Lies meine Gedanken!

Im Film „Minority Report“ von Steven Spielberg mit Tom Cruise schweben übersinnlich begabte Damen scheinbar schwerelos in einem Wasserbad und sagen Morde voraus, die dank dieser Präkognition dann verhindert werden, bevor sie begangen werden können. Weil das wirkliche Leben die Utopie imitiert, praktizieren Polizeikräfte in vielen Ländern in der Zwischenzeit „Predictive Policing“: Ein Algorithmus errechnet, in welchen Stadtvierteln in den nächsten Tagen vermehrt zum Beispiel mit Wohnungseinbrüchen zu rechnen ist und die Polizei fährt schwerpunktmäßig verstärkt Streife, was die Einbrüche auf dem Weg der Self-Denying Prophecy dann verhindert. Oft merken wir nicht einmal etwas von der abgewendeten Gefahr. Das gilt nicht nur für Mord und Verbrechensbekämpfung, sondern unter Umständen auch für Ihre nächste Online-Bestellung.

Diese Umstände heißen Anticipatory Shipping – grob übersetzt: vorausschauende Lieferung. Kurz gesagt: Ihr Wunschartikel wird schon ausgeliefert, noch bevor Sie ihn überhaupt bestellt haben! Weil die Kristallkugel des Online-Händlers sozusagen Ihre Gedanken lesen kann. Amazon hat sich das Verfahren bereits patentieren lassen.

Der Online-Händler hat sich zum Ziel gesetzt, dass Online-Bestellen bald so schnell wird wie mal eben rasch zum Supermarkt zu fahren. Dass Lagerbestände mit Daten über die Entwicklung der Nachfrage in letzter Zeit gesteuert werden, ist nicht neu. Neu ist, dass dies beim Anticipatory Shipping nicht für die kumulierte Nachfrage, sondern für den einzelnen Kunden, also für Sie und mich gemacht wird. Der Algorithmus beim Online-Händler schaut sich mein Kaufverhalten an, meine Wunschzettel, meine Warenkörbe und tatsächlichen Bestellungen, aber auch wie lange ich bestimmte Produkte im Internet betrachtet habe, wieviel Zeit und Clicks ich darin investiert habe und berechnet auf Basis dieser Datenlage, was ich in Zukunft bestellen werden, noch bevor ich es selber weiß. Der Algorithmus liest sozusagen meine Gedanken.

Ganz simpel funktioniert das bei periodischen Bestellungen: Wenn ich in den letzten fünf Jahren regelmäßig alle sechs Monate für die ganze Familie Bürstenköpfe für die elektrische Zahnbürste gekauft habe, dann braucht der Algorithmus keine Kristallkugel, um meine nächste Bestellung vorhersagen zu können. Doch Anticipatory Shipping funktioniert nicht nur bei solchen Wiederholungskäufen. Wenn ich mir zum dritten Mal ein Faszienrollen-Set auch nur anschaue, dann „weiß“ der Algorithmus eben, dass ich mit X%iger Wahrscheinlichkeit in den nächsten Y Wochen bestellen werde – und dann wird es interessant.

Denn dann transportiert der Online-Händler schon mal vorauseilend und auf eigene Rechnung und ohne dass ich das schon bestellt hätte ein Faszienrollen-Set für mich zu einem Verteilzentrum in meiner Nähe. Bei sehr schnell „drehenden“ Produkten könnte es sogar passieren, dass er es bereit in den LKW legt, der regelmäßig an meinem Haus vorbeikommt, was rein theoretisch die 60-Sekunden-Belieferung möglich machen könnte.

Nehmen wir an, ich habe vor drei Tagen zum Beispiel ein Buch bestellt. Während das Buch im LKW zu mir unterwegs ist, erinnere ich mich daran, dass die Kinder mal wieder das Handy-Ladekabel verlegt haben. Also bestelle ich eines. Zufällig parkt der Paket-Transporter in dieser Minute vor meiner Haustür, der Fahrer sieht in Echtzeit meine neue Bestellung, kommissioniert im LKW das dort auf Lager liegende Ladekabel und liefert es zusammen mit meinem Buch aus: Der schnellste Einkauf der Welt.

Viele Dinge, die Sie und ich irgendwann brauchen werden, kreisen sozusagen in Warteschleifen auf den Straßen in unserem Wohnviertel um uns herum und warten darauf, dass wir sie abrufen. Im Extremfall schießt Amazon mit diesem Verfahren übers Ziel hinaus: Online Einkaufen wird nicht so schnell wie die Fahrt zum Supermarkt, sondern viel schneller. Was natürlich bewirken wird, dass wir noch mehr einkaufen als jetzt schon, dass der stationäre Einzelhandel noch weniger Chancen hat und dass wir noch unsinniger konsumieren. Denn: Brauchen wir das?

Wenn ich jetzt zufällig ein interessantes Buch im Internet entdecke, dann ist es zwar morgen da, aber liegt dann trotzdem noch Tage, wenn nicht Wochen auf meinem Nachttisch, bevor ich Zeit finde, es zu lesen: Wir werden schneller beliefert, als wir konsumieren können. Das Bild der zwangsgestopften Martinsgans drängt sich auf. Mit dem Unterschied, dass wir uns selbst stopfen.

Vielleicht hat es ja positive Nebenwirkungen, wenn nicht mehr Hunderte, ja Tausende Privat-PKW täglich zum und vom Discounter und Supermarkt fahren: Der Liefer-Transporter hat da eine bessere Umwelt-Bilanz. Außerdem könnte man dann auf die verwaisten Parkplätze bezahlten Wohnraum bauen. Doch damit fällt auch der Einkauf als soziales Ereignis weg. Wir kennen das von ländlichen Gemeinden: Macht erst die Dorfkneipe und der Tante-Emma-Laden dicht, ist das Sozialleben der Gemeinde so gut wie erledigt. „Individualisierung der Gesellschaft“ nennen die Soziologen das. Man könnte das aber auch moderne Vereinsamung und sozialen Autismus nennen.

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