Feierabend-Bier in Gefahr!

Diese Gefahr wurde in den heißen Sommerwochen für viele bereits virulent: Der Stellplatz fürs bevorzugte Bier blieb im Getränkemarkt vorübergehend leer. Einige mutmaßten, dass die regional vorherrschende Dürre die Hopfenernte dezimiert hätte. Andere verwiesen auf schlagzeilenträchtige Unfälle, bei denen sich wahre Biersturzbäche aus havarierten Getränke-LKW über die Straßen ergossen hatten – aber so viele Bierkisten können bei Straßenkarambolagen gar nicht zu Bruch gehen. Nein, die wahre Ursache ist überraschend und verblüffend: Keine Flaschen!

Und schuld daran sind wir mit unserer Pfandflucht (neben „Flugscham“ das Wort des Jahres 2019). Kein Witz. Diese Flucht ist schuld, dass zeitweilig das präferierte Feierabend-Bier ausfiel, dass die Produktion in den Brauereien stillstand und dadurch viele Brauer wie auch das Gesamtgefüge der Branche bedroht wurden und immer noch bedroht sind. Denn wir geben Pfandflaschen und -kisten viel zu spät zurück. Wir trinken aus und dann …

… dann horten wir das Leergut. Jeder kennt die staubigen Winkel unter der Kellertreppe, in der Garage oder im Abstellraum, in denen sich das Leergut türmt, bis wir Zeit dafür finden oder daran denken, es zurückzugeben. Und jeder kennt jene Zeitgenossen, die mit ihren überquellenden Gelben Säcken oder Wäschekörben voll Leergut die Rückgabe-Automaten in den Super- und Getränkemärkten halbstundenweise blockieren. Dann ist es zu spät.

Denn die Millionen gehorteter Leergebinde haben bereits zu einem Mangel in den Abfüll-Anlagen geführt. Alles ist da: das Bier, die Brauer, die Anlagen. Es fehlen bloß die Flaschen. Was bereits dazu führte, dass die Produktion gestoppt werden musste. Das passiert vor allem kleinen und kleinsten Brauereien, die (noch) keine Millionen Flaschen im Umlauf haben. Dazu zählen auch die Brauer der aktuell so beliebten Craft Beers. Sie müssen dann die Produktion stoppen – oder Flaschen und Kästen nachkaufen. Das kann teuer werden.

Beispielhaft sei eine bayrische Brauerei aufgeführt, die in nur einem Jahr 90.000 Euro für den Nachkauf von 20.000 Flaschen und 10.000 Kästen ausgeben musste. Für eine kleine Brauerei ist das ein Geldbetrag, der in schwierigen Zeiten bereits über Sein oder Nichtsein entscheiden kann. Das Bier ist da, aber die Brauerei geht pleite, weil die Flaschen fehlen? Verrückt.

Natürlich liefert auch das eigene Verhalten der Brauer der Pfandflaschen-Krise Vorschub. Früher gab es den brancheneinheitlichen Ochsenblut-Kasten (er war dunkelrot, daher der Name) standardisiert für fast alle Brauer und fast alle Biere. Heute haben viele Biere eigene Flaschen samt eigenem Kasten. Mit dieser Artenvielfalt und der damit einhergehenden Zersplitterung der Verfügungsmasse produziert man geradezu Engpässe bei der Leergut-Rückführung. Doch das ist lediglich ein begleitender Faktor. Ursächlich schuld sind wir (sofern wir Bier trinken). Wir horten, statt zurückzugeben.

Deshalb fordert der Brauereiverband ein höheres Pfand. Für die Glasflasche mindestens 15 statt bislang 8 Cent und für die Bügelverschluss-Flasche mindestens 25 statt 15 Cent: Der Preis steuert den Verbraucher? Im Prinzip ja. Doch für die PET-Flaschen berappen und bekommen wir bereits 25 Cent und schau dir die Leute an, die diese Flaschen säckeweise zurückbringen, zuvor also gehortet haben: Der Preis ist relativ und wirkt erst ab einer kritischen Höhe. Also gleich einen Euro als Pfand draufschlagen? Zwei Euro? Das ist extrem? Keineswegs.

Einmal davon abgesehen, dass ein Steinkrug oder Weizenglas auf vielen Volksfesten auch 5 Euro Pfand kostet: Die Brauerei Grosch aus Rödental bei Coburg verlangt – wie hoch tippen Sie? – sage und schreibe 9 Euro Pfand für eine Kiste mit 20 Flaschen. Natürlich auch, weil „Der Grosch“ seit 1492 braut, damit Kult ist, seine Kästen Sammler-Status haben und in manchem Liebhaber-Wohnzimmer den ideellen Wert eines Designer-Möbels einnehmen. Aber immerhin: Wer sich nicht gegen die Pfandflucht wehrt, hat das Nachsehen und zementiert eine Art biertechnisches Gefangenen-Dilemma: Menschen handeln, als ob es keinen Nächsten gäbe, beklagen sich jedoch, wenn ihr Nächster wegen dieser Rücksichtslosigkeit in die Bredouille gerät und die Konsequenzen der Bredouille auf sie überschwappen.

Wir alle wollen das Klima retten und den Regenwald, unseren Kindern eine lebenswerte Welt hinterlassen und den bislang umweltverpestenden Individualverkehr revolutionieren – aber wir schaffen es nicht, die Säcke voll Leergut, die sich in den dunklen Ecken unserer Wohnungen und Häuser sammeln, zeitnah zurückzugeben? Dann ist die Erde schon verloren. Oder eben nicht: Wer sich zu solch kleinen Aufgaben, die zu meistern sind, aufrappelt und sie tatsächlich wuppt, der schafft es mit einer Progression der Aufgaben vielleicht wirklich, die ganze große Welt zu retten. Also für den Einkaufszettel: Erst die Flaschen zurückgeben. Dann die Welt retten.

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