Leute, jetzt mal ehrlich!

Was stört Sie aktuell am meisten? Schön, dass Sie nicht automatisch „Corona“ gedacht oder gesagt haben – das adelt Sie in meinen Augen. Nicht Corona regt mich auf, sondern das ganze Drumherum.

Natürlich ist die Krise eine Katastrophe! Das bestreitet niemand.

Aber auch und gerade in der übelsten Krise gibt es viel Gutes, Richtiges und Schönes – sonst würde niemals eine Krise überwunden werden und wir würden noch im Neandertal feststecken (nichts gegen den Neandertaler, der war sicher krisenkompetenter als viele Zeitgenossen). Doch das Gute, Richtige und Schöne wird generalstabsmäßig von medialen und offiziellen Stellen untern Teppich gekehrt. Es ist längst nicht alles so schlecht, wie es derzeit überwiegend gemacht wird. Es gibt viel Gutes.

Gut ist zum Beispiel, wie viele Menschen und Unternehmen jetzt plötzlich voll digital arbeiten. Menschen und Unternehmen, die sich pre-corona mit Zähnen und Klauen gegen die Digitalisierung gewehrt und steif und fest behauptet haben: „Das geht nicht! Das können wir nicht! Das brauchen wir nicht!“ Jetzt geht es plötzlich – notgedrungen – und jetzt arbeiten dieselben Menschen und Unternehmen dank Digitalisierung hoch effizient, sehr viel effizienter als analog und davor. Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht. Und das soll nichts Gutes sein?

Mich nervt ferner, wie manche sich reinsteigern, ihre Hysterie wie ein Fashion Statement vor sich hertragen und der Wirtschaft, die ohnehin am Boden liegt, noch einen Tritt in die Weichteile mitgeben. Da ist zum Beispiel der 55-jährige Wohnungsbesitzer, der jene Handwerker, die in diesen Tagen jeden Auftrag gut gebrauchen könnten, nicht in seine frisch erworbene 170-qm-Wohnung für die bereits vor Wochen vereinbarte Renovierung reinlässt, weil: „Ich will mich nicht anstecken!“ Auf 170 nahe der Grenze der Dekadenz rangierenden Quadratmetern soll man sich nicht während drei Wochen Umbaus tagsüber weiträumig aus dem Weg gehen können? Welchen Auslauf bräuchte der frischgebackene Immobilienbesitzer denn dann dafür? Den Berliner Sportpalast? Und natürlich verschwendet er in seiner nur um sich selbst oszillierenden Hysterie keinen Gedanken an die Handwerker, die solche Aufträge jetzt dringend bräuchten, um ihre bloße Existenz zu sichern.

Mich nervt außerdem, dass ein Phänomen, das bislang hauptsächlich unsoziale Medien im Internet verseuchte, nun plötzlich in unserer ohnehin genug geplagten Realität fröhliche Urstände feiert: die Trolle. Ein leitender Angestellter eines Konzerns berichtet, dass einer seiner Kollegen die komplette Abteilung zu Geiseln genommen hat, alle anderen (negativ Getesteten) wie Aussätzige behandelt und zum Beispiel verlangt, dass man ihm den Kaffee vor die Bürotür bringe, da er sich in der Kaffeeküche nicht anstecken möchte: „Aber jeden Tag, wirklich jeden Tag und ohne Maske geht der Kerl in den Supermarkt, um Toilettenpapier, Seife, Nudeln und Küchenrolle zu bunkern! Der hat weder die Ausgangsbeschränkungen noch das Virus wirklich kapiert – aber uns behandelt er wie Parias!“

Oder die Mütter, die sich in Hordenstärke zum kollektiven Kinderwagenschieben die Hauptstraße runter oder quer durch den Park treffen: Was fehlt denen bloß?

Ich vermute: die ABC-Analyse. Das heißt das, was eine ganze Bevölkerungsschicht (darunter nicht nur kinderwagenschiebende Mütter) offensichtlich schon vor Corona nicht konnte/kannte: Prioritäten setzen, den Unterschied zwischen dringend und wichtig erkennen. Aber nein, wer es vor der Krise nicht konnte, kann es in der Krise natürlich erst recht nicht, beschäftigt sich daher vorrangig mit dem, was ihm oder ihr weiterhin Spaß macht und lässt das Wichtige liegen, bis es sich zur nächsten Katastrophe aufstaut. Das ist das Gebot der Stunde: Wieder reflektieren und erkennen zu lernen, was wirklich geboten ist.

Also hat die Krise doch zumindest zweifach Gutes. Sie zwingt viele, zwei Dinge zu tun, die sie vorher nicht wirklich intensiv taten: Digitalisieren und über das Wichtige reflektieren. Und noch ein drittes Gutes bringt die Krise: Jene, die bereits digitalisieren und Wichtiges von lediglich Lustvollem unterscheiden können, wachsen zusammen wie niemals zuvor. Viele von diesen auch in der Krise Glücklichen und Prosperierenden berichten: „Wir haben hier bei uns einen Zusammenhalt, wie vormals nie!“ Das wünsche ich uns allen.

So gesehen ist die Krise eine Chance auf einen nie dagewesenen Zusammenhalt. Doch wer reflektiert genug ist, um Wichtiges von Freizeit-Spaß zu unterscheiden, weiß auch, dass Chancen allein nichts bedeuten. Chancen nützen nur dem, der sie nutzt. Nutzen wir sie.

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