Das Gute vom Schlechten

Seuchen und Krankheiten sind schlimm. Doch in allem Schlimmen finden wir, wenn wir gezielt suchen, auch meist etwas Gutes. So geben Epidemien häufig den Anstoß zu großen Veränderungen.

In der aktuellen Krise könnte man zum Beispiel zur Erkenntnis gelangen: Wirtschaft und Gesellschaft werden mit dem Schleudersitz in die Digitalisierung befördert.

Ganze Firmen sitzen nicht mehr im Büro, sondern konferieren vom Home Office aus per MS Teams, Google Hangout oder Zoom miteinander und/oder mit Geschäftspartnern und Kunden. Und nicht nur das Business. Auch die Großeltern, die ihre Enkel nicht mehr physisch treffen sollten, werden nun plötzlich digital, ganz zu schweigen von Bekannten und Verwandten, die massenhaft dafür sorgen, dass die sogenannten Sozialen Medien endlich ihren Namen verdienen. Selbst die Kanzlerin sitzt per Schalte am Kabinettstisch.

Für große Teile von Wirtschaft und Gesellschaft bedurfte es erst der Krise, bis sie sich die Frage stellten: Was ist via Internet alles möglich? Und sie entdecken: eine Menge! Die Digital Natives wussten und praktizierten das schon lange. Aber andere Teile der Gesellschaft, zum Beispiel die Schulen?

Sie entdecken erst jetzt in deutlich gesteigertem Umfang, was digital alles möglich ist; zum Beispiel Home Schooling. Wer bisher die Digitale Transformation verschlief oder ignorierte, kommt jetzt plötzlich auf den digitalen Trichter; Corona macht’s möglich. Wobei sich schnell herausstellt, wer bisher digital säumig war.

Wenn zum Beispiel ein Großteil der Firmen auf Home Office umstellen, die Telefone zu Hunderten vom Büro aufs Home weitergeschaltet und genutzt werden – und die Telefonanlagen zusammenbrechen, weil sie vor der Krise nicht auf eine derart hohe Zahl von Weiterschaltungen ausgelegt war und allgemein mehr telefoniert wird. Andere haben digital vorgepuffert.

Die Mobilfunk- und Internet-Anbieter zum Beispiel. In diesen Tagen meldete der Internet-Knotenpunkt Frankfurt beispielsweise ein Verkehrsaufkommen im Internet von 9,1 Terabit pro Sekunde – so viel wie nie zuvor. Ist logisch: Derzeit sind sehr viel mehr Menschen sehr viel öfter und länger im Internet als jemals zuvor.  Und mag das Internet auch manchmal langsamer als zuvor reagieren, so bricht es doch nicht unter dem krisenhaften Ansturm zusammen – eine bemerkenswerte Tatsache.

Und was, wenn Corona vor zehn Jahren passiert wäre? Als es noch nicht unsere heutigen Möglichkeiten für Home Office, Online Shopping oder gar Streaming gab? Kaum vorstellbar. Wie hätten wir bloß die Zeit rumgekriegt?

Wenn große Bevölkerungsschichten jetzt plötzlich digital oder noch viel digitaler werden, drängt sich die Frage auf: Wie geht das nach Corona weiter?

Fallen wir da wieder ins analoge Zeitalter zurück? Viele Schüler würden das bedauern. Beim aktuellen Home Schooling merken sie: Es geht auch so! Selbst Lehrer sagen: „Ich sehe eigentlich keinen Grund mehr, weshalb ich jemals wieder eine Klasse von innen sehen muss!“ Und jene von uns, die jetzt noch Schuhe, Bücher, Kleider und Heimwerker-Bedarf im Internet kaufen, weil die Läden zu sind: Warum sollten sie jemals wieder in nennenswerter Zahl ein Ladengeschäft betreten? Falls dieses überhaupt je wieder aufmachen sollte?

Natürlich werden viele Home Office-Angestellte nach der Krise gerne wieder die berüchtigte „Flucht ins Büro“ antreten. Doch andere wiederum werden genauso gerne zu Hause bleiben: Ganze Verwaltungsgebäude könnten zu dringend benötigtem Wohnraum umgebaut werden.

Früher mutmaßten Vorgesetzte misstrauisch, dass „Home Office“ ein englisches Synonym für „faul daheim auf dem Sofa liegen“ sei. Jetzt sehen sie, was daheim „auf dem Sofa“ alles erledigt wird und werden sich überlegen, ob sie die Fixkosten eines Arbeitsplatzes auf dem Firmengelände wirklich länger tragen wollen.

Universitäten stellen derzeit in großem Ausmaß Vorlesungen auf Fernunterricht um. Die Lehre wird digital. Warum sollte sie das nicht bleiben? Zumindest in jenen Teilen, bei denen Lehrende und Lernende das präferieren.

Nach der Vogelgrippe vor zehn Jahren nahmen viele Millionen Chinesen die Atemmasken, die sie während der Epidemie aufgesetzt hatten, nicht mehr ab. Sie gehören inzwischen auch in krisenfreien Zeiten zum normalen Straßenbild einer chinesischen Großstadt: Gewisse Krisenerrungenschaften bleiben auch nach der Krise erhalten und verändern langfristig unser Verhalten. Eine dieser Errungenschaften könnte die sprunghaft gesteigert Digitalisierung sein. Verhaltensmuster, die sich einmal geändert haben, bleiben oft auch stabil, lange nachdem der Anlass der Verhaltensänderung erloschen ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite ist es ganz erstaunlich, wie anpassungsfähig der Mensch in einer Krise ist oder wird. Wir passen uns an jede noch so schlimme Krise an, sobald wird dazu gezwungen sind. Verhaltensflexibilität ist eine Survival Skill. So weckt selbst das Schlimme noch sein Gutes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.