Superfood? Nein Danke

Brasilianische Acai- und chinesische Goji-Beeren, Avocado, Moringa, Chia-Samen und viele Lebensmittel mehr mit exotischen Namen und exotischer Herkunft – heute schon davon genascht? Weil: super gesund, super angesagt, Superfood und nicht nur das. Nein, dem Superfood werden geradezu therapeutische Wirkungen zugeschrieben bei allem, was den überzivilisierten Menschen so quält, von Bluthochdruck über Gelenkbeschwerden und Krebs bis Übergewicht. Nehmen wir für den Moment einmal an, Superfood bewirke tatsächlich, was der Marketingbegriff „Superfood“ (denn nein, ein medizinischer oder diätetischer Begriff ist es nicht) verspricht. Dann würde das heißen: Um unsere individuelle zu retten, opfern wir die kollektive Gesundheit. Wir futtern zwar nicht uns, aber dafür fast jeden anderen zu Tode, der für die Superfood-Mode vor den Karren gespannt wird. Angefangen mit der Erde.

Denn das meiste Superfood lässt sich nicht in Europa anbauen (oder nur unter erheblichem Aufwand). Deshalb springen andere, ferne Länder ein. Allein in Mexiko werden Jahr für Jahr rund 5 Millionen Tonnen Avocados für die beiden Hauptmärkte USA und Europa geerntet. Für 5 Millionen Tonnen Avocados reicht jedoch die vorhandene Ackerfläche nicht aus. Also werden Jahr für Jahr circa 4.000 Hektar hauptsächlich Pinien-Wälder gerodet; das sind 40 Quadratkilometer oder über 5.5000 Fußballfelder. Jedes Jahr.

Zusatzproblem: Ein Avocado-Setzling braucht sieben Jahre bis zur Erntereife. Um sich heute in sieben Jahren also bloß kein Geschäft entgehen zu lassen, roden Avocado-Plantagenbesitzer daher auf Verdacht Pinien-Wälder, die sie in sieben Jahren, wenn die Mode inzwischen zu einem anderen Fashion Food weitergewandert ist (Moden haben kurze Beine), möglicherweise gar nicht mehr brauchen. Doch die Wälder sind dann mal weg. Und wachsen auch nicht in sieben Jahren nach. Einmal ganz davon abgesehen, dass die ganzen Avocados ja auch zu uns gefahren werden müssen und dabei zig Tonnen von CO2 ins Klima pusten. Zur Flugscham sollten wir schleunigst die Food-Scham entwickeln. Man kann nicht von der Regierung fordern, dass sie mehr fürs Klima tut und sich gleichzeitig Superfood reinschaufeln. Auch wegen des Wassers nicht.

Bis 1 Kilo Avocado reif ist, benötigt es 1.000 Liter Wasser. Zum Vergleich: Ein Kilo Kartoffeln braucht lediglich 8 Liter. Das juckte bisher die Foodsüchtigen nicht, denn die Mode rollte unaufhaltsam weiter. Der Suchtvergleich passt noch aus einem anderen Grund. Weil die Nachfrage viel schneller wächst als das Angebot an „Superfood“, wird Superfood inzwischen wie Heroin verschnitten und gestreckt. Chia-Samen zum Beispiel mit Soja. Es ist für die Fahnder schon schwierig genug, den Drogenschmuggel zu kontrollieren, der in viel geringeren Mengen floriert. Für Superfood ist die durchgängige Kontrolle auf Panscherei wegen der schieren Tonnage illusorisch. Das gilt auch für die Pestizidbelastung von Superfood.

Chia zum Beispiel ist so ein zartes Pflänzchen, dass es – um die unvorstellbar große Menge zu liefern, die der Markt gierig fordert – praktisch unter einem Pestizid-Flächenbombardement aufwächst. Viele Superfood-Produkte sind derart mit Herbiziden belastet, dass sie eigentlich nicht mehr verkauft werden dürften. Doch wie gesagt: Wer soll das umfänglich kontrollieren bei den irren Mengen, die jährlich gekauft gehen? Die Pestizide ruinieren Umwelt und Böden, aber auch die Plantagen-Arbeiter und die Anwohner der Plantagen. Wir ruinieren für unsere Gesundheit ihre Gesundheit – dabei sind die gesundheitlichen Superfood-Wirkungen größtenteils noch nicht einmal nachgewiesen.

Studien, die dem Superfood einen gesundheitlichen Nutzen unterstellen, werden größtenteils nicht in seriösen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht, sondern in Foren, deren Veröffentlichungen den rigorosen Standards von A-, B- oder C-Journals nicht standhalten können. Noch einmal: Dass Superfood super für die Gesundheit ist, ist eine Marketing- und keine medizinische Aussage. Aber wir glauben ja alles, was gut beworben wird. Dabei haben wir das gar nicht nötig.

Denn unser heimisches Gemüse und Getreide ist mindestens genauso super und gesund. So lässt sich Chia-Samen schnell und günstig durch den heimischen Leinsamen (gerne auch als kaltgepresstes Öl von der Mühle in der Region) ersetzen und – wie seriöse ErnährungsberaterInnen wissen – exotische Goji-Beeren durch Heidelbeeren und Quinoa durch Hirse. Hirse statt Quinoa? Warum sträuben sich manchen bei der bloßen Vorstellung schon die Geschmacksknospen?

Weil wir guten Geschmack längst verlernt haben. Wir essen nicht, was gesund ist, sondern was gehypt wird. Daran ist nur die böse Werbung schuld? Ein Schelm, wer den Sendersuchlauf nicht findet, wenn die Werbung kommt. Wir achten hysterisch darauf, was uns in den Mund kommt – aber wir lassen jeden Mist in unseren Verstand rein? Damit dürfte zumindest eines sicher sein: Superfood ist nicht gut für den Intellekt.

Super ist am Superfood ohne Zweifel das Marketing. Denn es hat Millionen Menschen von einer Superheit überzeugt, die nach allen Kriterien des gesunden Menschenverstandes keine ist. Aber wahrscheinlich geht es der Superfood-Mode auch nicht um die Gesundheit des Menschenverstandes, sondern um etwas ganz anderes: Ganz gleich, wo auf der Welt „Superfood“ angebaut wird, es profitieren immer nur sehr wenige davon, meist Plantagenbesitzer und Handelskonzerne, Transportunternehmen und natürlich Werbeagenturen. Alle anderen leiden: Kleinbauern, Plantagenarbeiter, Anrainer, Böden, Natur, Klima und nicht zuletzt der Konsument, der außer dem Placebo-Effekt und seinem Distinktionsgewinn nichts von der teuren Ware hat. Local Food statt Superfood! Wer sich saisonal und regional ernährt, spart Geld, reduziert den CO2-Ausstoß und tut etwas für seine Gesundheit. Tun wir’s.

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