Rettet die Meere!

Vor kurzem hat die EU-Kommission angekündigt – wir haben es in den Medien gehört und gesehen – bestimmte Plastik-Produkte verbieten zu wollen, unter anderem Plastik-Trinkhalme, Plastik-Geschirr und -Besteck oder auch Getränke-Rührstäbchen. Das Verbot soll vor allem jene Plastikwaren treffen, für die es nachhaltige Alternativen gibt. Den Grund dafür kennen wir alle. Vor allem als Urlauber.

Wer einmal in den frühen Morgenstunden noch vor dem Trupp vom Strandräumdienst an der Wasserlinie entlang spaziert, kann sich ein Bild vom Ausmaß des Schadens machen: Plastikmüll zuhauf, der angespült wird. Das Meer scheint zu sagen: „Da habt ihr euren Dreck wieder!“ Wer sich ein geistiges Bild des Grauens machen möchte, stelle sich nur einmal die Strände von unbewohnten Inseln dieser Welt vor, auf denen es kein kommunales Müllkommando gibt, das den Dreck jeden Tag wegräumt: apokalyptisch. Von oben, aus Satellitensicht betrachtet, ertrinken die Inseln in einem menschengemachten Meer aus Müll.

Die größten Verschmutzer auf der Plastikmüll-Hitliste sind, in dieser Reihenfolge, China, Indonesien, die Philippinen, Vietnam und Sri Lanka. Das hat nichts mit Asia-Bashing zu tun, sondern damit, dass diese Länder noch nicht den grünen Punkt oder vergleichbare Abfallsysteme eingeführt haben. Wobei auch wir nicht sonderlich stolz auf unsere Recycling-Leistung sein können: In der ganzen EU werden lediglich 30 Prozent des Plastikmülls recycelt, in China doch schon 25 Prozent und in den USA – worauf tippen Sie? Neun Prozent, Wahnsinn. Ein zusätzlicher kleiner Anteil des Plastikabfalls wird „thermisch verwertet“, also verbrannt. Der größere Teil landet eben auf den Müllkippen. Oder im Meer. Sauerei! Wer hat das zu verantworten?

Nun, vielleicht sollten wir mit jenen beginnen, die das ganze Zeug wegschmeißen. Das sind auch wir. Jeder Deutsche „produziert“ im Durchschnitt – was schätzen Sie? – 37 Kilo Plastikmüll im Jahr. Das ist eine Menge Müll. Das ist ein Riesenvolumen, wenn man bedenkt, wie gering das Gewicht von Plastik ist. Allein unser Kaffeegenuss verursacht in Deutschland Wegwerf-Plastik in Form von 320.000 Kaffeebechern – pro Stunde! Lediglich 25 Minuten lang gebrauchen wir solche Wegwerf-Artikel im Schnitt; dann sind sie Müll. Mit allen Folgen.

Jährlich sterben ungefähr eine Million Seevögel an Plastikteilen in den Meeren. Die durchschnittliche PET-Flasche benötigt 450 Jahre bis zur kompletten Zersetzung – wobei „Zersetzung“? Sie hat sich nach 450 Jahren eben nicht abgebaut, sondern lediglich in Einzelteile aufgelöst: in Millionen feinster Mikro-Partikel, die von Seetieren aufgenommen werden, sich in den Tierkörpern anreichern und dann entlang der Nahrungskette wieder den Weg zurück auf unseren Tisch und in unsere Mägen finden. Frischer Fisch bringt verbrauchtes Plastik sofort zurück. Wir vergiften uns damit selbst. Erst die Tiere, dann die Tiere uns. Auch das ist eine Art Kreislaufwirtschaft. Oder die Rache der Natur. Dabei könnte alles anders sein.

Wir könnten eine Menge dagegen tun. Manche machen das bereits: Jute statt Plastik. Ganz normale Einkaufstaschen statt Plastiktüten. Joghurt im Glas statt aus dem Plastikbecher. Den Kaffee to go im eigenen Becher, den wir nach Gebrauch wieder nach Hause nehmen. Saft, Radler und Bier aus der Glas- statt aus der PET-Flasche. Obst und Gemüse ohne Plastikfolie. Kaffee ohne Kapseln. Welche Artikel mit mehr Plastikverpackung als Inhalt fallen Ihnen auf? Es gibt immer Alternativen.

Dass diese Alternativen häufig teurer sind, ist kein Hinderungsgrund, sondern der Lackmus-Test für unsere Moral: Was ist uns die Welt wert? Die Meere? Ein gutes Gewissen? Die Zukunft unserer Kinder? Und welche Antwort geben wir bereits jetzt, durch Unterlassung? Gut, dass wir darüber reden.

Denn die öffentliche Diskussion bewegt etwas. Einige Unternehmen haben sich entschlossen, tätig zu werden, noch bevor die EU ihr Verbot erlassen wird. Starbucks zum Beispiel wird bis 2020 alle Plastik-Trinkhalme aus den Filialen räumen. Damit fallen dann immerhin eine Milliarde Plastik-Trinkhalme weniger Müll im Jahr an. Auch McDonald’s setzt auf weniger Plastik, einige Fluglinien machen ebenfalls mit, andere Unternehmen haben Initiativen angekündigt. Es tut sich was. Gut so.

Entscheidend sind zwei Dinge: Wieviel Plastikmüll wir ab heute vermeiden und wieviel wir wieder in den Nutzungskreislauf zurückführen. Das Glas-Recycling könnte Vorbild sein: Da klappt das schon recht gut. Wenn wir alles recyceln könnten und würden, was wir an Plastik wegwerfen – das Problem wäre gelöst. Das ist die Perspektive: geschlossener Kreislauf. Irgendwann schließt sich der Kreislauf auch beim Plastikmüll. Hoffentlich, bevor wir die Meere komplett vermüllt haben.

4 Kommentare zu „Rettet die Meere!

  1. Wegwerfverpackungen aus Plastik sind schon lange die Billig-Macher unserer Diskounter. Das hat sich auch mit der Pfandpflicht auf viele Plastikflaschen kaum geändert.
    Wer etwas grundsätzlich ändern will, muss denen einen Weg bieten, die sparen müssen oder zu weite Wege für Mehrwegsysteme haben, ob HarzIV-Empfängern in Deutschland, Provinzbewohnern in Frankreich oder neuen Wegwerfgesellschaften wie China oder Vietnam.

    1. Lieber Robert, da legen Sie den Finger in die Wunde: Vom Pfand hätte ich mir auch mehr versprochen. Und „Wegwerfgesellschaft“ sagt eigentlich schon alles. Die Ägypter bauten die Pyramiden, Rom ein Weltreich und wir werden der Nachwelt im Gedächtnis bleiben, weil wir so viel weggeworfen haben? Sehr lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

  2. Sie haben schon Recht. Mein Ansatz wäre die Industrie Zug um Zug dazu verpflichten ihre Produkte ohne Plastik zu verpacken. Warum gibt es Joghurt im Plastikbecher ? Ich kenne es noch so, dass diese ausschliesslich im Glas verkauft wurde. Ebenso die Milch, da gab es keine Milchtüten, ja später mal die im Schlauch. Freiwillig werden sich die Verbraucher sehr schwer tun um sich Alternativen zu suchen, aber wenn es ein Angebot gibt, langt man dann doch eher zu. Wenn dazu noch eine preislich interessante Gestaltung dazu kommt. Wird’s richtig interessant.
    Denn, ja wir müssen Plastik wo es nur geht vermeiden.

    1. Lieber Herr Trebing, Sie erinnern sich auch noch an den Joghurt im Glas? Gibt es übrigens immer noch oder bereits wieder. Nicht alles, was alt ist, ist schlecht. Ich gebe Ihnen recht: Plastikvermeidung ist kein Luxus – wir müssen Plastik so weit und so schnell wie möglich vermeiden und ersetzen.

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