Ziemlich steil

Kennen Sie das schon? Spannend, innovativ: ein Projekt namens „Endless Runway“. Was ist das?

Wie der Name schon sagt: eine endlose Start- und Landebahn. Endlos, weil sie kreisförmig ist. Man muss sich das wirklich mal im Internet anschauen; unter dem Projektnamen finden Sie Bilder und Videos genug: eine tatsächlich kreisrunde Start- und Landebahn eines Flughafens; kein Anfang und kein Ende. Mit durchgängiger Steilkurve, Durchmesser des Kreises etwa 3,5 km. Steht wo?

Bislang noch auf dem Konzept. Und obwohl die ersten dieser Konzepte bereits in den 1960er-Jahren entstanden, kennen nur die wenigsten Menschen die Idee eines Ringflughafens. Flugzeuge starten und landen in der Steilkurve? Was soll das denn bringen?

Zunächst könnte die Größe eines Flughafens auf diese Weise auf etwa ein Drittel der bisherigen Größe geschrumpft werden: weniger Landschaftsverbrauch. Darüber hinaus könnten Flugzeuge unabhängig von der Windrichtung starten und landen. Denn je nach Wind könnten die Fluglotsen jede x-beliebige Stelle im Kreis für Start oder Landung anweisen. Ein Kreis hat keine fixen Anfangs- und Endpunkte wie eine übliche Landebahn.

Der geringere Flächenverbrauch käme den schon heute arg zersiedelten Ballungsräumen zugute, die umlaufenden Start- und Landepunkte jenen Menschen, die in der Einflugschneise wohnen und schlafen müssen. Für die Passagiere wird außerdem der Weg vom Terminal bis zum Flieger auf der Piste kürzer. Ihr Flugerlebnis würde sich ebenfalls ändern: In der Steilkurve zu starten und zu landen hat schon was ganz Eigenes. Das ist etwas utopisch?

Nicht wirklich. Denn in den Flugsimulatoren haben Piloten das alles schon getestet. In den Niederlanden ist auf dem Gelände eines ehemaligen Militärstützpunktes eine kreisrunde Start- und Landebahn für Frachtdrohnen geplant. Mit Fracht soll dann getestet werden, ob das Ganze auch mit Passagieren funktionieren könnte. Bis dahin gilt es noch einige Herausforderungen zu meistern.

Zum Beispiel: Scharren die Flugzeuge denn nicht mit den Flügelspitzen auf dem Boden, wenn sie sich in die Steilwandkurve legen? Nicht, wenn die Neigung der Kurve auch den größten Fliegern angepasst wird. Außerdem müsste die Software, die moderne Passagierflugzeuge pilotiert, noch umgeschrieben werden. Denn bislang kann sie nicht in der Steilwand starten und landen.

Tendenziell bräuchten Flugzeuge auch eine höhere Start- und Landegeschwindigkeit, damit sie nicht nach unten rutschen, wenn sie sich in die Steilwandkurve legen. Die Start- und Landestrecken würden deshalb um fünf bis zehn Sekunden länger, je nach Flugzeugmodell und Wetter. Und bei einer Notlandung? Wie soll das denn gehen?

Indem man die Landebahn im Vergleich zu heute einfach um 20 bis 30 Meter verbreitert.

Natürlich käme so ein Flughafen wegen der Steilwandkurve teurer als ein herkömmlicher Flughafen; man rechnet mit 50 Prozent Aufschlag. Im Vergleich zum neuen Berliner Flughafen ist das immer noch ein guter Preis. Außerdem sinken die Kosten, je öfter man so einen Flughafen-Typ baut.

Ein Flughafen mit Ringbahn könnte vier herkömmliche Startbahnen ersetzen, bräuchte jedoch nur die Gesamtlänge von dreier traditioneller Bahnen. Er würde auch die Flugzeiten reduzieren und den Kerosinverbrauch senken. Da Flugzeuge von allen Seiten landen können, muss keines vor der Landung noch eine Kurve fliegen, um längs der Landebahn einfliegen zu können. Außerdem wären die Landungen sicherer, da man Seitenwinde vermeidet, indem der Lotse einfach entsprechende Kreispunkte für Start oder Landung je nach Windrichtung auswählt.

Das alles ist keine Utopie, sondern ein aktuelles Projekt mehrerer europäischer Luft- und Raumfahrtagenturen, die den Flughafen der Zukunft entwickeln wollen und dabei von der EU unterstützt werden. Ein schönes Beispiel dafür, wie man unkonventionell denkt und konzipiert. Zwar gibt es auch (wie immer) einige Kritiker und noch sind viele Tests zu absolvieren. Doch im optimistischen Ausblick könnte bereits in den nächsten 25 Jahren der erste Flughafen dieser Art in Betrieb genommen werden.

Wer scharf mitdenkt, wird jetzt vielleicht fragen: Aber rutschen die Stahlvögel denn nicht die Steilwand runter, wenn diese im Winter vereist ist? Die Antwort: Schon heute müssen Start- und Landebahnen penibel schnee- und eisfrei gehalten werden. Das dürfte bei Steilwandbahnen leichter fallen, denn unter der Schräge der Bahn sollen auch Büroflächen angesiedelt werden, die sozusagen die Fußbodenheizung für die Flugzeuge geben. Auch das ist neu: Büro unter der Landebahn.

Wie gesagt: ein kühnes Projekt. Doch die Zukunft ist eben nicht zwingend die lineare Verlängerung der Vergangenheit. Oder anders gesagt: Man kann auch Gerades rundmachen. Die Welt ist rund, demnächst der Flughafen auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.