Wir verbrauchen, was wir nicht besitzen

Am 4. Mai dieses Jahres war der Earth Overshoot Day. An diesem Tag hatten wir deutschen Nassauer bereits sämtliche uns zustehenden Ressourcen der Erde verbraucht, die eigentlich noch bis zum 31. Dezember hätten reichen sollen. Noch nicht einmal zur Hälfte des Jahres. Seither leben wir – ohne es zu merken, ohne es zu wissen, ohne im Geringsten davon berührt zu sein oder das Nötige zu unternehmen – auf Pump. Dabei verhalten wir uns wie Drogenabhängige: Um zu unserem Fix zu kommen, pumpen wir schamlos jeden an; die Erde, unsere Kinder und Enkel, fremde Länder, arme Menschen dort. Wir verbraten, was ihnen vom Mund abgeht. Wir sollten uns was schämen. Tun wir aber nicht.

Besonders krasse Ausmaße hat die Verschwendungssucht der angeblich zivilisierten Welt bei den Lebensmitteln angenommen. 2018 (neuere Daten nicht verfügbar) hat die Menschheit absolut brauch- und genießbare Nahrung im Wert von 1,2 Billionen Dollar weggeworfen. Dies eine Sünde biblischen Ausmaßes zu nennen, wäre ein heftiges Understatement. Diese 1,2 Billionen würden locker ausreichen, den Welthunger auf einen Schlag zu stillen. Nicht auf ewig, aber doch auf lange Zeit. Das würde die aktuell 870 Millionen Menschen, die derzeit und schon lange Hunger leiden, doch sicher freuen. Und sättigen. Unsere Verschwendungssucht wird nur noch durch unsere Schamlosigkeit getoppt. Die Schande ist inzwischen derart monströs, dass Intellektuelle mildernde Umstände geltend machen wollen.

Sie sagen: Die Lebensmittel-Lieferketten sind heutzutage extrem lang. Die Kiwi zum Beispiel reist 18.000 km aus Neuseeland an. Die Banane aus Ecuador hat 10.000 km auf dem krummen Buckel. Auf derart langen Strecken kann eben mal die eine oder andere Million Tonnen Lebensmittel kaputtgehen. Wen soll das entschuldigen?

Wer isst das denn alles? Wer braucht für seinen Distinktionsgewinn (für die Ernährung kann es ja nicht sein) Vielflieger-Südfrüchte? Ginge es nicht auch ohne? Was ist so falsch am Bodensee-Apfel? Opa und Oma wurden selig alt, auch ohne Fashion Fruit. Und schon toben die Lobbyisten: Sowas darf man nicht sagen! Ist nicht pc. Aber dass 1,2 Billionen den Gulli runtergehen, das ist politisch korrekt? George Orwells Double Think ist dagegen die reine Logik. Wir haben volle Bäuche und leere Birnen.

Ein weiterer angeblich mildernder Umstand, der vorgebracht wird: Wir. Genauer: unser ästhetisches Empfinden. Die meisten von uns beißen nur dann in einen Apfel, wenn er pausbäckig rund, rot und glänzend wie mit Klarlack überzogen funkelt. Wie das Exemplar, das Schneewittchen killte – uns demnächst auch. Ausgerechnet diese Ästhetik-Verirrung bietet jedoch auch Anlass zur Hoffnung.

Diese Hoffnung besteht in Form der „Krummen Dinger“, die gute Menschen vor einiger Zeit zu handeln und zu essen begonnen haben: normales Obst für normale Menschen zu weit unternormalen Preisen.

Auf die Ineffizienz der Versorgung jedenfalls können wir es nicht schieben. Die Verschwendung ist paritätisch verteilt. Rund die Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel wandern bereits bei Erzeugung, Lagerung, Transport und im Handel in den Müll. Die andere Hälfte haben wir auf dem Gewissen, weil wir offensichtlich zu dumm sind, nur das einzukaufen, was wir auch verzehren können und wollen. Diese Dummheit ist gründlich erforscht. Wir schmeißen Lebensmittel auf den Müll

  • zu 12 Prozent, weil wir schlicht mehr einkaufen als wir essen können – obwohl jeder Erwachsene relativ gut weiß, was er täglich so verzehrt. Man ist ja nicht erst seit gestern auf der Welt.
  • zu 21 Prozent, weil wir uns am Tisch mehr auf den Teller häufen als wir schaffen, obwohl wir auch diese Menge relativ gut kennen müssten. Das Problem ist auch als Emotional Eating 90 Prozent der Menschen hier im Westen essen nicht, weil sie hungrig sind, sondern weil wir eine Nation von 82 Millionen Frustfressern sind; grob gesprochen. Wir essen nicht gesund, sondern neurotisch.
  • zu 57 Prozent, weil wir selbst mit Abitur und Studium anscheinend zu dumm dafür sind, die gekauften Lebensmittel noch vor dem MHD zu verzehren oder schlicht nicht wissen, was das „Mindest“ in „Mindesthaltbarkeitsdatum“ bedeutet.

Die Eier im Kühlschrank zum Beispiel sind laut Greenpeace-Studie noch 112 Tage – das sind fast vier Monate – nach MHD-Ablauf noch perfekt genießbar und bakteriologisch vollkommen unbedenklich. Wir schmeißen sie trotzdem weg, weil wir das beste Messinstrument für die Feststellung von tatsächlich verdorbenen Lebensmitteln nicht kennen oder bestimmungsgemäß gebrauchen können, weil es mitten im Gesicht – übrigens in jedem Gesicht – so schwer zu finden ist.

Dabei sind „wir“ glücklicherweise nicht wir alle. Es gibt schon vereinzelt Menschen, die verzehren statt verschwenden. Zum Beispiel Menschen, die „Too good to go“ praktizieren. Das ist eine App, die mir sagt, wann welches Restaurant in der Nähe perfekt genießbare Lebensmittel übrighat, die es sonst wegwerfen würde/müsste – und die App-Nutzer können sie dann abholen und selber verzehren. Was heißt in diesem Zusammenhang „vereinzelt“? Auf welche Zahl tippen Sie?

Erstaunliche 7,5 Mio. Nutzer hat die App allein in Deutschland. Chapeau! Zweite Lösung: Containern. Ich weiß: In rückständigen Ländern wie Deutschland noch strafbar. In zivilisierten Ländern nicht: Tschechien, Frankreich (verbietet generell, Essen wegzuwerfen), Schweiz (Weggeworfenes gilt rein juristisch als herrenlose Sache) oder Kanada.

Die Großeltern sagten noch: „Lass nichts verkommen! Das ist doch schade drum!“ Wir hätten auf sie hören sollen. Essen wegzuwerfen ist eine Sünde, eine Verschwendung, eine Katastrophe. Eine ganz besondere Katastrophe. Denn im Gegensatz zu vielen der aktuell tobenden Katastrophen kann wirklich jede und jeder von uns jeden Tag und jede Stunde diese Katastrophe in den eigenen vier Wänden Tag für Tag immer besser abwenden und besiegen. Iss das! Schmeiß es nicht weg!

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