Paket fährt mit

Uber kennen wir. Was viele nicht wissen: Es gibt Uber nicht nur für Menschen, sondern auch für Pakete. Viele, viele Anbieter weltweit machen es möglich. Zum Beispiel Amazon Flex oder CoCarrier, ein Berliner Start-up, das 2016 gegründet wurde. Das Prinzip: Wenn ich ohnehin zum Beispiel von Nürnberg nach Frankfurt fahre, könnte ich mich auch auf der Paketmitnahme-Plattform meiner Wahl einloggen, meine Fahrt ankündigen und darauf warten, dass jemand textet: „Super, bitte nimm mein Paket nach Frankfurt mit!“

Wobei Nürnberg – Frankfurt schon ein weiter Weg fürs private Paket-Taxi ist. Die meisten Mitnahme-Fahrten sind weitaus kürzer, beispielsweise vom Büro in der City nach Hause in den Vorort. Kern des Prinzips: Ich fahre keinen Extra- oder Umweg, sondern nur den Weg, den ich ohnehin gefahren wäre – nun eben mit einem Päckchen auf dem Rücksitz oder einem Paket im Kofferraum; sofern Platz vorhanden.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Das Paket verbraucht nicht zusätzlich und unnütz Sprit und verpestet die Umwelt – denn ich fahre ja sowieso. Wenn das nur genügend viele Menschen machen würden, wären deutlich weniger Pakettransporter in den Städten und auf den Straßen unterwegs. Das ist der Plan.

In den USA läuft alles nach Plan. Dort ist auch die Entlohnung gut. Zu Spitzenzeiten kann ein privater Paketfahrer schon mal 120 Dollar in vier Stunden bekommen. Genau das befürchten die großen deutschen Lieferdienste. Zwar schätzen Experten, dass die Anzahl der in Deutschland zugestellten Sendungen bis 2022 auf 4,3 Milliarden jährlich ansteigen wird. Doch je mehr davon privat zugestellt werden, desto mehr Geschäft entgeht den Branchenriesen. Also wird protestiert.

Die Proteste bemängeln, dass Arbeitsschutzbedingungen ausgehebelt werden könnten. Wobei man sich fragt: Wenn ich vom Büro nach Hause fahre – von welchen Arbeitsschutzbedingungen sprechen wir da? Möglicherweise richtet sich die Kritik an jene Privatzusteller, die eben nicht ihre Sowieso-Fahrten vermieten, sondern stundenlang mit Paketen bis unter die Dachreling durch die Gegend tuckern, auch wenn sie ohne Pakete nie gefahren wären: Da wäre der Arbeitsschutz die geringste und die Umweltverpestung die größte Sorge.

Betrachten wir den privaten Paketdienst einmal ganz unvoreingenommen, lautet die interessante Frage: Wie viele der Milliarden Pakete jährlich könnten per Crowdshipping (so heißt die private Zustellung) zugestellt werden? Die Hälfte? 80, 90 Prozent? Das Heer der kommerziellen Paketlaster würde radikal ausgedünnt. Keine Sprinter-Rennen mehr auf der A3! Keine verstopften Innenstädte mehr. Denn irgendwer Privates fährt immer. Man müsste nur annähernd sämtliche privaten Fahrten ins Internet kriegen und zum Mitnehmen animieren. Wenn das möglich wäre – wer setzt sich dann durch? Die Paket-Giganten oder die Privatfahrer? Ein interessantes Experiment zum Spiel der Marktkräfte: Welche Kraft ist stärker? Es wird wohl kaum zu diesem größten Marktexperiment der jüngsten Wirtschaftsgeschichte kommen.

Denn schon ist die Forderung zu hören: „Eine Uberisierung des Paketmarktes darf es nicht geben!“ Warum nicht? Wenn der Zusteller das Paket klaut, verliert oder beschädigt, springt die Versicherung ein (ob von der Plattform oder vom Fahrer getragen ist natürlich eine Detailfrage). Macht er das zu oft, sorgen schon die omnipräsenten Bewertungen im Internet dafür, dass er keine Pakete mehr kriegt. Dazu müsste man Paket-Uber nicht verbieten! Wenn jemand mit seinem PKW Personen durch die Gegend fährt, braucht er oder sie eine besondere Qualifikation für die Personenbeförderung. Aber für Pakete? Wohl kaum.

Viele argumentieren auch: In Berlin verdient ein angestellter Lieferfahrer zum Beispiel im Schnitt 11,38 Euro die Stunde. Bei Amazon Flex kriegt er bis zu 16 Euro – und muss davon noch sein Auto betanken und amortisieren! So weit das Argument. Was es übersieht: Fährt der Fahrer sowieso nur jene Strecken, die er sowieso fährt, dann entstehen ihm keine Zusatzkosten. Eine gesetzliche Regelung müsste also nur verbieten, dass jemand allein wegen der Pakete den ganzen Tag durch die Städte fährt. Aber welches Gesetz sollte das verbieten? Es gilt hierzulande immer noch die freie Berufswahl. Dass man dabei ausgebeutet wird, regeln bereits Vorschriften unter anderem zur Scheinselbstständigkeit. Vielleicht ist das wieder einmal der typisch deutsche Reflex: Neue Entwicklung? Erst einmal reglementieren, lizenzieren, am besten gleich verbieten. Vielleicht sollten wir den Blick weiten.

Vielleicht ist es wenig sinnvoll, dass jeden Morgen und jeden Feierabend Millionen Pendler im Auto unterwegs sind: ein Fahrer, leerer Fond, leerer Kofferraum. Alles, was leer steht und fährt, ist unnütz. Was spricht dagegen, das zu ändern?

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