Was auf der Haut liegt und unter die Haut geht

Was nützt die tollste Jeans, passt wie angegossen, edle Marke, günstiger Preis, richtige Farbe – wenn ich sie mit schlechtem Gewissen tragen muss? Weil eine Influencerin im Netz schreibt, dass ausgerechnet wegen meines Beinkleides Kinder in Asien zwölf Stunden in der Färberküche stehen.

Dabei könnten wir den Kindern die Arbeit und uns den Ärger sparen, wenn was herrschen würde? Wir alle kennen die Diskussion, die gerade heißläuft und das Schlagwort der Stunde: Transparenz der Lieferkette. Manche favorisieren dafür das Lieferkettengesetz. Selbst wenn das kommt oder angesichts der herrschenden politischen Unsicherheiten: falls das kommt – wie soll das gehen? Wie soll ein deutscher Klamottenladen wissen oder sogar verhindern, dass beim Lieferanten vom Lieferanten vom Lieferanten Kinder ranmüssen? Das sagen die politischen Kommentatoren nicht, die sich derzeit wegen des Lieferkettengesetzes in spitzen Forderungen überbieten.

Die Antwort wäre relativ einfach: Blockchain. Die Blockchain-Technologie ist inzwischen ausgereift – und so ziemlich das Fälschungssicherste, was das 21. Jahrhundert zu bieten hat. Unser Geld ist nicht annähernd so sicher vor Fälschungen. Aber die Blockchain: Was einmal dort hineingeschrieben wurde, bleibt geschrieben, weil sich die einzelnen Datenblöcke nicht mehr verändern lassen. Wenn also auf den Lieferpapieren für 2.000 modische Jeans, angenommen, bei den künftig hoffentlich obligatorischen Angaben zur sozialen Nachhaltigkeit und dem Unterpunkt „garantiert keine Kinderarbeit in der Färberei“ kein Kreuzchen der Färberei steht, kann das die nachfolgende Stufe der Wertschöpfung, die Zuschneiderei, bislang noch problemlos ändern, fälschen und einfach ein Kreuzchen machen, wo vorher keines stand. Damit der internationale Modekonzern die Jeans nachher auch abnimmt. Das geht auf Papier. In einer Blockchain geht das nicht mehr. Theoretisch könnte dann die Färberei gleich selber eine Falschangabe machen: Sämtliches kriminelle Verhalten kann die Blockchain nicht verhindern. Doch dass ex post, im Nachhinein, vorausgehende Wertschöpfungsstufen „grüngewaschen“ werden, das verhindert sie effektiv und ohne Einsatz von Big Brother. Einfach „nur“ mit großer, unverfälschbarer Transparenz.

Und fast das Tollste daran: Nicht ein megalomaner Polizeistaat wäre der Oberkontrolleur der Nachhaltigkeit von Lieferketten, sondern wir. Wir könnten im Laden mit unserem Smartphone den QR-Code an jeder Ware ablesen und sofort sehen, ob das Teil die Triple Bottom Line erfüllt oder nicht. Auch wir würden davon profitieren und das gleich doppelt. Denn nicht nur unser Bewusstsein für nachhaltigen Konsum würde Sprünge machen. Sondern wir könnten und würden tatsächlich in der Welt etwas bewegen. Wir würden dann natürlich, soweit möglich, nur noch Waren kaufen, denen der QR-Code die nachhaltige Unbedenklichkeit bescheinigt. Bislang tun wir das nicht im gebotenen Maße.

Bislang verstecken wir uns zu oft und zu bequem hinter dem Veil of Ignorance, wie John Rawls ihn nannte, den Schleier des Nichtwissens: „Woher soll ich denn wissen, ob in der Färberei in Bangladesch Kinder arbeiten müssen!“ Mit QR-Code und Blockchain wissen wir es – jedenfalls sehr viel eher, einfacher, genauer, umfassender und verlässlicher als bislang. Das wollen wir alle. Auch die Politik.

So unterstützt ausgerechnet das Entwicklungsministerium zum Beispiel derzeit ein Projekt von IBM und KAYA&KATO, dem Hersteller für Arbeitskleidung. Sie wollen gemeinsam eine Blockchain für ihre textile Lieferkette aufstellen. Dann liefert die Blockchain nicht nur Angaben zur Transparenz in Sachen sozialer, sondern auch für die ökologische Nachhaltigkeit, indem sie zum Beispiel Daten für die Berechnung des CO2-Fußabdrucks übermittelt. Obendrein ist sie auch ökonomisch ein Segen, denn sie zeigt besser als traditionelle Management-Informationssysteme auch Lagerbestände und Kapazitäten entlang der kompletten Lieferkette. Damit wäre die Triple Bottom Line perfekt: soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit. Das wollen wir schließlich alle.

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