Wie grün ist das E-Auto wirklich?

Wann kommt endlich das E-Auto? Wenn wir alle elektrisch fahren würden, wären die Umwelt und das Klima gerettet und wir könnten die Luft in den Innenstädten wieder atmen. Zumindest glauben das viele. Weil auch die Medien das heftig suggerieren: Der Diesel gehört weg und das E-Auto wird uns alle retten. Gut, dass es die Wissenschaft gibt. Wir rechnen gerne nach, was andere behaupten.

Hier am Lehrstuhl fragen wir uns schon seit einiger Zeit: Wie grün ist das E-Auto wirklich? Ein Team von fünf Studierenden hat sich im Rahmen einer Semesterarbeit der Frage mittels einer Recherche gewidmet und Erstaunliches herausgefunden.

Beginnen wir mit den Fakten: Die EU-Klimaziele schreiben vor, dass Autos ab 2020 lediglich noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen dürfen (wir ignorieren hier einmal Feinstaub und Stickoxide). Wieviel stoßen sie heute noch aus? 2011 waren es 146,1 Gramm. Bis 2017 hat sich das immerhin auf 127,9 Gramm reduziert. Das heißt: In den nächsten drei Jahren müssten die Hersteller den Ausstoß um 25 Prozent senken – jährlich. Wo sie es bisher lediglich um knapp 4 Prozent jährlich geschafft haben. Woran das liegt?

Natürlich am Verbrennungsmotor. Das wissen inzwischen alle: Diesel verpesten die Luft. Ja? Eher nein: Diesel stoßen bei Rohstoffgewinnung, Herstellung und Fahrt weniger CO2 aus als Benziner. Leider meiden Käufer derzeit den Diesel – also steigt der CO2-Ausstoß. Schönes Eigentor.

Hinzu kommt die gestiegene Nachfrage nach größeren Autos, die wegen ihrer Größe auch mehr CO2 abgeben. Also werden wir die EU-Klimaziele verfehlen – mit Benzinern und Dieseln: Wir brauchen deshalb das E-Auto!

Leider fuhren bis 2013 gerade mal knapp eine halbe Million E-Autos auf den Straßen – weltweit. 2016 waren es schon zwei Millionen, hauptsächlich in den führenden Nationen China und USA. Aber das reicht natürlich noch nicht: Wir brauchen noch viel mehr E-Autos! Wirklich?

Zwar bläst das E-Auto kein CO2 aus dem Auspuff, weil es keinen Auspuff hat. Doch selbstverständlich verursacht auch das E-Auto CO2-Emissionen. Zum Beispiel bei der Erzeugung des Stroms, mit dem es fährt. Kommt dieser Strom aus Kohlekraftwerken (2017 in Deutschland mit immerhin 39% der Fall), dann entsteht beim Verfeuern der Kohle sogar jede Menge CO2. Und auch bei der Herstellung von E-Autos entsteht Kohlendioxid, zum Beispiel bei der Gewinnung der Rohstoffe (weil hier im Produktionsprozess ebenfalls „verbrannt“ wird). Oder wenn Lieferteile von Systemlieferanten mit normalen Diesel-LKW zu den Automobilherstellern gefahren werden: Überall wird das unsichtbare Gas abgegeben. Deshalb kommt es zu einem paradoxen Zwischenergebnis.

Paradox ist: Bei der Produktion eines Autos der unteren Mittelklasse entsteht beim Dieselauto und beim Benziner weniger CO2 als beim E-Auto. Das liegt vor allem an der sehr CO2-intensiven Akku-Herstellung für E-Autos. Bei der oberen Mittelklasse schneidet das E-Auto deshalb noch deutlich schlechter ab als Diesel und Benziner, weil die obere Mittelklasse viel stärkere Akkus benötigt. Nimmt man Herstellung und Recycling der Autos zusammen, dann verursacht das E-Auto einen bis zu doppelt so hohen CO2-Ausstoß verglichen mit Benzinern, Dieseln und Hybriden. Diesen Nachteil muss das E-Auto auf der Straße ausgleichen.

Soll es im Endeffekt umwelt- und menschenfreundlicher sein als Verbrennungsmotoren, dann muss es seinen CO2-Rückstand aus Produktion und Recycling während seines Lebens auf der Straße wieder wettmachen. Denn auf der Straße ist es ja CO2-frei (lässt man die Stromerzeugung außen vor). Würde das E-Auto ewig laufen, dann wäre die Rechnung einfach – aber welches Auto tut das schon?

Also setzen wir lieber eine Lebensleistung von 150.000 km an. Ein Diesel oder Benziner mit modernem Motor schafft das. Bei dieser Laufleistung ist das Ergebnis für die untere Mittelklasse (z.B. Polo) deutlich: Das E-Auto stößt in der Gesamtbetrachtung (Herstellung, Fahrtbetrieb, Recycling) 5.000 kg weniger CO2 aus als ein vergleichbarer Diesel und etwa 8.000 kg weniger als ein Benziner. Bei der oberen Mittelklasse jedoch dreht sich das Bild.

Weil die obere Mittelklasse eben sehr viel stärkere Akkus benötigt, fallen bei Herstellung und Recycling sehr viel mehr CO2 an. Deshalb ist das E-Auto in dieser Klasse in der Gesamtbetrachtung zwar rund 3.000 kg besser als ein Benziner, aber über 10.000 kg schlechter als ein Diesel. Nur zu Erinnerung: Die gesellschaftlichen Kräfte sind gerade dabei, den Diesel schlechtzureden, medial runterzuschreiben und zu verbieten. Ist das nicht ziemlich dämlich?

Bei jenen, die das E-Auto mit einem Fetisch verwechseln – sicher. Doch nehmen wir ein zusätzliches Kriterium in die Analyse herein, ist das E-Auto gar nicht so schlecht wie seine CO2-Gesamtbilanz der oberen Mittelklasse vorgibt: Es kommt nämlich auch auf den Ort der CO2-Emission an. Das E-Auto produziert Kohlendioxid ausschließlich bei Herstellung, Stromerzeugung und Recycling – also nicht bei der Fahrt in unseren verpesteten Innenstädten. Außerdem setzt es hier auch keine Stickoxide, keinen Feinstaub und keinen Lärm frei. Für die Städte wären sehr viel mehr E-Autos daher ein Segen. Für die Zukunft auch.

Wie muss das Auto der Zukunft sein? Sicher soll es sein, umweltfreundlich und kostengünstig. Bei den Kosten wird das E-Auto in naher Zukunft mächtig aufholen: Die Akku-Kosten sollen bis 2020 um knapp die Hälfte sinken. Auch wird es umweltfreundlicher werden: Wenn wir Strom aus erneuerbaren Energien zwischenspeichern und so ihren Anteil an der Stromerzeugung deutlich erhöhen können. Dann könnten wir immer stärker auf die Kohleverstromung verzichten. Dann schlägt das E-Auto endlich auch den Diesel. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir alle bis dahin darauf warten sollten. Es bedeutet, dass wir alle darauf hinarbeiten sollten.

2 Kommentare zu „Wie grün ist das E-Auto wirklich?

  1. Ein sehr interessanter und aufschlussreicher Artikel. Weil er nicht nur eine Teilaspekt betrachtet, sondern die gesamte Produktionskette und den Betriebsalltag. Ja, so sieht das komplette Bild schon ein wenig anders aus.

    Dennoch, für die Innenstädte ist es schon sinnvoll ohne CO2 Ausstoss unterwegs zu sein.

    Ein Element noch möchte ich als Elektrorollerfahrer erwähnen. Es macht auch wirklich Spass lautlos durch die Landschaft zu fahren. Aber das ist eher ein subjektives Element und in der Gesamtdiskussion nicht zu berücksichtigen.

    1. Lieber Herr Trebing,

      Sie fahren Elektroroller? Ich bin beeindruckt und keinesfalls der Meinung, dass so ein „subjektives Element“ in der Gesamtdiskussion nicht berücksichtigt werden sollte. Es sind immerhin solche subjektiven Elemente, die in ihrer Gesamtheit hoffentlich bald das Bild und die Luft in unseren Städten entscheidend verändern werden.

      Schöne Grüße und viel Freude mit dem E-Roller!
      Evi Hartmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.