Wir haben’s kapiert!

Wo kommen Ihre Lebensmittel her? Vom Supermarkt, Discounter? Heute noch – in Zukunft vielleicht nicht mehr. Sondern?

Sondern wie heute bereits in zunehmendem Maße vom Paketboten via Online-Bestellung. Oder aus der Lebensmittel-Box zum Beispiel von Edeka. Funktioniert wie die Packstation von der Post: Ich bestelle Schnitzel für die Kinder, etwas Gemüse und Salat vom Büro aus. Edeka liefert das nicht an die Haustür, hinter der noch keiner zu Hause ist, sondern an besagte Lebensmittel-Box. Wenn ich von der Arbeit komme, öffne ich die Box und nehme die Zutaten fürs Abendessen mit. Die Box wird derzeit in Ingolstadt, Stuttgart und anderen Städten getestet. Natürlich auch mit Kühl- und Tiefkühlware.

Noch bequemer geht es mit den Koch-Boxen, die wir aus der TV-Werbung kennen: Alle Zutaten für ein Gericht werden per Paket geliefert. Vom Gemüse übers Fleisch bis hin zu den Gewürzen – und zum Rezept natürlich. Kochen im Paket.

Im „Paket“ mit drin ist in bestimmten Fällen sogar ein Koch, den man mitbestellen kann. Bequemer geht’s wirklich nicht. Kochen wandelt sich von der Selbstversorgung zum (Konsum)Event.

Wer selber kocht, kauft vorher ein. Also hat die TU Berlin mit der Studie „Zukunftstrends der Lebensmittellogistik“ (2016) die Einkaufs- und Konsumententrends der Zukunft erforscht und herausgefunden: An erster Stelle der zukünftigen Entwicklungen steht – worauf tippen Sie?

Ja, unschwer zu erraten: die Transparenz. Es wird uns immer wichtiger zu wissen, woher unsere Lebensmittel kommen, ob sie Bio und nachhaltig sind und ob die Kühlkette eingehalten wurde. Das interessiert uns, das ist uns wichtig, davon wollen wir mehr: mehr Transparenz in der Lebensmittellogistik. Wir wollen wissen, was wir da essen und wofür wir unser Geld ausgeben.

Einen zweiten Trend, den die Studie ausmacht, kennen und leben viele von uns bereits: Regionale und saisonale Lebensmittel sind auf dem Vormarsch. Leicht zu erkennen an den Ecken, Regalflächen und Aufstellern mit regionalen Produkten in vielen Lebensmittelgeschäften. Bleib im Lande und nähre dich redlich!

Dritter festgestellter Trend, ebenfalls aktuell stark diskutiert: Food Waste, Lebensmittelverschwendung; in Frankreich zum Beispiel vorbildlich per Gesetz geregelt: Keine unverkaufte Ware darf mehr weggeworfen werden, sondern muss an gemeinnützige Einrichtungen (wie die Tafeln) weitergegeben, zu Tierfutter verarbeitet oder als Kompost an Landwirtschaftsbetriebe abgegeben werden. Wache Bürger kontrollieren das Gesetz, indem sie den Läden in den Müll schauen – und gegebenenfalls Anzeige erstatten. Auch Tschechien bekämpft das Wegwerfen per Gesetz – wann wir? Wir hätten es nötig.

Denn bislang werfen wir Deutschen – von der Produktion bis zum Endverbrauch – Jahr für Jahr die unvorstellbare Menge von 18 Millionen Tonnen Lebensmitteln weg. Während auch hier im Lande immer noch Menschen hungern müssen. Sowas geht gar nicht. Übrigens: Containern ist bei uns immer noch eine Straftat und wird als Diebstahl geahndet. Wenn per Gesetz der Hunger eines Menschen weniger zählt als der Abfall eines anderen, ist etwas anderes im Lande schneller verdorben als der Salat: die Werte der Gesellschaft.

Der Lebensmittelhandel beobachtet die zitierten Trends übrigens scharf und reagiert auch bereits darauf. Zum Beispiel mit engeren Kooperationen entlang der Supply Chain für mehr Transparenz, Liefergenauigkeit, Transportmittelauslastung und Absatzplanung: Je bedarfsgerechter die Planung, desto weniger muss weggeworfen werden. Auch auf der Fläche tut sich was: Sowohl Lager- als auch Verkaufsflächen werden bei steigender Nachfrage immer knapper. Neue Ladenkonzepte werden getestet: mehr Angebot auf weniger Fläche.

Auch nehmen die Markenkooperationen zu. Alnatura zum Beispiel hat eigene Filialen, ist aber auch bei Edeka zu haben: Die effektive Verkaufsfläche wird dadurch vergrößert, ohne dass für neue Filialen Grünflächen zubetoniert werden müssten.

Ein großes Optimierungsprojekt ist auch die letzte Meile: Müssen wir denn alle immer zum Einkaufen fahren? Oder kommt Food bald auch per Paketboten wie bereits so viele Nonfood-Produkte? Es wäre sicher besser für die Umwelt, wenn statt vielen Privat-PKW dann wenige Liefer-LKW fahren würden. Vor allem, wenn wie bei der Post die Liefer-LKW mit Strom fahren (der hoffentlich nicht vom Kohlekraftwerk kommt). Wenn sich das durchsetzt, würde jedoch der Discounter im Industriegebiet vor den Stadttoren dichtmachen müssen. Seine Arbeitsplätze würden vom Verkauf in die Logistik wechseln. Das würde die ArbeitnehmerInnen be- und die Umwelt entlasten. Was immerhin eine Trendumkehr wäre.

Denn bislang ging der Trend doch eher in Richtung noch mehr Konsum, noch billigere Lebensmittel, noch mehr unnötiges Zeug und noch mehr Food Waste. Dagegen zeigen die zukünftigen Entwicklungen: Immer mehr von uns haben verstanden, was wirklich wichtig ist.

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