Parks statt Parkplätze!

Das autonome Auto wird unser Fahren verändern. Das ist klar. Dass es auch unsere Städte verändern wird – das ist nicht so ganz klar. Deshalb hat das Fraunhofer-Institut eine Studie (2019) herausgebracht, um die Zukunft der Stadt in Zeiten des autonomen Fahrens zu klären. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

Dass und wie das Auto unsere Städte verändert hat und weiter verändert, erleben wir jeden Tag: zum Schlechteren. Das Auto von heute stinkt, lärmt, staut und nimmt massig Platz weg, den man für Sinnvolleres nötiger hätte. Dass und wie das autonome Auto in Zukunft ein starker Wirkfaktor für mehr urbane Nachhaltigkeit und Lebensqualität werden könnte, ergründet dagegen die Fraunhofer-Studie. Wie für jede anständige Zukunftsstudie charakteristisch, erstellt die Studie drei Szenarien; das dritte ist besonders interessant.

Es nennt sich „Symbiotische Mobilität“ und umschreibt eine städtische Mobilität, bei der das autonome Auto im Zentrum einer Multimodalität steht: Vom E-Scooter über das Auto bis hin zum ÖPNV sind verschiedenste Verkehrsmittel nahtlos und nutzerfreundlich miteinander verwoben. Das hört sich zunächst wenig spektakulär an. Bis man eine Zahl ins Szenario hereinnimmt.

Im Schnitt 15 Prozent der Fläche einer Stadt frisst nämlich der ruhende und der fließende Verkehr mit seinen Straßen, Parkplätzen, Parkhäusern und Stellplätzen. Die im Rahmen der Studie befragten Experten schätzen nun, dass man nach weitläufiger Einführung von autonomen Autos ein Drittel dieser verbrauchten Fläche umnutzen könnte.  Das autonome Auto ermöglicht, dass mehr Fläche frei wird für Parks und Wohnungen. Wie schafft das autonome Auto das?

Ganz einfach: Von autonomen Autos kriegt man mehr auf einem Straßenkilometer unter als von Autos, die von Menschen gesteuert werden. Denn autonome Autos brauchen viel weniger Sicherheitsabstand. Da sie vernetzt sind, produzieren sie auch viel weniger Staus und damit Lärm und schlechte Luft. Außerdem verursachen sie viel weniger Unfälle, damit weitere Staus und unnötige staubedingte Luftverschmutzung. Anstatt ständig überlastete Straßen auszubauen, könnte man viele rückbauen und begrünen oder darauf Wohnungen bauen.

Teil dieses zukunftsweisenden Szenarios sind auch sogenannte Hubs: Gebäude mit Terminals, an denen die verschiedensten Verkehrsmittel andocken können und man alles leihen oder sharen kann, was Räder hat. An diesen zentralen Punkten der Stadt sind sämtliche Verkehrsmittel miteinander verwoben. Sie könnten gleichzeitig zu neuen sozialen Treff- und Mittelpunkten von Stadtvierteln werden, wenn im Hub auch Läden und Cafés untergebracht werden. Auch das würde die Stadt stark verändern, sie lebenswerter, sozialer, menschlicher machen.

Und noch eine Zahl: Die befragten Experten glauben, dass man mit der neuen multimodalen Mobilität über 90 Prozent der Flächen für Parkplätze umnutzen könnte. Nämlich dann, wenn man Car Sharing ins Szenario hereinnimmt und wenn der ÖPNV so stark ausgebaut wird, dass Autofahrer gerne ihr Auto stehen lassen. Selbst wenn sie es dann stehen lassen, steht es nicht und braucht einen Parkplatz, sondern fährt weiter – nur eben mit einem anderen Fahrer. Denn es ist ein Sharing Car. Dank Sharing wird aus dem Standzeug (ein privater PKW steht im Schnitt 23 Stunden am Tag) wieder ein Fahrzeug. Doch ausgerechnet diese attraktive Perspektive ist ein Schwachpunkt des Szenarios.

Denn die beteiligten Wissenschaftler sind sich unsicher, wie groß eine Art Bumerang-Effekt sein wird: Wenn Autofahren dank des autonomen Fahrens in einigen Jahren noch angenehmer wird – kaufen die Menschen dann mehr oder weniger eigene PKW? Kaufen sie oder sharen sie das autonome Auto? Es ist denkbar, dass an diesem kritischen Dreh- und Angelpunkt die ganze schöne neue Zukunft in sich zusammenbricht, weil wir uns wieder einmal in Massen irrational verhalten. Wir kaufen einen PKW, um ihn 23 Stunden am Tag irgendwo stehen zu lassen. Im Zusammenhang mit privaten PKW von „Mobilität“ zu sprechen, ist ein paradoxer Euphemismus. Privatautos sollten eigentlich zu den Immobilien gezählt werden, solange ein Auto im Schnitt nur eine Stunde pro Tag mobiler ist als die Garage, in der es steht.

Jedenfalls ist die Zunft der Stadtplaner nicht zu beneiden: Sie ist für die Planung der Stadt der Zukunft zuständig, hat aber null Planungssicherheit. Wahrscheinlich wird es so ablaufen wie beim E-Scooter: Man führt die Tretroller, auf denen nicht mehr getreten werden muss, erst mal ein und sieht dann weiter, wie man aus dem daraufhin einsetzenden Chaos im Verkehr wieder herauskommt. So auch das autonome Fahren: Es kann unsere Städte retten – oder noch tiefer in die Bredouille reiten. Der Trend kann in beide Richtungen gehen. Was auch immer aus den Städten wird: Wir werden es erleben.

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