Der große Klimaschwindel

Schauen Sie mal auf Ihr Shampoo, die Fassade des Discounters oder auf viele Produkte des täglichen Gebrauchs. Dort steht, entweder gut versteckt oder prunkvoll „Dieses Produkt/Unternehmen ist klimaneutral seit …“. Weil man, natürlich, für und nicht gegen das Klima ist, freut man sich und denkt nicht weiter drüber nach, weil die eigene Pflicht dem Klima gegenüber für diesen Tag damit erledigt ist. Klimarettung war nie so einfach wie heute: Einfach auf die Packung schauen und aufatmen! Wäre man nicht so leicht zu beeindrucken, würde einem womöglich der Gedanke kommen: Hm, Shampoo in Plastikflasche? Klimaneutral? Wie soll das gehen?
Auch ohne Chemie-Grundkurs ahnen die meisten, dass es keine CO2-freie Herstellungsweise für handelsübliches Plastik geben kann. Bei der Herstellung fallen also CO2 und andere klima- und umweltunfreundliche Stoffe an. Und trotzdem behauptet der Hersteller, klimaneutral zu sein? Wie das?
Erste bemerkenswerte Tatsache: Millionen von Konsumenten stellen genau diese Fragen nicht. Sie demonstrieren lautstark fürs Klima und sprechen sich bei Meinungsumfragen vehement für dessen Erhalt aus. Doch solche banalen, basalen, trivialen Fragen stellen sie nicht. Wozu auch? Wenn das die Werbung sagt, muss das ja stimmen! Wie alle Marketing-Studierenden wissen: Marketing-Abteilungen stellen ausschließlich Wächter der Wahrheit ein. Vorläufiges Ende der Ironie.
Weiter mit der zweiten bemerkenswerten Tatsache: Wer A sagt, muss auch A kennen. Wer will, dass unsere Kinder ein verträgliches Klima erben, sollte schon etwas mehr vom Klima verstehen als die übliche Marketing-Lyrik. Klima ist heutzutage Allgemeinwissen. Nicht unbedingt auf Bachelor-Niveau (der Bologna-Bachelor, nicht der von RTL), aber zumindest Google-tauglich. Man kann sich nicht lauthals für die Klimarettung aussprechen und gleichzeitig so wenig Ahnung von aktuellen und denkbaren Maßnahmen zur Klimarettung haben, dass man sich alles Mögliche als „klimaneutral“ andrehen lässt.
Dritte bemerkenswerte Tatsache ist der bereits erwähnte prima facie Widerspruch zwischen „klimaneutral“ und Plastikflasche oder anderen offensichtlichen Klimakillern in direktem Zusammenhang mit dem als klimaneutral behaupteten Produkt oder Unternehmen. Wie kann also die Shampoo-Flasche trotz CO2-Ausstoß klimafreundlich sein? Mit einem sogenannten REC, einem Renewable Energy Certificate. Das ist schnell erklärt.
Im Grunde ist es einfach: Ein Unternehmen kann das Klima auf zwei Arten entlasten. Erstens, indem es bei der Produktion von was auch immer tatsächlich weniger Gift in die Luft und die Umwelt verklappt. Und zweitens, indem es für jene Mengen an schädlichem Zeug, die darüber hinaus immer noch anfallen, praktisch Ablass-Zertifikate kauft, auf denen, aus dem Juristischen übersetzt, steht: „Wenn ich schon das Klima schädige, dann kompensiere ich das mit einem äquivalenten Betrag zur Förderung von Projekten der erneuerbaren Energie.“ Der Ablass ist also ein Kompensationsgeschäft. Gute Sache?
Wie immer in dieser Welt gilt: auf dem Papier, ja. Und wie immer in dieser Welt gilt ebenfalls: Der Schein trügt. Das fand jetzt (2022) eine kanadische Studie unter anderem für große Tech-Unternehmen heraus. Deren Server-Farmen fressen Terrawatt an Energie. Also kaufen die Konzerne bestimmt massenweise REC’s. Um das Klima kompensatorisch zu retten. Sollte man meinen.
Genau dem widerspricht die Studie. Viele der untersuchten Konzerne hatten auf ihren Produkten und in ihrer Kommunikation behauptet, dass sie zwischen 2015 und 2019 die durch ihren Stromverbrauch verursachte Umweltverschmutzung auch dank der Zertifikate um 30 Prozent reduziert hätten. Da stutzt bereits der Laie: 30 Prozent sind doch nicht „klimaneutral“! Die Studie fand heraus, dass es noch nicht einmal 30 Prozent sind. Die Forscher rechneten genau und vor allem korrekt nach und kamen auf im besten Falle höchstens 10 Prozent. Also astreines Greenwashing. Aus Sicht von Marketing, Kaufleuten, Shareholdern und Controlling durchaus verständlich: Klimarettung ist teuer; wer hier Geld spart, verbessert die Bilanz. Dass dabei langfristig das Klima und kurz danach wir vor die Hunde gehen, ist aktuell nicht bilanzrelevant. Man möchte Enzensberger zitieren: „Ihr rettet die Welt nicht“. Wer dann und wie dann?
Es gibt viele bessere Modelle, welche die Welt retten könnten. Sie sagen quasi: Warum das Klima mit untauglichen Mitteln zu retten versuchen? Warum mit REC’s, bei denen man ungeniert greenwashen kann, indem man schlicht weniger Zertifikate kauft, als man das Klima belastet? Lasst die Unternehmen keine REC’s kaufen, sondern doch lieber sauberen grünen Strom aus erneuerbaren Quellen. Und wenn es davon noch nicht genug am Markt gibt, kaufen die Unternehmen mit dem Betrag auf ihrer Stromrechnung gleich Anteile an Projekten der alternativen Energiegewinnung. Mit der Stromrechnung werden Windräder, Wasserkraftwerke und Solarfarmen gebaut. Mit der Stromrechnung kann man nicht greenwashen, weil man da nicht bloß 30 oder nur 10 Prozent bezahlen kann – sonst wird der Strom abgestellt. Die Frage ist: Wenn das eine saubere Lösung wäre, warum versucht man’s dann immer noch und immer wieder erst einmal mit a priori un- oder wenig tauglichen Mitteln?
Das ist offensichtlich eine politische Frage mit hohem Fremdschämpotenzial: Die Politik profiliert sich gerade wie noch nie und wie keine andere gesellschaftliche Elite als Klimaretter – vor laufenden Kameras. Doch hinter verschlossenen Türen werden dann doch wieder aus welchen Gründen auch immer REC’s und andere Minderlösungen beschlossen. Es wäre interessant, wenn nicht im Sinne des Wortes weltbewegend, ja weltrettend, diese Gründe zu erfahren. Denn sie sind schuld daran, dass wir weder das Klima noch uns retten werden.

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