Lügst du mir die Hucke voll?

Alle, die schon mal online eingekauft haben, sind schon auf die eine oder andere Art damit in Berührung gekommen: Produktbewertungen. Inzwischen üblich; kennen wir alle. Wie sind Sie mit dem zufrieden, was Sie neulich gekauft haben? Ausgedrückt in 1 bis 5 Sternen? Kennen wir, machen wir, schauen wir uns regelmäßig an und vertrauen darauf stärker als auf Werbung, Produkt-Info und die üblichen Versprechungen. Das ist ein Problem. Denn Internet-Bewertungen sind extrem anfällig für Manipulationen.

Jedoch: Das Internet reagiert auch schnell auf die eigenen Verfehlungen. Die Entwickler der Website ReviewMeta (https://reviewmeta.com/) haben Algorithmen aufgestellt, die Millionen Internet-Bewertungen daraufhin überprüfen, ob sie sauber und ehrlich sind – oder eben Fake Reviews. Diese Review-Polizei stellte (für 2017) fest: Rund 20 Prozent aller Bewertungen eines uns allen bekannten Online Shops waren gefälscht. Dazu braucht es keine Statistik. Das stellen wir oft genug selber fest.

Wir bestellen zum Beispiel ein Buch, das ein Dutzend enthusiastischer Rezensionen aufweist, doch sobald wir nach dessen Erhalt weiter als bis zur Leseprobe lesen, müssen wir leider feststellen: Der Enthusiasmus der Rezensenten war, aus welchen Gründen auch immer, reine Gefälligkeit.

Viele Online Shops verschweigen verschämt das Manipulationsrisiko. Andere gehen offen damit um. Yelp zum Beispiel, das Empfehlungsportal für Restaurants, Bars, Ärzte und Beauty Salons sagt selber, dass circa 30 Prozent der Bewertungen auf seiner Seite, euphemistisch umschrieben, „nicht hilfreich“ seien. Das sagt uns auch der gesunde Menschenverstand allein beim Anblick der meisten Troll-Ergüsse: „Sprache ist Gesinnung“, wie Tucholsky meinte. Man sieht es der Sprache der Bewertungen meist an, wess‘ Geistes Kind ihr Verfasser ist. Warum sollten ausgerechnet im Internet ausschließlich die Hüter der Wahrheit etwas zu sagen haben? Auch im Netz wird geschwindelt, gemogelt und schön geredet wie in jeder anderen Alltagskommunikation auch. Das ist normal. Aber schädlich ist es halt schon. Und gefährlich.

Denn wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Nehmen die Lügen überhand, geht das Vertrauen kaputt. Und dann wird’s teuer. Wie in t3n, dem Magazin fürs digitale Business, zu lesen war: Produkte mit vielen guten Bewertungen erzielen 30 bis 50 Prozent mehr Umsatz – solange wir Käufer den Bewertungen vertrauen. Ist das Vertrauen erst mal futsch, ist es der Umsatz bald auch. Das ist er bereits jetzt, nämlich bei Produkten mit drei Sternen: eigentlich eine ganz gute Bewertung. Doch in vielen Fällen werden solche Produkte kaum noch gekauft.

Weil die Sterne derart entscheidend sind, bieten viele Internet-Agenturen relativ offen an, Bewertungen zu fälschen. Eine Agentur offeriert zum Beispiel 100 positive Facebook-Kommentare für 70 Euro. Sogar mit Geld-zurück-Garantie. Ein anderer Dienstleister nimmt für zwölf positive Bewertungen auf einem Hotel-Portal 120 Euro. Die Welt will betrogen sein, wie schon die alten Römer sagten.

Wie eine der Agenturen im Internet offen angibt, verkauft sie knapp 2.000 Bewertungen – im Monat. Und das ist nur eine Agentur. Es gibt viele davon. Wir werden überschwemmt von einer Flut an Fake Reviews. Fake News, Fake Reviews.

Bewertungen sind bares Geld wert, also wird auch bares Geld für sie bezahlt. Das ist nicht ehrlich? Das ist es nicht. Unternehmen, die sowas nutzen, fühlen sich dem Umsatz, dem Gewinn und dem Shareholder Value verpflichtet, nicht Ehrlichkeit und Wahrheit. Glücklicherweise gibt es löbliche Ausnahmen, zum Beispiel Jameda.

Auf Jameda können wir Ärzte bewerten. Und bei Jameda sind 15 Mitarbeiter ausschließlich damit beschäftigt, den lieben langen Tag nichts als Fake-Bewertungen aufzudecken und zu löschen. Ehrlichkeit im Internet? Geht offensichtlich auch. Und ist bitter nötig.

Denn mit gefälschten 1-Stern-Bewertungen kann man natürlich auch Konkurrenzprodukte aus dem Markt schießen oder schwer schädigen. Passiert jeden Tag. Das ist gefährlich, da jedes noch so kleine Unternehmen heutzutage stark von seinen Online-Verkäufen abhängig ist. Als kleiner Einzelhändler bräuchte man heute also auch noch einen Experten für Digitale Forensik, der Kriminelle im Internet entlarvt. Wer kann sich das leisten?

Sogar die Bundesregierung mahnte noch im Mai dieses Jahres vor Fake Reviews und gab Tipps, wie man sich dagegen wehren kann. Viele Online-Plattformen interessieren sich nur wenig dafür. Denn wenn Bewertungen künstlich und fälschlich hochgehalten werden, wird mehr verkauft und die Plattform kriegt mehr Provision. Aber, wie schon Lincoln sagte: „Du kannst alle Leute eine Zeitlang täuschen und einige Leute kannst du immer täuschen. Aber du kannst nicht alle Leute immer täuschen.“ Spätestens dann, wenn eine Plattform als Pfuhl der Fake Reviews ihren Ruf weg hat, das Vertrauen futsch ist und die Umsätze fallen, wird auch der letzte Troll den Wert der Wahrheit erkennen.

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