Tesla kommt!

Vor kurzem hat Elon Musk verlautbart, dass er bei Berlin eine Gigafactory bauen will. Was ist das? Und was bedeutet das für die deutsche Automobilindustrie?

Wer Autos baut, will gute und schöne Autos bauen (umweltfreundliche auch). Wer Autos baut, will diese vor allem kostengünstig bauen.  Also setzt man am stärksten Hebel an. Beim E-Auto ist das der Akku. Er ist das Teuerste am E-Auto. Und wie wir alle aus der ersten Stunde BWL wissen: Je mehr man von etwas baut, desto geringer werden die Stückkosten, weil sich die Fixkosten auf eine größere Stückzahl verteilen. Also baut man am besten ein Werk, dass keine Batterieleistung im Kilowatt- und keine im Megawattstunden-Bereich, sondern eine Jahresleistung im Gigawattstunden-Bereich erreicht. Zum Vergleich: Unser Haarföhn leistet 1 kWh, eine Kilowattstunde. Und ein Gigawatt sind eine Milliarde Watt – eine Milliarde Föhns, sozusagen. In anderen Worten: Eine Gigafactory ist eine riesengroße Fabrik. Nicht so sehr gemessen an ihrer Fläche, sondern an der Leistung der Akkus, die sie produziert. Wobei auch die reine Fläche des geplanten Werks beeindruckt: 300 Hektar; das sind 420 Fußballfelder.

Tesla hat bereits drei Gigafabriken: eine in Nevada, eine in Buffalo (für Photovoltaik) und eine in Schanghai. Nahe Berlin soll die vierte gebaut werden und rund 7.000 Arbeitsplätze schaffen (die Anzahl schwankt je nach Quelle). Dort soll auch das Design- und Entwicklungszentrum für Europa eingerichtet werden. Und nicht nur Akkus sollen dort vom Band laufen, sondern natürlich auch Autos, zum Beispiel das SUV-Modell Y sowie diverse Antriebsstränge. Als geplanter Produktionsstart wird 2021 angegeben – und spätestens hier setzt die Skepsis des gut informierten Zeitungslesers ein: Wie soll so ein naher Termin in Kontaminationsnähe zu einer Stadt möglich sein, die seit Jahren an einer Flughafenbaustelle mit offenem Ende laboriert? Weiß Musk nicht, wie lange allein Genehmigungsverfahren bei uns dauern? Weiß die genehmigende Behörde, was auf sie zukommt?

Einmal abgesehen von der realen Bedrohung der Bürokratie: Warum Deutschland? Es spricht einiges dafür. Zum einen die lange automobile Vergangenheit der Nation und ihre hohe Ingenieurskunst. Das automobile Know-how ist vorhanden sowie das Fachpersonal, das nach dem im Zuge des faktischen Verbrenner-Verbots eingesetzten Personalabbaus bei den Automobilherstellern noch nicht einmal bei der deutschen Konkurrenz abgeworben werden muss. Hinzu kommt die gute Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie.

Denn nicht nur der Verbrauch eines Autos entscheidet über seine CO2-Bilanz, sondern auch sein Energiebedarf bei der Produktion. Dieser wird in Brandenburg zu großen Teilen aus erneuerbaren Energien gedeckt, vor allem aus Windenergie. Der Anteil an Öko-Energie pro Einwohner ist in Brandenburg unter allen Bundesländern am höchsten. Hier kann Tesla umweltfreundlich produzieren. Darüber hinaus gibt es einen ganz profanen Grund für Teslas Ansiedlung in der Nähe von Berlin. Oder wie Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke es ausdrückt: „Wir haben Platz.“ Selbstverständlich spielt auch die Nähe zu Berlin eine Rolle und die dort vorhandene hohe Dichte an wissenschaftlichen und Forschungseinrichtungen und die tadellose Infrastruktur.

Für Brandenburg ist das eine mehr als günstige Entwicklung: Es entstehen viele neue Arbeitsplätze – nicht nur im Werk. Denn die Werksarbeiter wollen ja auch essen, trinken, wohnen und einkaufen. Tesla wird einen veritablen Multiplikatoreffekt auslösen. Ein neuer Arbeitsplatz bei Tesla bedeutet eben nicht, dass nur ein Arbeitsplatz entsteht, sondern zusätzlich noch etliche im Umfeld.

Sorgen machen sich höchstens die etablierten deutschen Automobilhersteller: Sie haben ab 2021 den internationalen Konkurrenten im eigenen Land direkt vor der Nase. Und auch die EU wirkt ein wenig betreten. Freut sie sich nicht über die Neu-Ansiedlung? Einerseits ja.

Andererseits wollte sie ein eigenes Projekt für die Batteriezellenproduktion auflegen und mit einer Milliarde Euro fördern. Doch anscheinend geht das jetzt auch, ohne Steuern dafür auszugeben. Auch in Nordrhein-Westfalen sollte für 200 Mio. Euro eine Forschungsfabrik für die Akku-Herstellung gebaut und gefördert werden. Wenn jetzt Tesla vorprescht, wird das wohl nicht mehr nötig sein. Anders ausgedrückt: Was mit den Steuermitteln und EU-Fördermillionen in den letzten Jahren nicht geschafft wurde, schafft jetzt der Markt ganz allein mit der Tesla-Initiative. Es macht keinen Sinn, dafür noch Steuermittel aufzuwenden.

Natürlich steht die neue Fabrik noch nicht. Ob sie wirklich gebaut wird, hängt auch davon ab, ob und wie sich die E-Mobilität in Deutschland durchsetzt. Außerdem können sich die Tesla-Pläne bei einer Änderung der internationalen Marktlage oder einem Börsen-Crash auch schnell ändern. Doch die Ankündigung eines Fabrikneubaus ist immer noch besser als keine Ankündigung. Es tut sich immerhin etwas bei der E-Mobilität. Wir werden es erleben.

 

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