Kollege Roboter

Allein in der deutschen Logistik fehlen Zehntausende Mitarbeiter, weltweit sind es Hunderttausende, wenn nicht Millionen; „Facharbeitermangel“ ist ein Euphemismus, der dieses strangulative Mangelphänomen nicht annähernd drastisch genug beschreibt. Wer bringt uns die online-bestellten Pakete, wenn die Fahrer fehlen?

Es fehlen Fahrer, Lagerverwalter und -arbeiter, Kommissionierer und Anpacker an der Rampe. Sie fehlen und sie werden auch in den nächsten 20 Jahren fehlen. Oder würden Sie Ihrem Abiturienten zu einem Job im Lager raten? Eben. Wir kriegen die Leute nicht mehr.

Da wäre es naheliegend, wenn wir diese notorisch vergebliche Suche nach Leuten aufgeben würden und stattdessen jemand anderen eistellen; Roboter zum Beispiel. Eine Idee, auf die in der Logistik schon einige gekommen sind: Kollege Roboter ist schon da.

Schon da ist zum Beispiel Stretch, der Entladeroboter von DHL, der aussieht wie eine Kreuzung zwischen den langarmigen, aber fest installierten Robotern in den Fertigungsstraßen und einem äußerst mobilen Gabelstapler. Stretch lädt künftig in den nordamerikanischen Verteilzentren von DHL Pakete aus dem und in den LKW. Weil der Roboter mobil ist, lässt sich mit ihm ein Lager sehr viel schneller, aufwandsärmer und kostengünstiger automatisieren. Wenn Menschen fehlen, müssen Roboter ran. Zum Beispiel auch in Gestalt von fahrerlosen Transportsystemen in Großlagern. Das sind praktisch Kleinwagen in Panda-Größe oder auch Schubkarren, die niemand Menschliches schiebt. Die fahren autonom, finden alleine ihren Weg, weichen Hindernissen aus und vermeiden selbstständig Staus, sofern sie auch noch eine KI im Hinterkopf haben. Klingt wie Science Fiction, ist aber in modernen Lagern Science Fact.

Oder auch: Kommissionierroboter. Für alle, die noch nie in Versand oder Lager gearbeitet haben: Kommissionierer stellen aus einzelnen Artikeln ganze Sendungen zusammen, die dann in Pakete und Päckchen gepackt werden. Man sollte meinen, dass diese vielfältige und komplexe Tätigkeit nur Menschen können. Doch das „packen“ heute auch schon die Roboter. Sie „sehen“ mit sensorgesteuerten Bildverarbeitungssystemen, packen mit fleißigen „Händen“ und „denken“ dabei auch noch mit. Ganz nebenbei läuten sie einen Paradigmenwechsel ein.

Denn bislang hatten die meisten Menschen insgeheim und uneingestanden Angst, dass uns die Maschinen und Roboter bald schon ersetzen und die Arbeit wegnehmen. Heute sind wir zunehmend froh, dass sie das tun; respektive, dass sie uns die Arbeit nicht weg-, sondern abnehmen. Denn sonst bleibt sie liegen und wir auf unseren Bestellungen sitzen. Das muss man sich mal vorstellen! Früher, ganz früher hatten wir auch schon Mangel: an Nahrung, Behausung, Bekleidung. Heute haben wir Mangel an Menschen, die arbeiten können und wollen. Eigentlich schon seit den Fünfzigern, erinnern wir uns?

Damals kamen die Gastarbeiter und retteten unsere Konsumentenhintern, indem sie bei Daimler und VW Autos bauten. Heute retten uns die Roboter, die irgendwann, wenn sie genug Hirn haben, Hollywood für all die dystopischen Thriller wie „I Robot“ verklagen, die ihren Ruf ruinierten, wo sie uns doch immer bloß helfen wollten („wollen“ ist in diesem Zusammenhang ein beeindruckendes Verb). Inzwischen wird es sogar immer schwieriger, Menschen von Maschinen zu unterscheiden; gerade im Lager.

Denn in ganz modernen Lagern arbeiten heute schon Lagerarbeiter mit Exoskelett – was wirklich extrem Science Fiction-mäßig aussieht (zum Beispiel Sigourney Weaver in Aliens 2). Der Mensch steckt quasi in einem Metallgestell, das dank E-Motoren und Hydraulik eine Kraft und Ausdauer entwickelt, die nur mit „übermenschlich“ beschrieben werden kann. Im Einsatz zum Beispiel heute bereits im Lager von Hermes in Ansbach bei Nürnberg. In diesem Verteilzentrum werden überwiegend großvolumige Sendungen abgewickelt: Möbel, Waschmaschinen, Kühl- und Gefrierschränke … Kein Mensch kann diese schweren Dinger acht Stunden lang durch die Regalgänge wuchten. Das heißt: Das musste der Mensch früher. Heute machen das die beiden Test-Kollegen im Exoskelett. Fällt der Test positiv aus, stehen die Schaulustigen in Ansbach Schlange – denn sowas hat die Welt bislang nur auf der Leinwand gesehen. Was nicht für die Welt spricht.

Denn Robotik in der Logistik ist grundsätzlich nichts Neues. Seit Jahren haben wir für das Stapeln, Beladen und Abbauen von Paletten Maschinen, die das automatisch machen. Die ältesten „Roboter“ in der Logistik sind die allseits bekannten Warenbänder. Doch mit zunehmender Rechenleistung, Vernetzung und den Fortschritten bei der Entwicklung von Sensoren und Künstlicher Intelligenz können Roboter auch zunehmend umfangreiche und komplexe Aufgaben übernehmen und selber denken. Irgendwann öffnen wir ein Paket von der Outfittery – das vor uns noch keine menschliche Hand berührt hat. Und kein Mensch wurde dafür arbeitslos, weil die Menschen, die dafür arbeitslos werden könnten, diese Arbeit nie gemacht haben. Es gibt sie schlicht nicht mehr. Schon heute in großen Teilen nicht mehr. Und sie kommen – Katastrophen einmal ausgeschlossen – auch nicht wieder.

Irgendwann kommt die komplette Logistik menschenlos und vollautomatisch zum Beispiel mit überdimensionaler Rohrpost in jeden Haushalt aus Roboterlagern, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Irgendwann bauen Roboter diese Roboterlager. Oder alles, was wir bestellen, kommt eh schon aus der Fabrik im Wohnzimmer (3D-Druck). Und wir alle werden glücklich, zufrieden und wohlstandssaturiert sein und richtig anspruchsvollen Aufgaben nachgehen, während Roboter sich die Hände schmutzig machen. Anders können wir unseren Lebensstandard gar nicht halten. Roboter sind die Garanten unseres Wohlstands.

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