Jedes fünfte Kind

Wir sind ein Lehrstuhl für Mobilität, das heißt Bewegung – und hier beginnt der Jammer: Wir bewegen uns zu wenig, unsere Studierenden und unsere Leserinnen und Leser bewegen sich zu wenig, die Schar der Home Office-Arbeiter bewegt sich zu wenig und insbesondere unsere Kinder. Mit Folgen.

Unter den deutschen Kindern im Alter zwischen 11 und 13 Jahren ist jedes fünfte Kind übergewichtig oder gar adipös. 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen hierzulande schaffen nicht die von der WHO empfohlene Minimalbewegung von einer Stunde täglich. 70 Prozent unserer Kinder geben bis zum Alter von 13 Jahren den Sport ganz auf, weil sie die Lust daran verlieren. Das ist eine nationale Tragödie, die keinen interessiert. Wie kann das sein?

Wo Sport doch Schulfach ist! Ja, aber was für eines! Wie viele Wochenstunden Deutsch, Mathe, Englisch, Musik und Sachkunde hat ein Kind heutzutage? Und wie viele Wochenstunden Sport? Dies als Missverhältnis zu bezeichnen ist ein Euphemismus. Schulsport ist eine Quantité Négligeable. Das reicht nirgends hin, nicht einmal für die WHO-Minimaldosis. Und auch nicht gemessen an den eigenen Ansprüchen, die der Schulsport an sich hat. In der Literatur findet man grob vier solcher Ansprüche: Schulsport soll

  1. Freude an der Bewegung wecken. Das tut er – bei den ohnehin sportlichen Kindern. Bei den anderen, die es besonders nötig hätten, weckt er eher das Gegenteil.
  2. Schüler mit verschiedenen Sportarten bekannt machen, damit sie jene Sportart entdecken, die ihnen Spaß macht. Es gibt 33 Olympische Sportarten, während an der Schule meist der klassische Schulsport-Fünfkampf betrieben wird: Fußball, Geräteturnen, Basket- und Volleyball, Leichtathletik. Die Auswahl ist zu klein, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.
  3. das Wissen vermitteln, welcher Sport welche Motorik braucht: s. 2.
  4. Haltungsschwächen von Kindern entgegenwirken. Mit drei Stunden wöchentlich? Das ist rein physiologisch unmöglich. Das wissen Ärzte, Physiotherapeuten und Sportmediziner. Wer sonst noch?

Die meisten Lehrpläne empfehlen drei Schulsportstunden pro Woche. Nicht einmal diese unzureichende Dosis wird erreicht, weil rein statistisch betrachtet im Bundesdurchschnitt jede vierte Sportstunde ausfällt, zum Beispiel wegen Lehrermangel. Und dann gibt es Pädagogen, die tatsächlich, meist in Sonntagsreden, behaupten, dass die Entwicklung des kindlichen Körpers so wichtig wie die seines Geistes sei. Wer hat da eben laut lachen müssen? Eltern. Und alle, die als Kind auf die Welt kamen. Nebenbei bemerkt: 50 Prozent des Sportunterrichts werden von Lehrerinnen und Lehrern gehalten, die keine Sportausbildung genossen. Das machen wir ja auch mit Erwachsenen so: Wenn Sie zum Zahnarzt gehen, kann es sein, dass ein Orthopäde Sie behandelt. Das kann nicht sein? Nicht bei Erwachsenen. Aber mit Kindern kann man das ja machen.

Am Ende produziert der Schulsport mit geradezu perfider Zuverlässigkeit Sport- und Bewegungsmuffel. Jene Kinder, die bereits vor der Einschulung Spaß an der Bewegung hatten, sportlich und fit sind, ernten Anerkennung und sportlichen Erfolg im Schulsport und werden so zum Weitermachen motiviert. Den unsportlichen, bewegungsdeprivierten Kindern dagegen, die es am nötigsten hätten, wird Sport und Bewegung madig und noch schwerer gemacht, worauf sie oft gänzlich die Lust verlieren. Ich sage nur eines: Reck.

Wir alle mussten ran. Warum? Wegen der Gleichbehandlung? Wenn also die Konferenz der Tiere im Wald stattfindet, müssen die Fische auf den Baum fliegen? Gleichbehandlung ist das Gegenteil von Sport und das weiß auch jeder Trainer im Breiten- und Freizeitsportbereich. Der Fachausdruck heißt: Individualisierung. Vielen Kindern fehlt schlicht die körperliche Voraussetzung für einen Felgaufschwung. Trotzdem müssen sie ran und machen sich lächerlich vor der ganzen Klasse – anstatt dass sie mit einem individualisierten Bewegungsangebot sich so bewegen dürfen, wie ihre körperlichen Voraussetzungen das zulassen.

Stattdessen muss ein Kind, das schon mit bloßem Auge als damit hoffnungslos überfordert erscheint, sich beim Felgaufschwung blamieren. Das ist kein Schulsport, das ist ein Big T-Trauma mit absehbaren Spätfolgen, von denen Hypomobilität nur eine ist. Die unsportlichen Kinder werden am meisten, stärksten und nachhaltigsten vom Schulsport geschädigt. Es sollte genau umgekehrt sein. Und nach Corona ist sowieso alles hoffnungslos. Viele Kinder haben mächtig an Gewicht zugelegt und an motorischer Fähigkeit verloren. Jugendtrainer berichten, dass die Hälfte der C-Jugend keinen Ball mehr trifft und beim Geradeauslaufen über die eigenen Füße stolpert. Und daran soll das Kind schuld sein?

Körperliche Fitness ist bekanntlich nicht nur gut für die körperliche, sondern auch für die geistige Fitness: Mens sana in corpore sano. Bewegung fördert die kognitiven Fähigkeiten, stärkt Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit und Sozialverhalten. Was also können wir tun, damit Schulsport wieder attraktiv wird und unsere Kinder mobiler, gesünder und fitter macht? Betrachten wir drei Ansätze.

Erste Lösungsoption: Weniger Leistungsdruck, Schulnoten im Sportunterricht abschaffen! Spaß an der Bewegung statt Noten und Leistungsdruck. Oder eine Notengebung wie im Training von Spitzensportlern: Maßgeblich ist nicht die absolute, sondern die relative Leistung. Ein Kind, das zum Beispiel seine eigene Ausdauer oder Maximalkraft dank Schulsport um 30 Prozent steigert, bekommt die Eins oder 15 Punkte. Klingt utopisch? Nicht für Musterschulen. An einem Kölner Gymnasium zum Beispiel gibt es bis zur 8. Klasse keine Noten für den Schulsport. Vielmehr erhält jeder Schüler und jede Schülerin am Ende des Schuljahrs einen Feedback-Bogen mit Anregungen zu eben der Verbesserung der eigenen relativen Leistung, mit Tipps für die Steigerung der Teamfähigkeit und mit Anerkennung für persönliche Fortschritte. Warum schaffen das nicht mehr Schulen?

Zweiter Ansatz: Mehr Vielfalt im Schulsport! Also nicht immer nur den klassischen Schulsport-Fünfkampf (s.o.). Manchmal berichten Kinder: „Ich finde Speerwurf ganz toll! Das haben wir aber nur zweimal während des ganzen Jahres gemacht.“ Wie soll ein Kind seine Spaßsportart finden, wenn diese nicht oder nur marginal unterrichtet wird?

Drittens: Mehr und bessere Kooperation Schule/Verein. In einigen Städten wird das bereits vorbildlich praktiziert. In anderen scheitert das an bürokratischen Hürden, dem guten Willen und der Kommunikation. Wie wäre es zum Beispiel mit Demo-Stunden von Vereinstrainern an Schulen? Oder Exkursionen der Schule in den Vereinssport? Oder mit speziellen Angeboten für „Krasse Anfänger“, die eine so niedere Hemmschwelle aufweisen, dass selbst das unsportlichste Kind Lust darauf bekommt?

Warum reden wir ausgerechnet über Schulsport? Im Ernst: Diese Frage wird immer noch gestellt. Im 21. Jahrhundert. O tempora, o mores! Weil Bewegungsmangel im Kindesalter wie Rauchen ist: Die Spätfolgen sind epidemisch, katastrophal und nicht selten tödlich. Fürs Rauchen wissen wir das. Die Zahlen sind da. Für Hypomobilität im Kindesalter sind die Spätfolgen noch schwach erforscht. Sollen wir warten, bis nachgewiesen ist, dass Erwachsene mit kindlichen Bewegungsdefizit zehnmal häufiger an Zivilisationskrankheiten erkranken und sieben Jahre früher sterben?

Lassen wir lieber den gesunden Menschenverstand walten: Wer als Kind Bewegung zu hassen gelernt hat, hasst sie auch als Erwachsener. Wer als Kind schon 5 Kilo zu viel hatte, schafft es als Erwachsener mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 15 Kilo – und kriegt sie nicht wieder runter. Und lebt kürzer, kränker und mit weniger Freude an der Bewegung. Wie sehr wollen wir das?

Ich würde mich übrigens über möglichst viele Sportlehrerinnen und Sportlehrer freuen, die mir in dieser Sache vehement und fundiert widersprechen. Nichts wäre mir lieber – und unseren Kindern.

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