Wie wird das neue Jahr?

Das neue Jahr ist gestartet – wie war denn das alte? Turbulent. Von den vielen Weltkrisen wirkten sich zum Beispiel die Ukraine-Krise, die Russland-Sanktionen und das Brexit-Erdbeben unmittelbar oder mittelbar auch auf die internationalen Warenströme aus – unser Business. Ein Krisenjahr also?

Diesen Eindruck mag bekommen, wer zu viele Jahresrückblicke in Medien und Internet konsumiert. Tatsächlich wird das deutsche Jahreswirtschaftswachstum des eben vergangenen Jahres schätzungsweise knapp unter zwei Prozent liegen: tolles Jahr. Offensichtlich. Für die Wirtschaft. Und für die Logistik.

Der BVL-Logistik-Indikator zeigt fürs ganze letzte Jahr einen positiven Trend mit weiter steigender Tendenz. Den Krisen zum Trotz haben sich Wirtschaft und Supply Chains positiv entwickelt. Es sieht also gut aus fürs neue Jahr, von den Rahmenbedingungen her betrachtet. Natürlich ging es in den letzten Jahren selten so unfriedlich zu auf der Welt wie in den letzten Monaten.

Doch so schlimm Krisen und Kriege sind, man sollte beim Blick in die Zukunft nicht nur deren dunkle Seite betrachten. Trump wird morgen nicht sämtliche Freihandelsabkommen kündigen. Großbritannien wird im Mai nicht wegen Brexits geschlossen. Die grundlegenden Trends und Entwicklungen sind positiv und expansiv. Immer mehr Volkswirtschaften erreichen ein Niveau, von dem aus sie immer mehr exportieren: der Welthandel wächst. Die Digitalisierung geht weiter, der E-Commerce wird weiter wachsen: mehr Transportvolumen. Das sind gute Nachrichten.

Über sie wird selten berichtet. Nicht weil es sie nicht gäbe, sondern weil Skandale und Krisen natürlich mehr Aufsehen erregen als: Das Transportaufkommen wächst weiter! Menschen, die zwischen lauter dunklen Wolken auch den Silberstreif sehen, wird gerne vorgeworfen, dass sie Not und Leid verharmlosen. Das ist eine bodenlose Frechheit.

Davon, dass ich heute schon zum zigsten Male in den Nachrichten höre, wie schlecht es den Menschen im aktuellen Weltkrisengebiet geht, geht es den Menschen dort um keinen Deut besser. Im Gegenteil: Wir haben das schon so oft hören müssen, je öfter wir das hören, desto stärker stumpfen wir ab. Die ausschließliche Beschäftigung mit dem Negativen hat selten das Positive zur Folge. Es ist gerade anders herum: Die Beschäftigung mit dem Positiven hat das Positive zur Konsequenz. Anstatt zum wiederholten Male zu hören oder zu sagen, wie schlecht doch die Welt sei, könnten wir uns doch einmal auch fragen: Was können wir zum Bessern beitragen? Jetzt? Sofort? Ohne großen Aufwand? Und was wäre ein strategisches Ziel in dieser Hinsicht? Das ist eine Frage des Fokus.

Und der Fokus, die Aufmerksamkeitssteuerung ist öffentlich, gesellschaftlich, medial, politisch und bildungstechnisch inzwischen ganz schön verrutscht. Wir leben in einer Empörungs-Ära der einseitigen Sicht auf alles, was irgendwie nicht stimmt.

Wir haben nicht nur den Blick für die positiven Seiten, für die Chancen, Optionen, Potenziale, Alternativen und Möglichkeiten verloren. Wir haben auch das große Ganze aus den Augen verloren. Wir sehen den stinkenden Misthaufen vor unserer Stiefelspitze. Wir sehen die Erhabenheit des Mount Everest dahinter nicht. Und wenn, dann haben wir auch am Everest was auszusetzen. Das kostet ganz schön Kraft. Das laugt aus. Wie eine US-Kollegin es ausdrückt: „I’m so sick and tired of always being sick and tired about everything!“ Wer nicht?

Die Welt ist eine echte Katastrophe in diesem bedauernswerten Zustand, in dem sie gerade ist. Geschenkt! Ich interessiere mich eher für: Was können wir tun? Wo liegen die Chancen? Was können wir verbessern? Wie? Und wenn ich die Welt nicht ändern kann, dann kann ich zumindest und auf jeden Fall und unter Garantie meine Welt ändern – wäre doch gelacht. Das ist auch eine Frage der Priorität.

Natürlich sind Krisen und Kriege schlimm. Aber Priorität hat doch wohl das Gute, das wir für eine bessere Welt tun können. Sollte es zumindest. Wäre auch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr …

2 Kommentare zu „Wie wird das neue Jahr?

  1. Liebe Frau Prof. Hartmann,

    Ihr Blog fasziniert mich. Ob ökologischer Fußabdruck oder Konsumverhalten im Allgemeinen, Ihre Sicht auf die Dinge regt zum Denken an und das kommt leider in der hiesigen Gesellschaft viel zu kurz.

    Sie schreiben
    Wir haben nicht nur den Blick für die positiven Seiten, für die Chancen, Optionen, Potenziale, Alternativen und Möglichkeiten verloren. Wir haben auch das große Ganze aus den Augen verloren.

    Und das stimmt; das fängt schon mit Kleinigkeiten an: Wie oft schüttel ich den Kopf darüber, dass keiner mehr grüßt, wenn er den Raum (z. B. das Wartezimmer beim Arzt) betritt, oder die Tür aufhält für nachfolgende Mitmenschen (stattdessen wird starr auf das Handy geglotzt und die Umwelt nicht mehr wahrgenommen). Danke und Bitte sind Fremdwörter und obendrein wird man noch misstrauisch angeschaut, wenn man einer wildfremden Person nach dem Niesen „Gesundheit“ wünscht (eine Weile war das lt. Knigge ja auch nicht mehr gewünscht). Dabei sollten doch gerade diese vermeintlichen Kleinigkeiten selbstverständlich sein; natürlich biete ich einer Mutter mit Kind meinen Platz an. Schon alleine deswegen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie dankbar man mit Kleinkind für einen Platz in der überfüllten Bahn ist.

    Im Grund wird in diesem Land doch auf sehr hohem Niveau gejammert. Jeder hat nur noch sich im Fokus und die Umwelt um einen herum wird ausgeblendet, ja geradezu aktiv ignoriert. Werte sind wichtig und es liegt an uns, sie zu pflegen. Wir versuchen unserer Tochter Werte wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Empathie und Nachhaltigkeit auf ihren Weg ins Leben mitzugeben und es ist umso schöner, dass auch der Kindergarten hier seinen Fokus hat. Sie ist letzte Woche 4 Jahre alt geworden und seit der Upcycling Projektwoche im Kindergarten darf ich keinen Eierkarton mehr wegwerfen – sie bastelt tolle Burgen daraus; ihr nächstes Projekt ist der Bau eines Roboters. Was wären wir für Eltern, wenn wir sie nicht darin bestärken und unterstützen würden? Letztens erklärte ich ihr vereinfacht, dass Papier aus Bäumen hergestellt wird und dass es nicht gut ist, wenn sie auf jedes Blatt nur einen Strich malt und dann das nächste nimmt. Sie war sehr überrascht und find sofort an, mir Löcher in den Bauch zu fragen. Kinder sind von Natur aus neugierig und das ist gut so – warum haben wir es im Laufe der Zeit vergessen, Dinge zu hinterfragen und nehmen sie stattdessen, wie sie sind.

    Sie hat seit ein paar Wochen einen Bibliotheksausweis (man muss nicht immer alles kaufen) und packt regelmäßig Spielsachen, mit denen sie nicht mehr spielt oder die nicht mehr ihrem Alter entsprechen in Pakete für Kinder, denen es nicht so gut geht. Sie werden nicht glauben, wie schwer ich es hatte, einen Abnehmer zu finden?! Ich dachte, es müsse ja nicht gleich Afrika sein – es gibt doch auch hier genug Kinder, die sich über ein Puzzle, eine Puppe oder ein Bilderbuch freuen (ich habe Frauenhäuser, Kinderheime etc. pp. angesprochen… man wolle lieber Geld).

    Das große Ganze fängt im Kleinen an und wir für unseren Teil werden weiterhin grüßen, fremden Menschen Gesundheit wünschen und die Türe aufhalten auch wenn wir keinen Dank dafür bekommen. Wir werden weiterhin auch die kleinen Dinge zu schätzen wissen und wenn andere das nicht tun, dann sollte man sich nicht darüber ärgern, sondern diese Menschen bedauern. Das Leben ist schön.

    1. Liebe Claudia! Vielen Dank für Ihren, ja fast schon Co-Blog! Mit der Bitte um Nachsicht, dass meine Antwort etwas auf sich warten ließ: Grad ist irre viel los am Lehrstuhl. Ich hab mich köstlich amüsiert – was man bei dieser Thematik ja nicht unbedingt tun sollte. Aber dass man inzwischen schon schief angeschaut wird, wenn man sich höflich gegenüber seinen Mitmenschen benimmt – treffend beobachtet. Und der Wahnsinn. Aber was ich am beeindruckendsten finde: Wie Sie Ihre Kleine erziehen und wie Ihre Tochter das begeistert annimmt. Die Welt mag schön sein – aber das ist schöner. Weil es die Welt besser macht.

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