Ausgerechnet Estland!

Ausgerechnet das kleine Estland ist bei der Digitalisierung so etwas wie ein internationaler Vorreiter. Man denke: Ein Land, kleiner als die Stadt München, mit nur 1,3 Millionen Einwohnern. Warum Vorreiter?

Weil in Estland zum Beispiel 99 Prozent der staatlichen Dienste digitalisiert sind; das sind rund 3.000 Anwendungen. Wer beispielsweise seine Steuererklärung macht, macht sie online – wie auch wir, wenn wir Elster nutzen. In Estland dauert so eine digitale Steuerklärung – was schätzen Sie?

Im Schnitt acht Minuten. Das ist der Unterschied zwischen Digitalisierung und Digitaler Transformation. Digitalisierung ist, wenn man ineffiziente analoge Prozesse einfach digital auf Code schreibt. Digitale Transformation dagegen ist, wenn man die Steuererklärung nicht nur codiert, sondern sie zugleich so agilisiert, dass man sie in acht Minuten schafft, auch ohne vorher eine Ausbildung als Steuerberater abgelegt zu haben. Nur damit wir im Vergleich dazu nicht ganz so schlecht dastehen: Auch John Doe in den USA braucht für seine Steuererklärung im Schnitt acht Stunden. Apropos USA: Die Esten können bereits seit 2005 ihre Volksvertreter online wählen; auch und gerade, wenn sie im Ausland leben.

Wohlgemerkt: Ich behaupte nicht, dass digital alles besser sei. Besser ist, was besser ist. Doch dass so kleine Fische so viel schneller schwimmen als die großen Karpfen – stört das den fett gewordenen, saturierten und auf hohem Niveau dauerwehklagenden Karpfen nicht?

Im Übrigen ist in Estland nicht jeder staatliche Dienst digital. Drei Erledigungen, für die man eine behördliche Bestätigung braucht, sind noch nicht online und werden es möglicherweise nie sein. Worauf tippen Sie?

Eheschließungen, Scheidungen und Immobilienkäufe.

Als digitaler Zugang zu den rund 3.000 digitalen Diensten dient ein sogenannter Bürgerausweis. Dieser verschafft dem Bürger und User nicht nur Zugang zum öffentlichen Service-Netz, sondern ist zugleich auch Führerschein, Personalausweis und Versichertenkarte. Warum können die Esten das schon und wir noch nicht? Das ist eine rhetorische Frage für die Bürgerin eines Landes, dessen Behörden Vorzeigeprojekte wie den Berliner Flughafen on time, on target und on budget fertigstellen.

Eine weniger wutrauchende Erklärung könnte lauten: Die Esten starteten ihre nationale Digitalisierungsoffensive bereits 1997, hatten also den schnelleren Start. Warum? Weil sie ganz offensichtlich kollektiv geistig gesünder sind – gemessen gemäß international üblichem OCEAN-Modell, wobei O für Openness, Offenheit für Neues steht: Die Esten sind offener für Neues. Warum?

Vielleicht, weil die estnische Regierung im Jahr 1997 einen Altersschnitt von 35 Jahren hatte – nota bene: im Schnitt! Es waren also noch deutlich Jüngere im Kabinett. Acht Jahre zuvor war das Land noch Teil der Sowjetunion. Erst 1991 wurde Estland unabhängig und nutzte seine neugewonnene Freiheit, um auch digital durchzustarten. So ein Erweckungserlebnis fehlt uns natürlich – wir hatten unseres mit dem Wirtschaftswunder.

Wer so schnell startet, hält das Tempo hoch: Bereits 2001 begann Estland, bei Kryptographie und Blockchain vorzureiten – als hierzulande nur Experten beide Begriffe kannten. Seit 2012 nutzen die Esten beide Technologien zur Abwehr von Hacker-Angriffen, während wir noch über mögliche Anwendungen der Blockchain diskutieren. Trotzdem herrschen in Estland keine chinesischen Verhältnisse. Jeder Bürger genießt zwar eine hohe IT-Sicherheit, kann jedoch beim Erstellen seines Bürgerausweises festlegen, welche seiner Daten welchen amtlichen Stellen zugänglich sind. Falls Behörden untereinander auch mal fünfe grade sein lassen und Bürgerdaten unerlaubt austauschen sollten, kann das strafrechtlich verfolgt werden: Datendiebstahl ist kein Kavaliersdelikt, sondern kriminell. In Estland.

Die Esten digitalisieren nicht nur, sie wollen auch automatisieren. Kommt in Zukunft in Estland ein Kind zur Welt, meldet das Krankenhaus automatisch seine Ankunft den Behörden, die den glücklichen Eltern dann von sich aus postwendend eine E-Mail senden mit der Krankenversicherungsnummer des Kindes und dem bereits erteilten Kindergeldbescheid: Service vom Staat am Bürger. Bei uns wird der Bürger, wenn er sich schon die Unverschämtheit erlaubt, künftige Steuerzahler in die Welt zu setzen, mit Behördengängen nicht unter einer Handvoll grauer Haare bestraft. Es ist schwer, bei diesem Thema nicht zynisch zu werden. Hätten wir so eine Bürgernähe nicht auch verdient? Längst? Oder besser gefragt: Wird das noch was?

Beeindruckend auch, wenn die Esten ihre Bilanz aufmachen. Mit solchen Services nimmt der Staat seinen Bürgern nicht nur Arbeit und Behördengänge ab, sondern spart sich selbst nach eigenen Angaben damit 1.400 Jahre Arbeitszeit – pro Jahr! Plus 2 Prozent weniger Staatsverschuldung. Digital ist effizient und verschwendet keine Steuergelder für aufgeblähte Bürokratie. Denk ich dagegen an Deutschland in der analogen Nacht …

Bis 2022 will unser Behördenapparat 575 Verwaltungsleistungen wie Elterngeld oder den Führerschein digital anbieten. Unser Innenminister hat sinngemäß festgestellt, dass wir bei der Digitalisierung zwar „nicht in der Spitzengruppe“ sind, jedoch dorthin wollen. Wenn man bis in zwei Jahren lediglich 575 Services digitalisieren möchte, ist das sicher noch ein langer Weg. Vielleicht sind wir in zehn Jahren so digital wie Estland vor zehn Jahren schon war.

In der Hauptstadt Tallinn liegt das Silicon Valley des Baltikums, wenn nicht Europas: Ülemiste City. Nicht von ungefähr: Estland hat die höchste Rate an Neugründungen und Start-ups pro Einwohner in Europa. Ein Unternehmen zu gründen, dauert in Estland 15 Minuten, in Deutschland mit sämtlichen Registrierungen, Genehmigungen und der Kapitalbereitstellung leicht einige Wochen/Monate. Wozu auch die Eile mit der Gründung von Unternehmen? Wir haben doch genug davon! Haifischkapitalismus? Das erinnert vom Tempo her eher an Seeschnecken …

Und es ist ja nicht nur dieser eine Faktor. Das estnische Phänomen ist kein unimodales. Die Esten haben das durch und durch durchdacht – bis hin zur Verankerung der Digitalisierung in der Verfassung: WLAN ist in den Grundrechten verankert, der freie Netzzugang ist des Esten Grundrecht. Deshalb sind 99 Prozent des Landes mit WLAN abgedeckt. Man denke: Internet als Grundrecht!

 

5 Kommentare zu „Ausgerechnet Estland!

  1. Liebe Fr. Hartmann,
    vielen Dank einmal mehr für Ihren herzerfrischenden Artikel, der völlig zurecht den Finger in die Wunde legt. Was werden nicht alles für Reden über die Digitalisierung bzw. digitale Transformation gehalten, doch was passiert letztendlich? Nichts! Dazu habe ich in meinen Blog-Beiträgen bereits mehrfach Stellung bezogen, z.B…

    …im Juli über nicht beherrschte Prozesse bei den Corona-Hilfen (https://volkerstiehl.de/2020/07/06/betrug-bei-corona-hilfen/)
    …im Oktober über das Prozessversagen in der Berliner Verwaltung (https://volkerstiehl.de/2020/10/16/prozessversagen-in-berliner-verwaltung/)
    …kürzlich im Dezember über die Verzögerung bei der Auszahlung der Novemberhilfen (https://volkerstiehl.de/2020/12/07/software-verspaetet-sich/)

    Dazu passt mein gestriges Gespräch mit dem Unternehmer eines Start-ups, der sich auf die Hilfen aus dem Frühjahr beworben und diese bis heute nicht bekommen hat. Er fragt sich zurecht, welches Start-up so lange aushält? Nur Dank seines persönlichen hohen Engagements und Dank hilfsbereiter Investoren gibt es seine vielversprechende Firma noch!

    Ich möchte zu Ihrem Beitrag eine kleine Anekdote ergänzen, die das ganze Ausmaß dieser Misere verdeutlicht. Da ich selbst im Bereich „Digitale Transformation“ unterwegs bin (ich lehre über die Entwicklung von Unternehmensanwendungen an der Technischen Hochschule Ingolstadt), bot ich Hrn. Söder nach seiner Regierungserklärung im April diesen Jahres meine Hilfe zur beschleunigten Digitalisierung von Prozessen an. Es passierte natürlich nichts. Keine Reaktion. Schließlich kam, was kommen musste: Im August schlug die Corona-Panne in Bayern aufgrund mangelhafter Umsetzung der dazugehörigen Prozesse hohe Wellen. Wie ich in meinem Blog dazu geschrieben habe (https://volkerstiehl.de/2020/08/13/corona-panne-bayern-mit-pda-vielleicht-nicht-passiert/), wäre dies sehr wahrscheinlich leicht zu vermeiden gewesen.

    Ich ließ mich also nicht entmutigen und wandte mich an das Staatsministerium für Digitales (https://www.stmd.bayern.de/). Sie weisen in Ihrem Blog-Beitrag ja auch auf die 575 Leistungen hin, die es zu automatisieren gilt (https://www.stmd.bayern.de/themen/digitale-verwaltung/onlinezugangsgesetz/). Zur Lösung dieser Herausforderung wollte ich meinen Beitrag leisten. Tatsächlich bekam ich auch einen Termin und in einem kleinen Vortrag präsentierte ich meine Lösung, die zu einer signifikanten Beschleunigung der digitalen Transformation und somit zur Erreichung der angestrebten Ziele beitragen kann. Wissen Sie, was ich als Antwort bekam? Für die Implementierung sei man nicht verantwortlich. Man habe auch keine Richtlinienkompetenz. Jedes Fachgebiet entscheide dies letztendlich für sich. Das Staatsministerium für Digitales ist also ein zahnloser Tiger.

    Da frage ich Sie: Wie soll daraus je etwas werden? Jeder kocht sein eigenes Süppchen – für mich klingt das nach Chaos pur. Mir zeigt es aber auch, dass man sich eigentlich nicht helfen lassen will. Denn natürlich gibt es Optionen! Gerade die prozessmodellbasierte Entwicklung von Lösungen hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Von daher hoffe ich auch, dass Sie das mit dem Satz „ineffiziente analoge Prozesse einfach digital auf Code schreibt“ mit einem Augenzwinkern geschrieben haben. Prozesse werden ja nicht mehr kodiert, sondern modelliert und über Process Engines ausgeführt. Darauf basiert letztendlich auch der „Prozessgesteuerte Ansatz“, der ein methodisches Digitalisieren ermöglicht. Denn das Aufdecken von Missständen ist das eine. Konstruktive Lösungen anzubieten jedoch das andere und das kommt leider oft viel zu kurz. Gerade bei der digitalen Transformation stehen Behörden und Unternehmen vor der alles entscheidenden Fragen, WIE sie es konkret angehen und umsetzen (sprich implementieren) sollen. Und genau dazu liefert der „Prozessgesteuerte Ansatz“ die Antwort.

    Mit den besten Grüßen,
    Volker Stiehl
    https://volkerstiehl.de/

    1. So tragisch Ihr prominenter Bericht aus dem Herzen der Praxis auch ist, wir hier am Lehrstuhl wussten bei dessen atemberaubender Lektüre stellenweise nicht, ob wir lachen oder weinen sollten, zum Beispiel bei: ‚Für die Implementierung sei man nicht verantwortlich.‘ Das schlägt dem Fass den Boden ins Gesicht. Dass es überhaupt noch Kompetenzträger wie Sie gibt, verehrter Herr Stiehl, die sich für eine derart verirrte Verwaltung derart motiviert einsetzen, ist ein größeres Wunder als die Demokratie, auf der sie fußt. Eins steht fest: Diese Verwaltung hat Sie nicht verdient. Auch wenn Sie der Rufer in der Wüste bleiben: Bitte weiter so, immer weiter so!

      1. Liebe Fr. Hartmann,
        in dem Zusammenhang „Digitalisierung“ bin ich nochmals ein wenig in Ihren Blogs stöbern gegangen und habe einen bemerkenswerten älteren Beitrag aus dem Jahre 2019 (!!!) gefunden, denn die Unfähigkeit zur Digitalisierung ist ja nicht nur ein Phänomen des öffentlichen Bereiches, sondern ein generelles.
        Ich habe Ihren Beitrag vom 04.03.2019 hier nochmal verlinkt: https://blogs.fau.de/weltbewegend/2019/03/04/wheres-the-revolution/

        Dort schreiben Sie: „Die größte Chance der Digitalisierung liegt demgemäß nicht im Kostensparen, sondern im Umsatzsteigern, in der Schaffung neuer, digitaler Prozesse, Bestell-, Steuerungs- und Zahlvorgänge und in der Eroberung komplett neuer Geschäftsmodelle.“

        Man möchte die in diesem Satz enthaltene Botschaft förmlich herausschreien – so wichtig ist sie! Allerdings ist Ihr Beitrag nun auch schon wieder fast zwei Jahre alt und was hat sich seitdem geändert?

        In einem ähnlichen Beitrag bin ich ebenfalls auf dieses fundamentale Problem der Digitalisierung eingegangen. Ich analysiere darin, wo potenzielle Gründe für diese fragwürdige Verweigerungshaltung unserer Industrien liegen könnten und welche Ansätze es zur Lösung gibt. Ich fand interessante Parallelen zu den von Clayton M. Christensen in seinem Buch „The Innovator’s Dilemma“ gemachten Analysen. Den Link zu dem Artikel mit dem Titel „Weg aus dem ‚Innovator’s Dilemma‘: Der Prozessgesteuerte Ansatz“ finden Sie hier:
        https://volkerstiehl.de/weg-aus-innovators-dilemma-pda/

        Wenn Sie das lesen, hätten Sie dann nicht Lust, dieses Problem gemeinsam anzugehen? Es gibt doch offensichtlich vielversprechende Ansätze. Dann wäre ich auch nicht mehr der einsame Schreier in der Wüste ;-)

  2. oh wei oh wei. Was dieses Thema betrifft, das sieht ja wirklich Übel aus in unserem Lande.

    Ob von unseren Politikern schon mal jemand in Estland diesbezüglich war ? Ich kenne die Antwort nicht. Habe aber eine Vermutung.

    Andererseits macht es Mut wenn man liest was alles möglich ist um den Bürgern nicht noch mehr Formulare aufzubürden, sondern die Verwaltung aktiv nach Erleichterungen sucht und umsetzt.

    Ob ich das noch erleben darf ?

    1. Lieber Norbert, das fragen wir uns wohl alle: Erleben wir das noch? Bestimmt schneller, wenn wir zum Beispiel bei unserer kommunalen Verwaltung immer wieder höflich digitale Möglichkeiten konkreter Amtsbesorgungen anfragen. Was nachgefragt wird, wird eventuell eher gemacht.

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