Was wir wirklich brauchen

Die globale Schifffahrt gilt als „Motor des Welthandels“. 90 Prozent des weltweiten Warenverkehrs werden auf dem Seeweg transportiert. Daher die Motor-Metapher. Es ist ein schmutziger Motor.

Denn jährlich stößt dieser Motor 932 Millionen Tonnen CO2 aus (2015). Das ist mehr als ganz Deutschland (2017) ausgestoßen hat, selbst wenn wir alle Fabriken, PKW, LKW, alle Kraftwerke und Haushalte und alle Kühe mitzählen.

Ungefähr 3 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes quellen aus den Schloten von Schiffen. Drei Prozent klingt nach relativ wenig, doch die erwähnten fast eine Milliarde Tonnen CO2 sind absolut betrachtet natürlich ein mächtiger Klima-Killer. Bei den anderen Treibhausgasen ist auch der relative Anteil deutlich höher. Der Anteil der Schifffahrt (einschließlich Kreuzfahrtschiffen) am weltweiten Ausstoß von Stickoxiden (NOx) beträgt 15 Prozent, ihr Anteil am Ausstoß von Schwefeldioxid (SO2) 13 Prozent.

Wenn man dazu noch weiß, dass die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) wegen des wachsenden Welthandels (Stichworte Globalisierung und Konsumrausch) erwartet, dass sich der Anteil der Schifffahrt am weltweiten CO2-Ausstoß bis 2050 auf 10 Prozent mehr als verdreifachen soll, dann gibt es nur eine Schlussfolgerung: So kann das nicht weitergehen. Es sollte mindestens verhindert werden, dass es noch schlimmer kommt.

Das wird versucht. Eine Richtlinie der IMO besagt, dass ab diesem Jahr auf hoher See nur noch Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von 0,5 Prozent verbrannt werden darf statt wie bisher mit 3,5 Prozent. Außerdem setzt die Schifffahrt verstärkt auf Abgasreinigungssysteme, Scrubber genannt, die den Schwefel aus den Schiffsabgasen sozusagen herausschrubben sollen. Die Scrubber sind ein schönes Beispiel für die Technologiegläubigkeit des 20. Jahrhunderts (zur Erinnerung: Wir leben im 21.). Wir haben ein Problem? Die Technik wird’s schon lösen, so die messianische Heilserwartung, die an die Technik gestellt wird, während wir munter weitermachen.

Wer jedoch einen zweiten Blick auf die Technik wirft, wird schnell enttäuscht:  Der Scrubber vermischt die Schiffsabgase mit Meerwasser, das im Abgas enthaltene Schwefel reagiert damit und bildet Schwefelsäure, die vom Salz im Meerwasser neutralisiert wird. Hört sich doch gut an? Ja – bis man nachfragt, was danach mit dem Abwasser passiert.

Es wird verklappt, ins Meer geleitet. Und so werden Unmengen von erhitztem und saurem Wasser ins Meer gepumpt, wodurch unter anderem die Korallenriffe schneller absterben könnten. Anstatt den Schwefel wie bisher in die Luft zu jagen, wird er einfach ins Meer geleitet. Forscher des International Council of Clean Transportation (ICCT) gehen davon aus, dass so pro Tonne Treibstoff circa 45 Tonnen warmes, saures Wasser verklappt werden. Das ist krass: Eine Tonne Schiffsdiesel verursacht 45 Tonnen Abfall. Ergo: Die Technik rettet uns nicht.

Dabei gäbe es eine viel einfachere Lösung (nein, nicht die Abschaffung der Globalisierung): Wir konsumieren weniger. Noch vor sechs Monaten löste das einen Schrei der Empörung aus: „Freier Konsum für freie Bürger!“ Corona hat uns eines Besseren gelehrt.

Viele Haushalte haben während des Lockdowns ihren üblichen Konsum gefühlt um die Hälfte reduziert, wenn nicht mehr (die Läden waren ja zu). Auch wenn man den gleichzeitigen Anstieg der Online-Bestellungen gegenrechnet: Viele Produkte wurden so gut wie überhaupt nicht mehr nachgefragt (was Hersteller und Händler entsprechend beklagen); Schmuck zum Beispiel. Nun könnte man nach Cicero sagen: Inter arma silent musae – im Krieg schweigen die Musen, wird also auch kein Schmuck gekauft. Und nach dem „Krieg“ kaufen wir dann wieder.

Nur: So war und ist es nicht. Wenn die während des Lockdowns gemiedenen Produkte für uns wirklich so wichtig wären, dann wäre ihr Verkauf nach dem Lockdown wieder sprunghaft gestiegen. Doch genau das tat er nicht, was nur einen Schluss zulässt: So wichtig sind sie für uns nicht. Das hat uns Corona gelehrt. Wir haben während des Lockdowns auf sie verzichtet und dabei festgestellt: Brauchen wir im Grunde nicht! Diese Güter sind nicht wesentlich. Wir kommen auch ohne sie gut aus. Wir brauchen diesen ganzen Tand nicht – und schon schwimmen weniger Schiffe auf dem Ozean und verpesten die Umwelt sehr viel weniger als selbst die fortschrittlichste Technik erreichen könnte. Occam’s Razor: Die einfachste Lösung ist meist die beste.

Vielleicht haben wir dabei auch gelernt: Konsum macht nicht glücklich (als ob er das jemals getan hätte). Corona hat uns gelehrt, was wir wirklich zum Leben, zu Glück und Zufriedenheit brauchen.

Und Corona hat uns noch etwas gelehrt: Regional ist das neue Bio. Wenn wir schon kaufen, kaufen wir möglichst heimisch. Nicht, weil wir so glühende Patrioten wären, sondern weil wir damit unsere Welt retten.

Wir können nur hoffen, dass diese Erkenntnisse und die damit verbundenen Konsumgewohnheiten möglichst lange anhalten – ohne dass wir ständig „Erinnerungshilfen“ in Form von neuen Pandemie-Wellen benötigen. Aber was ist mit den betroffenen Arbeitsplätzen bei Herstellern und Händlern? Auch darauf fällt die Antwort leicht: Zum einen ist der Verlust von Arbeitsplätzen eventuell leichter zu verschmerzen als der Verlust atembarer Luft und des Fischbestands der Weltmeere. Zum anderen stellen die Menschen, die früher Fax-Geräte (wer erinnert sich noch?) hergestellt haben, heute Scanner oder Kopierer her. Wenn also ein Gut nicht mehr gekauft wird, gehen damit alte Arbeitsplätze verloren und werden neue geschaffen. Und zum dritten hat uns Corona vielleicht endlich beigebracht, in Prioritäten zu denken: Konsum ist wichtig. Doch es gibt Wichtigeres. Und: Nicht immer mehr macht immer glücklicher, sondern nur das, was wir wirklich brauchen. Das Wesentliche.

 

 

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