Wann geht die Welt unter?

Für die Maya und Roland Emmerich („2012“ – der Film) ging sie 2012 unter. Eine Religionsgemeinschaft kündigte den Untergang der Welt jeweils in den Jahren davor für 1925, 1975 und 2000 an – waren ihren Anhänger enttäuscht, als die Welt nicht unterging? Einige Sekten prognostizieren das Ende im 2-Jahres-Rhythmus. Und obwohl bis heute Hunderte dieser „Prognosen“ nicht eintrafen, glauben bei jeder neuen erneut viele Menschen daran. Jedes Mal. Wie viele?

Wie viele Menschen fallen auf solche Märchen herein? Die Konrad-Adenauer-Stiftung schätzt, dass rund ein Drittel aller Deutschen offen sind für Verschwörungstheorien. In bestimmten gesellschaftlichen Kreisen und politischen Parteien steigt deren Anteil auf eindrucksvolle 60 Prozent. Wenn Verschwörungstheorien so weit verbreitet sind, wozu braucht man sie dann?

Verschwörungstheorien sind nützlich zur Vermeidung kognitiver Dissonanzen. Wer zum Beispiel in den Nachrichten ständig hört, wie kaputt Klima und Umwelt sind und sich folgerichtig fragt, wie lange es der Planet noch macht und keine verlässliche Antwort darauf aus eigenem Wissen findet, dem stopft diese Wissenslücke eine Verschwörungstheorie besser als keine Theorie. Denn wie die Natur kein Vakuum toleriert, so toleriert auch der menschliche Geist keine kognitive Lücke. Je heftiger also Schule, Elternhaus, Medien, Peer Groups und das Internet bei der Wissensvermittlung versagen, desto nützlicher für die kognitive Harmonie werden Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheorien gab es schon immer. Doch erst seit dem Internet haben sie explosionsartig zugenommen an Verbreitung und Wirkung. Denn erstens desinformiert das Internet erfolgreicher als alles andere und zweitens ist es stärker verbreitet und frequentiert als alles andere.

Seriöse Medien bemühen sich zumindest noch, ihre Sensations- und Skandalmeldungen mit fundierter Recherche zu belegen. Das Internet dagegen operiert in weiten Teilen schwerpunktmäßig mit Clickbaiting und Fake News, was die ohnehin in der Bevölkerung bereits klaffenden Wissenslücken noch weiter aufreißt, was wiederum Menschen noch anfälliger macht für Verschwörungstheorien. Das effektivste Instrument zur Verbreitung von Halbwissen ist das Internet, das täglich eine reichhaltige Palette von Verschwörungstheorien im Angebot hat. Die Frage ist: Warum trifft dieses Angebot auf eine Nachfrage in Millionenhöhe?

Weil es, wie jedes erfolgreiche Angebot, menschliche Bedürfnisse befriedigt; als da sind:

  • Existenzielle Bedürfnisse, zum Beispiel das Streben nach Kontrolle und Sicherheit. Wer die Welt nicht mehr versteht, spürt Kontrollverlust, Ohnmacht und Unsicherheit und kein normaler Mensch fühlt sich gerne ohnmächtig und unsicher. Eine gute Verschwörungstheorie gibt Sicherheit und ein gewisses Gefühl von Kontrolle: Dank der Verschwörungstheorie versteht der verunsicherte Mensch die Welt wieder. Er versteht sie völlig falsch, doch „falsch/richtig“ sind kognitive Dimensionen, während Ohnmacht und Unsicherheit affektive Größen sind: Jacke ist näher als Hose, Bauch schlägt Hirn – wie übrigens auch bei jeder Diät.
  • Soziale Bedürfnisse, zum Beispiel das Streben nach positiver Fremdwahrnehmung. Wer Verschwörungstheorien verbreitet, imponiert seiner Peer Group und verschafft sich dabei Guthaben in Form der heutzutage stärksten Währung: Aufmerksamkeit. Nicht umsonst leben wir in der sogenannten Attention Economy. Und sobald die Peer Group an eine Verschwörungstheorie glaubt, bedroht sie alle Dissidenten mit sozialer Ächtung, die das nicht tun. Wer „dazugehören“ möchte, glaubt also lieber mit.
  • Systemische Bedürfnisse: Menschen wollen die Welt verstehen und erklären können. Und dass zum Beispiel fremde Menschen mit Passagierflugzeugen in Hochhäuser fliegen und sich dabei selbst umbringen, versteht ein Mensch mit normaler Schulbildung und Medienerfahrung („… das Motiv ist bislang unbekannt“) nicht, nicht auf Anhieb oder nicht in befriedigendem Ausmaß. Dass dagegen Regierungen und Behörden oft ihr eigenes Süppchen kochen, das „versteht“ er schon lange und stimmt daher eher der Theorie zu, dass die eigene Regierung Flugzeuge in Häuser fliegen lässt.

Wo bleibt bei all den Lügen die Wahrheit? Entschuldigung, wir befinden uns in einer Marktwirtschaft und nicht in Sokrates‘ Wohnzimmer. Der Markt liefert, was Menschen nachfragen; zum Beispiel Menschen mit einem diffusen Misstrauen gegen Institutionen (Beispiel s.u.): Ihnen liefern Verschwörungstheorien eine konkrete Begründung für ihr vages, nebulöses Misstrauen.

Die meisten Menschen, die sich über Verschwörungstheorien lustig machen, übersehen deren emotionale Wirkung. Corona zum Beispiel wird wissenschaftlich und politisch sehr komplex, kontrovers und widersprüchlich diskutiert.  Für Wissenschaftler und Politiker ist das selbstverständlich – für normale Menschen unverständlich und unerklärlich. Wissenschaft und Politik vermitteln Unsicherheit, Verschwörungstheorien dagegen Sicherheit: Alles, was die Theorie erklärt, passiert aus einem einfachen und verständlichen Grund. Wann kommunizieren Wissenschaft und Politik schon einmal einfach und verständlich? Können sie das überhaupt? Wollen sie das tatsächlich? Oder fällt ihnen ein Zacken aus der Krone, wenn der Mann und die Frau auf der Straße, die ihre Gehälter via Steuerabgaben bezahlen, sie plötzlich auf Anhieb verstehen?

Das alles hilft Ihnen jedoch nicht weiter, wenn Sie in Ihrem ganz normalen Alltag auf einen Verschwörungstheoretiker treffen: Das wird unangenehm! Wie gehen Sie damit um? Auslachen? Überzeugen? Ignorieren?

Der sicherste Tipp: Menschen, die sich nicht in Ihrem persönlichen Umfeld bewegen, sollten Sie geflissentlich ignorieren, weil Bekehrungsversuche mit höchster Wahrscheinlichkeit fehlschlagen. Und wenn ein Verwandter, Kollege, Familienmitglied, Vorgesetzter oder Kollege plötzlich krude Theorien im Brustton der Überzeugung äußert? Wie wir alle schon schmerzhaft erfahren haben: Selbst nobelpreis-fundierte Gegenargumente wirken nicht. Eher im Gegenteil: Sie bestärken den Verschwörungstheoretiker schon allein aus Trotz in seiner Haltung und beschädigen obendrein die gegenseitige Beziehung.

Für alle, die das nicht möchten, gibt es den motiv-orientierten Ansatz: Nicht an den Argumenten ansetzen, sondern an den Ängsten und Motiven. Was steckt hinter der Verschwörungstheorie?

Da behauptet zum Beispiel der ansonsten nette Nachbar, dass er sich, wenn überhaupt, nur mit dem russischen Impfstoff gegen Corona impfen lassen wird, weil dieser als einziger nicht vom westlichen militärisch-industriellen Komplex manipuliert sei. Das ist natürlich Unfug, weshalb Sie ihm spontan widersprechen, was zu einem minutenlangen peinlichen Streit führt, der die Beziehung beschädigt und die gute Nachbarschaft sabotiert. Man geht in Streit und Missgunst auseinander. Es sei denn …

Es sei denn, Ihnen fällt rechtzeitig ein, dass die Mutter des ansonsten netten Nachbars vor einigen Wochen einen üblen Behandlungsfehler im örtlichen Klinikum erleiden musste, gepaart mit endlosen Scherereien mit Chefarzt und Krankenkasse. Es liegt zumindest die Vermutung nahe, dass der ansonsten nette Nachbar seither der westlichen Medizin in gerechtem Zorn und Bausch und Bogen misstraut und geistige Zuflucht bei der russischen Medizin sucht. Wer über so viel Einsicht in seinen Nächsten verfügt, wird ihm daher nicht spontan und fundiert widersprechen, sondern in empathischer Spiegelung des vermuteten Motivs sagen: „Ja, was die westliche Medizin im Laufe einer ganz normalen Behandlung so alles verbockt, geht auf keine Kuhhaut.“ Der Nachbar stimmt erfreut und ein wenig überrascht zu und man geht nach wenigen Sekunden gegenseitiger Bestätigung in bester Harmonie und Nachbarschaft auseinander. Es sei denn, man muss ums buchstäbliche Verrecken immer und überall recht haben. Dann ist so eine motiv-geleitete Kommunikation nicht möglich. Wohlgemerkt: Mit der Bezugnahme auf seine eigentlichen Motive gibt man dem Verschwörungstheoretiker nicht recht. Man wertschätzt unter kompletter Umgehung der Sachebene schlicht seine ureigensten persönlichen Motive. Wenn eine sachliche Diskussion ohnehin nicht möglich ist, sollte man wenigstens noch menschlich kommunizieren. Wir könnten allerdings auch früher ansetzen.

Schon in Kindergarten, Elternhaus und Schule. Indem wir unseren Kindern nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben beibringen, sondern auch den Umgang mit Unsicherheit, die Reflexion der eigenen Motive, wie man Ambiguitätstoleranz entwickelt, Fake News erkennt und mit kognitiven Dissonanzen umgeht. Das alles ist längst bekannt und keine Raketenwissenschaft. Wann taucht es in den Lehrplänen auf? Wenn 80 Prozent Verschwörungstheoretiker im Bundestag sitzen?

Kurzfristig könnte der Gesetzgeber die unsozialen Medien noch stärker in die Pflicht nehmen. Diese haben bereits damit begonnen, extreme krude Posts zu sperren und könnten da noch einiges mehr tun. Doch wann immer sie einen besonders krassen Fall sperren, sind sich oft sogar Leitmedien nicht zu schade, mit der Meinungsfreiheit dagegen zu argumentieren. Das ist durchsichtig und wenig hilfreich. Es gibt einen Unterschied zwischen Meinung und Lüge und zwischen Meinung und Fakten. Wenn nicht alle vernünftigen Menschen diesen Unterschied kennen und wahren, haben wir ein viel größeres Problem als die paar Verschwörungstheorien.

Ernüchterndes Fazit: Solange es Menschen gibt, wird es Verschwörungstheorien geben. Es sei denn, eine kritische Masse jeder Familie, Nachbarschaft, Firma und Gesellschaft wird so klug, dass sie die Welt, in der wir leben, auch versteht – und dieses Verständnis wirkungsvoller kommunizieren als die paar Verunsicherten, die mangels Bildung ihre innere Sicherheit in Theorien suchen, die sie gerade noch verstehen. Nicht die Wahrheit ist das beste Gegenmittel gegen Verschwörungstheorien, sondern?

Bildung.

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