Warum leben wir noch?

Warum sind wir nicht längst ausgestorben? Wir haben das Klima gekillt, die Luft verpestet, den Regenwald abgebrannt und schaffen es nicht, trotz moderner Medizin eine grassierende Pandemie in den Griff zu bekommen. Tausende Tierarten sind längst ausgestorben, die viel länger auf diesem Planeten gelebt haben als wir – warum sind wir immer noch da?

Zugegeben, eine etwas exotische Frage. Suchen wir Antworten. Vier Antworten gibt Yuval Harari in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ in Form von vier Entwicklungsphasen:

Erste Phase: Die kognitive Revolution vor circa 70.000 Jahren. Zu dieser Zeit lernten Menschen, komplex zu denken. Zweifellos ein Vorteil beim Überleben wie auch bei der Produktion externer Effekt (kein Tier denkt „Nach mir die Sintflut!“).

Zweite Phase: Die landwirtschaftliche Revolution, circa 10.000 Jahre v. Chr. Dank dieser Revolution konnte der Mensch von da an und im Gegensatz zu den Tieren genügend Nahrung produzieren, um sich ohne globale Nahrungsmittelknappheit zu vermehren.

Dritte Phase: Die Vereinigung der Menschheit, circa 800 v. Chr. Einzelne Kulturen haben andere Kulturen ganz oder teilweise vereinnahmt. Man bekriegte sich nicht mehr bis zur gegenseitigen Vernichtung oder Schwächung, sondern wurde gemeinsam stark.

Vierte Phase: Die wissenschaftliche Revolution; sie begann vor rund 500 Jahren. Die Menschheit begann, neue Technologien zu entwickeln, die sie ebenfalls besser überleben lassen, was sich in einem sprunghaften Anstieg der Weltbevölkerung niederschlug: von 500 Millionen im 16. Jahrhundert auf heute rund 7,5 Milliarden.

Es spricht also einiges für unser fortgesetztes Überleben. Es spricht auch einiges dagegen. Darunter, aus aktuellem Anlass naheliegend: Pandemien. Weitere potenzielle Menschheitskiller sind Asteroiden-Einschläge und die Klima-Katastrophe.

Gegen ein Überleben des Menschen spricht auch unsere relative Verletzlichkeit. Der Alligator zum Beispiel hat tausende Jahre fast unverändert überlebt, weil er gut gepanzert ist. Der Mensch dagegen hat weder Panzer noch Knautschzone. Wenn wegen der Klimakrise demnächst weite Landstriche verdorren, kann er kein Wasser speichern wie das Kamel. Braucht er auch nicht: Er legt einfach eine Zisterne an, bohrt Brunnen oder entsalzt das Meerwasser. Technologie lässt uns überleben.

Was uns dagegen bedroht, ist unser großer Hunger. Schildkröten oder auch Schlangen können notfalls Monate ohne Nahrung überleben – wir nur knapp drei Wochen. Auch deshalb ruinieren wir den Regenwald und mit ihm das Klima: um noch mehr Ackerfläche zu bekommen. Als potenzielle Todesursache der Menschheit bietet sich also unser unersättlicher Hunger an. Wir fressen uns zu Tode. Andererseits hilft uns das auch beim Überleben: Wenn der Panda keinen Bambus mehr findet, stirbt er aus. Uns juckt der Ausfall einer einzigen oder auch mehrerer Nahrungsquellen nicht. Wir sind Allesfresser.

Auf der anderen Seite leiden wir unter einer zu großen Generationsdauer. Wenn sich im Ökosystem der Eintagsfliege disruptiv etwas ändert, kommt die nächste Generation schon am nächsten Tag nach und kann sich per Mutation anpassen. Eine Menschheitsgeneration dagegen ist viele Jahrzehnte hier. In Zeiten von dynaxem Wandel, von VUCA, Strukturbrüchen und Disruptionen könnte das zu langsam sein, um überleben zu können.

Eisbären und Pandas sind unter anderem auch deshalb vom Aussterben bedroht, weil sie nur in ganz wenigen Regionen der Erde zu finden sind. Wir dagegen sind überall. Je weiter verbreitet eine Art ist, desto eher überlebt sie. Dabei können wir überall überleben – der Eisbär nicht. Wir überleben in Eis- wie in Sandwüsten – ohne unsere DNS ändern zu müssen. Andere Arten müssen mutieren, um sich anzupassen. Wir passen uns mit Intelligenz, Technologie und Werkzeugen an. Wir müssen uns kein wärmendes Fell wachsen lassen, wenn die nächste Eiszeit kommt. Wir bauen im Notfall eben wieder Kernkraftwerke, die uns einheizen.

Fazit: Wir sind nicht totzukriegen. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die nächsten Jahrhunderte überleben – trotz Pandemien und Klimakapriolen. Doch das ist eigentlich nicht die Frage, richtig?

Die Frage ist: Reicht uns Überleben? Wenn die meisten Tierarten ausgestorben, der Regenwald abgeholzt und das Klima ruiniert ist? Die Luft in den Städten hoch toxisch, das Grundwasser verseucht, die Ackerböden nitratvergiftet, das Zivilleben von fortgesetzten wechselnden Pandemien zerrüttet?

Für eine intelligente Spezies sollte doch wohl gelten: Überleben allein reicht nicht. Leben braucht mehr.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.