Und jetzt alle im Kreis!

Wir alle wollen nachhaltig sein. Zumindest dem Vorsatz nach. Mit der Umsetzung klappt das noch nicht so recht. Deshalb sind konkrete Ansätze hilfreich, zum Beispiel die Kreislaufwirtschaft, auch Circular Economy oder Cradle-to-Cradle genannt: Nichts verkommt mehr!

Es gibt keinen Müll mehr, weil ein Produkt nach Lebensende komplett in seine Einzelteile zerlegt wird, die in ein neues Produkt einfließen. Geht das überhaupt? Beispiel Kunststoff. Das ist der Stoff, der unsere Straßenränder, Wälder, Parks, Fußgängerzonen und Meere vermüllt – und die Landschaften unserer wilden Müllkippen in Afrika. 30 Millionen Tonnen Plastikmüll (2020) „produzieren“ wir Europäer jährlich. Im künftigen Idealfall würden daraus wieder 30 Millionen Tonnen Plastikprodukte werden. Davon sind wir heute noch weit entfernt.

So weit, dass längst wieder die politisch-mediale Begriffsaufweichung praktiziert wird. Mit „Kreislaufwirtschaft“ wird mittlerweile nicht nur die komplette Neuverwertung von Müll bezeichnet, sondern auch die euphemistisch so genannte Energierückgewinnung. Dabei wird der Plastikmüll einfach verbrannt. So wird kein neuer Plastikbecher daraus, doch immerhin die Energie zurückgeholt, die bei der Produktion in die Plastikartikel hineingesteckt wurde. Wenigstens ist das besser als ein ständig wachsender Müllberg. Wirklich nachhaltig ist es nicht.

Nachhaltig wäre, wenn aus jedem alten Produkt wieder ein neues würde; der erste Vorteil der Kreislaufwirtschaft: keine Ressourcenverschwendung mehr. Wir alle haben bislang so viele Ressourcen verschleudert, dass wir demnächst weltweit rund 75 Prozent mehr Erde brauchen werden; in Deutschland sogar rund 3 Erden mehr: eine zweite und dritte Erde, die es nirgendwo zu haben gibt. Weil wir alles verbraucht haben werden. Wenn wir in den Kreislauf gehen, bleibt uns dieses Los erspart.

Zweiter Vorteil: Wird der Müll wiederverwendet, kann er Umwelt, Meere und Schwellenländer nicht mehr vermüllen. Wir könnten das heute schon per kleiner Lösung haben, wenn jeder Besucher von Stadtpark, Naherholungswäldchen und Fast Food Drive-in seinen Müll mitnehmen und nicht in die Landschaft schmeißen würde. Doch nicht einmal das kriegen wir hin – wie wollen wir dann die Weltmeere retten? Wir denken immer, es liegt am Müll. Dabei liegt es an uns. Wer Müll immer noch als legitimen Ausdruck der Selbstverwirklichung betrachtet und zum Beispiel Containern unter Strafe stellt, sagt klarer als jede politische Bekundung: Mir ist nicht zu helfen.

Dritter Vorteil der Kreislaufwirtschaft: Die Preise für viele Rohstoffe und Metalle sind inzwischen so hoch, dass es billiger wäre, sie mit teuren Verfahren aus dem Müll heraus zu holen – wenn es nur genug Unternehmen gäbe, die über solche Technologien beherrschen. Doch wer erst beim Müll zu denken anfängt, denkt zu spät.

Dass zum Beispiel ein Handy, das den Geist aufgab, ausgeschlachtet und daraus ein neues gemacht wird, ist zwar schön, aber weder die beste noch die naheliegende Lösung. Die bessere wäre, das Handy länger im Kreislauf zu halten. Wenn zum Beispiel der Akku schlappmacht, kauft man kein neues Handy, sondern ersetzt den Akku. Genau hier sind wir jedoch beim Kern der Wegwerfgesellschaft angelangt: In bestimmten Kreisen erleidet man einen wenn nicht existenz-, so doch statusbedrohenden Distinktionsverlust, wenn man nicht alle 15 Monate das neueste Modell kauft. Wobei die Gruppe dieser Statussüchtigen leicht abnimmt. Marktstudien zeigen nämlich, dass die Nutzungsdauer für Handys in den letzten Jahren um mehr als zehn Prozent gestiegen ist: Einige von uns werden schlauer. Oder das Geld wird knapp.

Natürlich macht sich auch die EU im Rahmen des Green Deals für die Kreislaufwirtschaft stark. Sie möchte jedem von uns bis 2030/2035 zum Beispiel das Recht auf Reparatur gewährleisten. Das allerdings wäre revolutionär. Wer in der Großstadt lebt, kennt vielleicht die Reparatur-Cafés. Die sind meist winzig und wenige. Kommt das EU-Recht auf Reparatur, wird eine riesige neue Branche entstehen. Insgesamt sollen durch die Kreislaufwirtschaft rund 700.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Ob die EU auch ausgeknobelt hat, woher diese technisch versierten Arbeitskräfte bei anhaltendem Fachkräftemangel kommen sollen?

Einmal davon abgesehen: Auch die Ersatzteillogistik muss komplett neu aufgestellt und unterhalten werden. Das wird die Wirtschaft mächtig ankurbeln! Fragt sich nur: Welche? Denn wenn hierzulande zu wenige Fachkräfte zu finden sind, wird die neue Branche einfach exportiert. Dann haben zumindest andere Nationen auch was davon. Im Prinzip gilt jedoch auch dann: Ökologie und Ökonomie ergänzen und fördern sich gegenseitig. Wer immer noch einen Gegensatz zwischen beiden behauptet, kaschiert damit lediglich seine Abneigung gegen konstruktiven Wandel. Experten schätzen, dass die Kreislaufwirtschaft das BIP um 0,5 Prozent steigern wird: Nachhaltigkeit ist gut für die Wirtschaft, die Umwelt und uns alle.

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