„Bizarr und unerklärlich“

So beschreibt die taz das Metaversum, das neueste Schlagwort von den Machern des Internets. Wobei der Begriff weder originär noch digital ist, sondern so analog wie der Roman, dem er entsprang: „Snow Crash“ von Neal Stephenson (1992; unbedingt Leseprobe anschauen!). Was das Metaversum ist, weiß kaum jemand, da jene, die es wissen, es nicht erklären können oder wollen und jene, die es erklären, keine verständliche Sprache beherrschen.

Nur so viel scheint sicher: Mit lediglich einmal Einloggen erreichen wir im Metaversum alles, was das Internet zu bieten hat – jede Plattform, jeden Online Shop, jeden Service von Katzen-Videos bis zur Steuererklärung. Und: Das Metaversum verschmilzt die reale Realität mit AR und VR (Augmented und Virtual Reality). Das heißt, wir laufen ständig mit dieser Internet-Brille durch die Gegend und können echt nicht mehr von künstlich unterscheiden – was uns perfekt darüber hinwegtäuscht, dass vieles Echte, wie zum Beispiel wesentliche Elemente von Fauna und Flora, demnächst ohnehin ausgestorben ist.

Nie wieder müssen wir uns andauernd ein- und ausloggen, Plattformen wechseln oder auch Daten neu eingeben. Denn im Metaversum ist das Netz selbst total vernetzt. Was einmal irgendwo eingegeben wurde, steht danach allem anderen zur Verfügung. Es besteht also kein Grund mehr, das Internet jemals zu verlassen. Nicht einmal zum Essen müssen wir die Brille ablegen: Wir können durch die Brille das echte Schnitzel noch erkennen. Unsere Kinder werden mit der Internet-Brille so fest verwachsen sein wie sie es heute mit ihrem Handy sind: prothetisch. Manche freuen sich auf diese Utopie, andere betrachten sie als Dystopie. Denn wenn wir 24/7 im Internet sind, beobachtet das Internet uns auch 24/7 – die Matrix lässt grüßen.

Facebook sieht das natürlich ganz anders, nämlich als „neue, kreative, soziale und wirtschaftliche Möglichkeit“. Das ist es ganz sicher. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Was fangen wir mit dieser neuen Möglichkeit an?

Werden wir sie genauso intensiv für Fake News, Hate Speech, Eskapismus und Cyber Mobbing missbrauchen wie das alte, zahme Internet? Die Technik mag ja bald reif sein für das Metaversum – wir sind es definitiv nicht. Was noch keine technische Entwicklung jemals aufgehalten hat. Längst schon entwickelt sich die Technologie schneller als Moral, geistige und Charakterreife des Menschen. Es scheint eher umgekehrt zu sein: Je weiter sich die Technologie entwickelt, desto weiter entwickeln sich Anstand, Intelligenz und Integrität der Menschheit zurück.

Doch anstatt den moralischen Relativismus der digitalen Medien zu kritisieren, macht die verbreitete Kritik am Metaversum das Gegenteil. Sie beklagt nicht das Moral-Vakuum, sondern dass die Technologie nicht für alle erschwinglich sei: Eine VR-Brille kostet derzeit noch rund 350 Euro, ist also noch reine Nerdware. Was kein Trost ist: Auch dieses Gadget wird einen sensationellen Preisverfall erleben – wie alle Gadgets vor ihm. Dann müssen wir unsere Kids chirurgisch von der VR-Brille trennen, wenn wir ein Wort mit ihnen reden wollen. Oder selber die Brille aufsetzen und via Metaversum mit ihnen kommunizieren.

Und natürlich stemmt unser alter PC diese immens erweiterte Anwendung ebenfalls nicht. Fürs Metaversum gilt: „Eintritt nur mit extrem leistungsfähiger Hardware!“ Das wird richtig teuer. Lohnen sich die Ausgaben?

Für die Hersteller ganz bestimmt. Sie sind so sehr vom Metaversum überzeugt, dass sie massiv in dessen Entwicklung investieren. Epic Games, die Macher von „Fortnite“, wollen eine Milliarde US-Dollar dafür ausgeben. Facebook hat bereits 50 Millionen Dollar in die Erforschung des Metaversums investiert. Was könnte man alles Sinnvolles mit diesem Geld anfangen! Den Hunger der Welt stillen, Krankheiten heilen, Altersarmut beenden, das Klima retten, die Ozean entmüllen … Wir Menschen wussten schon immer, Prioritäten zu setzen.

Vereinfacht könnt man das Metaversum als Super-App bezeichnen, die alles mit allem vernetzt, sogar die wirkliche Wirklichkeit mit der Kunstwelt. Was das mit uns macht? Hollywood hat mit „Terminator: Genisys“ eine Antwort darauf gefunden. Im Film strebt die Super-App „Genisys“, die alles mit allem vernetzt, die Weltherrschaft an. Auch außerhalb des Kinosaals scheint das eine entfernte, aber durchaus realistische Möglichkeit zu sein – sofern die Regierungen der Länder die sittenschädigenden Eskapaden der digitalen Technik weiterhin so zaghaft regulieren.

Oder wie Joan Donovan, die Forschungsdirektorin des Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy an der Harvard University in der Washington Post sagt: „Solange man Technologie frisch und neu und cool aussehen lassen kann, kannst du auch Regulierung vermeiden.“

Mit dem Metaversum werden wir zwar praktisch unbegrenzten Zugang zu allen virtuellen Ressourcen haben, uns jedoch auch in wandelnde Überwachungsdrohnen unserer selbst und unserer Mitbürger verwandeln. Denn alles, was wir sehen, sieht auch die VR-Brille und damit das Metaversum. Diese Beobachtungsdaten über Millionen Bürger erfasst, verknüpft und analysiert, ergibt das perfekte Bewegungsprofil einer ganzen Nation – in Echtzeit. Kein Inlandsgeheimdienst, keine Stasi war je mächtiger. Orwells Big Brother? Ein netter Lausbub mit Erbsenschleuder im Vergleich zum thermonuklearen Monster, das wir mit dem Metaversum erschaffen. Wenn wir weiterhin so fahrlässig mit dem Digitalen umgehen, das wir täglich benutzen – oder das uns täglich benutzt.

Es wird gerne argumentiert, dass solche bahnbrechenden neuen Technologien doch auch viel Gutes und Schönes ermöglichen. Das tun sie stets in gewissem Umfang. Doch in leider ganz substanziellem Umfang tragen sie auch zu Verdichtung, sozialem Druck, Reizüberflutung, Verrohung, Eskapismus und falschen Prioritäten bei. Nicht, weil die Technologie böse wäre, sondern weil viele Menschen unreif sind, die sie nutzen. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, postulierte Goethe. Solange neue Technologien nicht in diesem normativen Sinne die geistig moralische Entwicklung des Menschen fördern – und das können sie nicht durch ihr bloßes Vorhandensein – werden wir uns diametral zur Technologie entwickeln. Sie immer weiter, wir immer weiter zurück. Wollen wir diese Art Fortschritt?

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