erst wiederholen und schneiden.“

Natürlich bemüht sich jede Hochschule, die digitale Lehre so gut wie möglich zu gestalten. Doch dabei müssen wir uns mit Playern messen, die uns eingestandenermaßen weit überlegen sind: die Fern-Unis. Sie haben beim Distanzlernen in Jahrzehnten eine Meisterschaft entwickelt, die wir uns gezwungenermaßen in nur einem einzigen Semester aneignen hätten müssen. Das geht sich kurzfristig noch aus.

Doch langfristig erhebt sich daraus nichts weniger als die Existenzfrage: Wenn ich als Studierender schon online studieren muss, dann kann ich das doch gleich a) bei den Vollprofis von der Fern-Uni machen oder b) bei einer renommierten amerikanischen, französischen oder britischen Elite-Uni, in deren Präsenzstudium ich nie im Leben reinkommen würde – aber dafür locker und mit Handkuss in ihr Online-Studium. Also wozu noch deutsche Unis? Provokant gefragt? Das ist eine Frage und eine Gefahr, die heute noch deutlich unterschätzt wird.

Die Umstellung von Präsenz auf Online hat bei uns relativ gut geklappt. Doch wenn das noch lange so weitergeht, müssen wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, wie eine Online-Uni langfristig funktionieren und reüssieren soll.

 

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