Lass es andere machen!

Warum selber machen, wenn es auch andere können? Richtig geraten: Es geht um Crowdsourcing. Der Name ist Programm: Crowd – Menge; Sourcing – Beschaffung.

Wer crowdsourct, lagert interne Aufgaben an eine Menge freiwilliger Externer aus; mit der Betonung auf „freiwillig“. Das Pendant, das vor Jahren ein Modewort war, lautete damals noch: Outsourcing. Dabei ist der Auftragnehmer kein Freiwilliger, sondern ein anderes Unternehmen. Salopp gesagt übernehmen beim Crowdsourcing eine Menge Privatleute das, wofür man früher ganze Unternehmen brauchte. Überall herrscht aktuell Fachkräftemangel, nur beim Crowdsourcing nicht, wo wörtlich eine ganze Menge Leute eine Aufgabe übernehmen? Wo denn?

Eine Einrichtung, die schon vor Jahren crowdgesourct wurde, nutzen wir alle gelegentlich. Kommen Sie drauf?

Natürlich: Wikipedia, das nicht von einem Unternehmen, sondern von Millionen Nutzern auf dem Laufenden gehalten wird. Oder OpenStreet, ein crowdgesourcter Konkurrent von Google Maps. Warum funktioniert Crowdsourcing? Wegen des Internets. Es gibt keine analogen Crowdsourcing-Projekte; zumindest nicht im Ausmaß des digitalen Crowdsourcing. Das Internet ist zwar in großen Teilen eine üble Trollhölle. Doch es ist auch das einzige Medium unserer Zeit, mit dem man sehr kostengünstig Millionen Menschen ansprechen und zur Mitarbeit motivieren kann. Viele Unternehmen nutzen das.

Zum Beispiel für Innovationen. Diese Tochter von Crowdsourcing heißt Open Innovation: offen für alle, die guten Willens sind und ein wenig Ahnung von der Materie haben. Auch die Bahn macht das. Mit ihrem sogenannten Zuglabor. Dort tüfteln, entwickeln und innovieren Tausende Zugliebhaber der Nation – alles Amateure und nicht bei der Bahn angestellt. Jeder, der Internet und eine Idee für einen besseren Zug hat, kann sich im Zuglabor einloggen und mitmachen. Dass die neuen ICE’s auffallend modern ausschauen, mehr Komfort im Innenraum bieten und eine bessere Internet-Verbindung haben, dazu soll auch das Zuglabor beigetragen haben: weg von Normen, hin zu mehr Komfort.

Damit ist Crowdsourcing im Grunde eine moderne Version von Kundenorientierung. Oder wie Charles Handy sagte: „Immer die Eingeborenen fragen!“ Die Vorteile von Crowdsourcing: höhere Verarbeitungsgeschwindigkeit, bessere Qualität von Produkt oder Leistung, größere Flexibilität, mehr Kundennähe, Skalierbarkeit und Vielfalt sowie Bildung und Stärkung einer Community mit hoher Bindung ans Unternehmen.

Eine weitere Version von Crowdsourcing ist Crowdfunding, mit dem inzwischen etliche Kinofilme „über die Massen“ finanziert werden. Oder Musik-Alben. Die Summe, die auf diese Weise für Projekte weltweit eingesammelt wird, beläuft sich (2022) auf schätzungsweise knapp eine Milliarde Euro; Tendenz steigend.

Große Aufgaben werden sehr schnell sehr viel kleiner, wenn man sie an eine große Menge Menschen delegiert, crowdsourct. Wie es im Kindergarten beim nicht wirklich beliebten Aufräumen der Spielsachen nach dem Spielen heißt: Viele Hände machen schnell ein Ende. Auch in der Logistik.

Typischerweise auf der letzten Meile. Sie ist die mit Abstand teuerste Etappe der Zustellung von Sendungen. Und die komplexeste: Oft sind wir, wenn der Paketbote klingelt, nicht anzutreffen. Also muss er wiederkommen. Und wieder. Trotzdem wünschen wir Belieferung schon am nächsten, wenn nicht – wie in Großstädten – noch am selben Tag. Bei den heutigen Löhnen und Gehältern kann dieser überzogene Anspruch ein Unternehmen ruinieren. Deshalb crowdsourcen immer mehr.

In Deutschland noch nicht. Wie so oft sind andere Länder führend. In diesen kommen Paketsendungen nicht mehr nur mit der staatlichen Post oder Paketboten anderer Unternehmen, sondern werden von Amateur-Fahrern im eigenen PKW zugestellt. Oder zu Fuß, auf dem Rad oder mit dem Nahverkehr. In den USA zum Beispiel stellt DoorDash in über 4.000 Städten auf diese Weise zu. Seine Ausfahrer oder -träger heißen „Dasher“. Auch in England wird Crowdshipping praktiziert, also Belieferung (Shipping) per Crowdsourcing; zum Beispiel von PiggyBee; wörtlich: Huckepack-Biene. Sogar nachhaltig ist dieses Business-Model: Die Lieferfahrer sind hauptsächlich Reisende oder Pendler, die ohnehin dorthin fahren, wo ein Paket hinsoll und dann einfach das Paket noch obendrauf mitnehmen. So entsteht keine zusätzliche Umweltbelastung.

DoorDash und PiggyBee sind Newcomer auf dem Markt der Paketdienste. Aber auch die etablierten Unternehmen tendieren immer mehr zum Crowdshipping – mit unterschiedlichem Erfolg. Amazon zum Beispiel ließ mit Amazon Flex Privatleute mit ihren Privatfahrzeugen Pakete ausfahren. In Deutschland hat sich das anscheinend nicht rentiert oder bewährt, weshalb der Dienst im Juni dieses Jahres eingestellt wurde; in anderen Ländern läuft er dagegen.

Wie auch Spark Delivery von Walmart; dessen Fahrer Spark Driver heißen. Der Community-Charakter solcher „privater“ Lieferdienste kommt recht putzig zum Ausdruck zum Beispiel bei Youtube-Tutorials wie „Ride Along With Bri“. Bri ist sozusagen Poster Girl und Influencerin in einer Person. Sie erklärt stets fröhlich und begeistert, wie man die App nutzt und seine erste Lieferung an Land zieht. Das muss fast schon Spaß machen. So viel Spaß, dass bereits TV-Serien über Crowdshipping laufen, auch im deutschen Fernsehen, zum Beispiel „Shipping Wars – Die Transporter“ (Pro Sieben Maxx). Wie hier teils blutige aber stets amerikanisch-totalbegeisterte Hobby-Logistiker die komplexesten Transportgüter über den Highway buchstäblich schaukeln, erfüllt alle Erfordernisse wohlig-kopfschüttelnden Grauens. Gestandene Logistiker sollen beim Betrachten von bestimmten TV-Episoden schon in Tränen ausgebrochen sein.

Aber Spaß beiseite und ganz nüchtern betrachtet: Das ist eine kleine Logistik-Revolution. Der Transport auf der letzten Meile wird Warengruppen-unabhängig nicht mehr von den (teuren) Paket- und Kurierdiensten abgewickelt, sondern durch die (billige) breite Masse der Menschen. Jeder und jede wird einfach nur mit der passenden App ein Teil der Crowd. Über die App werden die Aufträge veröffentlicht, die man sich dann gezielt anhand verschiedener Kriterien herauspicken kann (bei den Shipping Wars werden sie an den Bestbietenden versteigert): Lieferzeit, Entlohnung per Auftrag, Bekanntheit des Empfängers (Nachbar oder wildfremder Mensch?), Paketgewicht und Abmessungen. Jeder und jede kann nach Belieben zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Auftrag annehmen und ausführen mit dem Auto, dem Rad, dem ÖPNV oder zu Fuß. Für die Unternehmen ist das natürlich eine, wenn nicht die kostengünstige Lösung auf der letzten Meile.

Für die Austräger ist es ein Zubrot, ein Taschengeld – wenn sie nicht gerade bei einem halben Dutzend Unternehmen oder mehr ausfahren, was per App durchaus möglich ist, in Amerika teilweise auch gemacht wird und natürlich einen eigenen Namen hat: Multi-Apping. Dann fährt man als Independent Contractor (deutsch und weniger glamourös: Selbstständiger) gleichzeitig und abwechselnd zum Beispiel für DoorDash, Grubhub und Uber Eats. Gig Economy pur. Dann kann man davon leben – theoretisch, das heißt rein von den Einnahmen her betrachtet. Was am Ende nach Abzug aller Kosten und Abschreibungen hängen bleibt, steht meist auf einem ganz anderen Blatt, das selten beschrieben wird, weil kaum einer die faktische Abnutzung und Abschreibung seines Fahrzeugs oder seine Opportunitätskosten kennt und gegenrechnet. Außerdem sollten die Vertragsbedingungen stimmen.

Denn von einigen inzwischen gescheiterten Crowdshipping-Projekten ist unter der Hand (meist von enttäuschten Austrägern) bekannt, dass sie auch deshalb abgesprungen sind, weil sie zum Beispiel die Versicherungsprämien für die Paketversicherung selber tragen mussten. Solche Regelungen im Kleingedruckten schmälern das ohnehin knappe Salär dann über die Schmerzgrenze hinaus.

Crowdsourcing ist ein heißes Thema, weil es einen Mega-Trend des 21. Jahrhunderts ins Schlaglicht stellt: „Wirtschaft“ ist heutzutage nicht mehr nur Industrie, Handwerk, Handel und Gewerbe. Wirtschaft sind wir alle – wenn wir eine App haben. Auch du bist Wirtschaft! Weil das Thema heiß ist, versuchen wir hier am Lehrstuhl aktuell mit einer eigenen Studie herauszufinden, welche Eigenschaften eines Auftrags einen Crowdshipper dazu motivieren, einen bestimmten Auftrag anzunehmen. Warum machen die das? Da würden Sie spontan sagen: Na warum wohl? Wegen des Geldes! Ja?

Die Studie wird zwar voraussichtlich erst Ende des Jahres veröffentlicht. Aber wagen wir einen Sneak Peek auf die ersten Ergebnisse: Nein, die meisten machen es erstaunlicherweise nicht wegen des Geldes. Das ist verblüffend. Warum machen die das dann? Das erforschen wir im Moment. Man darf gespannt sein.

2 Kommentare zu „Lass es andere machen!

    1. Lieber Norbert: Wir auch! Wir sind ebenfalls schon sehr gespannt und werden Sie und alle interessierten Leserinnen und Leser natürlich brühwarm auf dem Laufenden halten! Evi Hartmann

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