Denken lernen

Reisen Sie gerne? Reisen ist was Wunderbares. Und seit der Marktliberalisierung eröffnet sich uns ein neues Reisemittel: der Fernbus. Wie gern wir damit reisen, zeigt eine erstaunliche Zahl: Seit 2013, dem Jahr der Liberalisierung, wuchs das Angebot an Fernbus-Linien um mehr als 300 Prozent. Das nenne ich Expansion! Wer über die Weihnachtsfeiertage verreiste, sieht das vielleicht anders.

Denn über die Feier- und Reisetage war natürlich auch mehr Stau auf den Straßen. Busse stehen im Stau. Züge nicht. Dafür haben sie gelegentlich Verspätung. Also was nun? Was ist besser?

Die Zahlen machen die Wahl auch nicht leichter. Wenn wir innerhalb Deutschlands verreisen, machen wir das zu 10 Prozent mit dem Fernbus. Das Auto liegt, niemand wundert’s, bei 80 Prozent. Die Bahn transportiert weitere 10 Prozent Passagiere. Bahn und Bus liegen also grob gleichauf. Die Flieger haben im Inlandsverkehr nur einen Anteil von rund einem Prozent. Ginge es nur nach Preis, wäre die Wahl natürlich einfach: Der Bus ist konkurrenzlos billig. Aber er verbrennt Diesel und bläst CO2 in die Umwelt. Wer pustet weniger?

Auch das ist erstaunlich: Fernbusse emittieren pro Passagier um die Hälfte weniger CO2 als die Bahn. Das würde sich ändern, wenn die Bahn komplett mit Ökostrom fahren würde. Also doch der Fernbus? Weil er billiger ist und umweltfreundlicher? Sozusagen 2:0 für den Bus. Bis man am Ziel anlangt.

Das heißt eben oft auch: JWD. Janz weit draußen. Weil der Busbahnhof für Fernbusse oft weit außerhalb des Stadtzentrums liegt. Das mindert etwas die Kosten- und Umweltbilanz. Ganz zu schweigen von der Zeit, die man dabei verliert. Der Bahnhof für Züge ist meist mitten in der Stadt. Und je mehr Fernbusse fahren, desto stärker nutzen die Straßen ab, weshalb sie öfter instandgehalten oder erneuert werden müssen, wofür es mehr Baustellen gibt, die Staus verursachen, welche Unmengen Abgase in die Luft blasen … Was spielt noch eine Rolle bei unserer nachhaltigen Abwägung zwischen Bahn und Bus?

Nun, zwei Komponenten der Nachhaltigkeit haben wir bereits betrachtet: ökonomische (Preis) und ökologische (CO2) Komponente. Fehlt noch die soziale Nachhaltigkeit. Es gibt Meldungen, wonach viele Fernbusfahrer nicht wirklich angemessen bezahlt werden. Oft sind auch Verstöße gegen die Lenkzeiten praktisch im Fahrplan enthalten. Außerdem werden etliche Busfahrer auch noch als Bedienung, Schaffner und Gratis-Koffer-Kuli missbraucht. Der Passagier spart also Geld – aber auf Kosten des schwächsten Glieds in der Wertschöpfungskette. Bei der Bahn werden die Mitarbeiter anständig bezahlt und ich habe noch nie einen Zugführer 28 Koffer aus dem Zuginneren wuchten sehen.

Natürlich: Viele Menschen könnten sich eine lang ersehnte Fernreise innerhalb Deutschlands rein finanziell nicht leisten, wenn es den Fernbus nicht gäbe, weil das Haushaltsgeld einfach nicht zu mehr reicht. Und das trifft auf viele Güter des modernen Lebens zu, für Handys, Obst, Kleidungsstücke, Konsumgüter, … Wenn es am Monatsende gerade mal so langt, kann ich mir nicht auch noch die Fairtrade-Bananen leisten, sondern greife zur Discounterware. Aber darum geht es nicht.

Es geht um die vielen Abermillionen Einkäufe täglich, bei denen das Haushaltsgeld gut und gerne für einen Nachhaltigkeitsaufschlag reichen würde. Aber wir schlagen nicht auf. Wir schauen nur auf den Preis. Weil wir darauf fixiert sind. Weil wir die Rettung der Welt Regierungen und Konzernen überlassen. Weil wir nicht auch noch mit solchen Überlegungen belastet werden wollen. Oder wie ein Studierender sagte, der am Wochenende per Fernbus in die Heimat fährt: „Ich denke an den Preis und ob der Fahrplantakt passt. Wer denkt schon daran, ob der Fahrer anständig bezahlt wird?“ Ja, wer denkt daran?

Ob man sich in unseren Zeiten zum unfreiwilligen Sklavenhalter seines Busfahrers macht oder Buchhändler und Taxifahrer via Online-Einkauf und Uber arbeitslos macht und in Berlin via Airbnb die Mietpreise in die Höhe treibt, ist tatsächlich eine Frage des Denkens. Seit dank E-Commerce in vielen kleineren Innenstädten Ladenleerstände wie nach einem Hochwasser klaffen, entschuldigen sich viele Bürgerinnen und Bürger: „Wer denkt denn an sowas, wenn er online einkauft?“ Das kann man fragen. Man könnte aber auch fragen:

Wie können wir nicht daran denken?

2 Kommentare zu „Denken lernen

  1. Liebe Frau Hartmann,

    ich finde es sehr lobenswert, dass Sie dem Thema Moral an der Universität einen Platz einräumen, da es leider immer noch zu den Themen gehört, die viel zu kurz kommen. Ich denke es ist wichtig Menschen auf solche Fragen, die wir uns viel zu selten stellen, hinzuweisen, und obwohl mit Sicherheit nicht jeder sein Handeln ändern wird, mag bestimmt der/die eine oder andere sein Verhalten überdenken und es ändern. Und startet nicht jeder Wandel so?

    Besonders gut gefällt mir, dass Sie beim sozialen Aspekt auch Menschen bedenken, die sich leider nicht mehr leisten können. Man sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten überlegen, was man tun kann. Viele Leute geben viel zu schnell wieder auf, weil sie sich zu viel auf einmal vornehmen, aber auch mit vielen kleinen Schritten kommt man ans Ziel.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich find Sie cool! :-) Weiter so!

    1. Lieber Michael! Erst einmal: Danke für Ihre Lobesworte – das tut natürlich gut. Denn als Professorin, Autorin und Mensch, der sich für wenig populäre Themen stark macht, wird man/frau auch oft getrollt, wie das neuerdings heißt. Weil die Nörgler ja immer gleich was zu sagen haben und die guten Menschen viel zu häufig mit ihrer Meinung hinterm Berg halten – das tun Sie nicht und das imponiert. Und motiviert natürlich, weiter zu machen. Danke!

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