Die Erde ist eine Scheibe

Millionen Menschen, sie nennen sich Flacherdler oder Flat Earther, sind davon überzeugt. YouGov schätzt, dass jeder sechste Amerikaner daran glaubt. Bei den Briten sind es drei Prozent – fast zwei Millionen Menschen. Glaubensbekenntnisse wie diese werden vor allem in Krisenzeiten wie den aktuellen populär. Aus gutem Grund: In der Krise gibt ein fester Glaube den nötigen Halt. Dieser Halt ist völlig unabhängig von Fakten oder Tatsachen, was von immensem Vorteil für die psychologische Krisenresilienz ist: Man muss die Fakten einer komplexen Lage nicht umfassend kennen, um in einer Krise den nötigen mentalen Halt zu finden. Faith beats facts.

Fast täglich treffen wir deshalb in diesen Tagen auf Menschen besonderen Glaubens – und reden mit ihnen. Natürlich auch über ihren Glauben. Weil sie diesen gerne und oft äußern (damit er Halt geben kann). Die spontane Reaktion von Menschen mit klassischer Schul- und Allgemeinbildung ist darauf oft: Unglaublich! Wie kann man solche Menschen von ihrem Irrglauben abbringen? Auf den Boden der Tatsachen zurückführen?

Diese Spontanreaktion ist menschlich, verständlich und in 99 von 100 Fällen erfolglos. Wird ein Flat Earther mit der Idee einer Weltkugel konfrontiert, akzeptiert er diese in aller Regel nicht (wenn es so leicht wäre, gäbe es ihn nicht), sondern fühlt sich angegriffen und reagiert mit Trotz, Gesprächsabbruch oder Eskalation. Warum? Weil ihm jemand seinen Halt in der Krise rauben möchte. Gegenwehr ist also rational. Und so spalten sich Nationen und Familien. Der Vater wendet sich gegen den Sohn, Abteilungen in Unternehmen zerfallen in verfeindete Separatisten-Lager, die in den Medien herumgereichten Experten stigmatisieren Menschen abweichender Meinungen als „X-Leugner“ (was immer X aktuell sein mag).

Natürlich merkt jeder „Überzeugungstäter“ schnell, dass seine Überzeugungsversuche fehlgehen und sein Gegenüber zumacht (Fachausdruck: Reaktanz; vulgo: Trotzreaktion). Was machen wir dann? Wir werden lauter, nachdrücklicher, satteln noch zwei Argumente drauf oder insistieren empört: „Aber das ist doch wissenschaftlich erwiesen!“ Was zuverlässig die Reaktanz verstärkt.

Denn Argumente sind kognitive Konstrukte, Trotz dagegen eine affektive Größe, wobei das Kräfteverhältnis offensichtlich ist: Bauch schlägt Kopf an jedem Tag des Jahres. Und doch texten wir Meinungsdissidenten oft reflexhaft zu, sobald diese ihre Meinung kundtun. In einigen Fällen erzielen wir damit einen Scheinerfolg: Der Dissident verstummt. Weil wir ihn überzeugt haben?

Nein, meist lediglich, weil wir eine sogenannte Abnutzungskapitulation erzielt haben. Der Dissident hält einfach den Mund und trägt seine Meinung woanders vor, wo er nicht mit Leuten konfrontiert wird, die ihn nicht verstehen und ihm seinen Halt in der Krise wegnehmen wollen. Wenn also Überzeugen nicht funktioniert – was funktioniert dann?

Das ist gut erforscht und es ist erstaunlich, dass diese gut erforschten Remedien seit zwei Jahren weder Medien noch Meinungsmacher, geschweige denn Politiker interessieren. Zum Beispiel das Remedium: Gemeinsamkeit statt Argumente. Anstatt beispielsweise zu argumentieren „Aber wenn die Erde eine Scheibe wäre, würden Schiffe nicht am Horizont unter denselben verschwinden!“, was lediglich Reaktanz provoziert, könnte ich stattdessen sagen: „So eine flache Erde wäre auf jeden Fall schön übersichtlich und einfach!“ Darüber könnten wir beide einig sein, damit eine Gemeinsamkeit etablieren und uns näherkommen – anstatt uns verbal gegenseitig den nassen Waschlappen um die Ohren zu hauen. Auch gemeinsame Ziele erreichen das oder wie die Gattin dem Gatten versichert: „Aber wir beide fliegen unabhängig von der Gestalt der Erde im Sommer trotzdem in die Dom. Rep.!“ Es leuchtet unmittelbar ein und ist auch durch Studien gut belegt, dass Gemeinsamkeiten deeskalieren und vor Reaktanz, Verhärtung und Gesprächsabbruch schützen. Wenn das so einfach ist, warum erlebt unsere Nation dann gerade Spaltung statt Deeskalation?

Weil nicht nur Menschen mit anderer Meinung sich angegriffen fühlen, wenn man ihnen ihren Glauben ausreden will, sondern auch jene, die ihn ausreden wollen. Sie empören sich spontan über den Andersgläubigen: „Wie kann er sowas Absurdes sagen? Das kann nicht sein! Das darf er nicht!“ Warum nicht? Weil sein Glaube das eigene Weltbild angreift, das bei vielen Menschen versehentlich mit der eigenen Identität verschmolzen ist. Das Unterbewusstsein hat irrtümlich gelernt: „Ich bin nicht Ich. Ich bin meine Meinung. Wird meiner Meinung widersprochen, empfindet das mein Ego als persönliche Zurückweisung und das tut weh!“ Also widersprechen wir und „überzeugen“ Andersgläubige aus reiner Schmerzvermeidung. Trotzdem gibt es Menschen, die vorbildlich deeskalieren.

Sie haben sich von ihrem vorgeblich schützenden Ego gelöst. Einem Ego, das nicht kommunizieren möchte, sondern rechthaben. Leider kann man nicht beides gleichzeitig, was Niklas Luhmann zum Urteil über unsere moderne Zivilisation brachte: „Kommunikation ist unwahrscheinlich.“ Die Lösung liegt nahe. Wie die buddhistische Psychologie sagt: No Ego, no problem. Oder auch: Du musst nicht alles glauben, was du denkst und nicht alles tun, wozu dein Ego dich verführen möchte. Ohne störendes Ego kommuniziert sich’s leichter.

Eine geniale Intervention in potenziell eskalativen Situationen ist auch: „Da fehlt offensichtlich noch eine Menge Forschung!“ Der Flacherdler bezieht das auf die Erforschung der flachen Erde, der Sprecher dagegen auf den Umstand, dass ein wenig mehr Forschung den Schulen sicher helfen würde, die faktische Gestalt der Erde allen Schülerinnen und Schülern nachhaltig zu vermitteln.

Eine weitere, nachweislich erfolgreiche Intervention ist: Zuversicht statt Zutexten. Sobald ich das im kleinen Gesprächskreis vorschlage, höre ich oft den Einwand: „Aber Zuversicht ist doch kein Argument!“ Stimmt – deshalb wirkt sie. Studien zeigen: Bereits die Einstellung entscheidet die Kommunikation. Wer angriffslustig, unbeugsam oder selbstgerecht andere überzeugen möchte, torpediert selbst die weltbesten Argumente, weil sein Gegenüber sie gar nicht anhört, sondern allein schon wegen der kommunizierten Einstellung unwillkürlich denkt: „So ein selbstgerechter, eingebildeter Kerl!“ Niemand mag Oberlehrer, selbst wenn sie die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen. Warum nicht?

Weil Kommunikation nicht aus Sachinhalten oder gar Argumenten besteht – das nur geringfügig. Kommunikation besteht laut Prof. Albert Mehrabian vielmehr zu 93 Prozent aus nonverbaler Kommunikation. Und Einstellungen kommunizieren sich hauptsächlich nonverbal, schneller als das gesprochene Wort, schon beim ersten Eindruck nach wenigen Sekunden. Wie aber ist die Einstellung, mit der wir Dissidenten meist gegenübertreten? Herablassend, abwertend, zurückweisend, verständnislos. Nimmt das Gegenüber so eine Einstellung wahr, hört es schon nicht mehr zu und/oder ist innerlich auf 180, noch bevor das erste Argument geäußert wurde. Bessere Einstellungen sind Zuversicht oder auch Wertschätzung.

Niemand macht zu oder wird bockig, wenn er auf seine Behauptung hin, die Erde sei flach, zu hören bekommt: „Das ist doch mal eine interessante Meinung!“ Um so etwas zu sagen, müsste man jedoch seinen eigenen inneren Rechthaber, der mit Macht losbellen möchte, dann aber ganz schön gut im Griff haben? Ja, müsste man. Manche können das. Weil sie nicht rechthaben, sondern kommunizieren. Wir reden zwar alle ganz schön viel, aber Kommunikation – im Luhmann’schen Sinne – ist dann doch etwas anderes; nämlich eine erworbene Kompetenz.

Das Meta-Rezept ist natürlich: Verständnis. Einem Flacherdler mit „So ein Blödsinn!“ spontan zu begegnen, ist menschlich und nachvollziehbar. Es führt halt nur zu nichts Gutem, weil es nicht verstehen will. Besser wäre, sich zu fragen: „Warum glaubt er, was er glaubt? Wozu? Wovor schützt ihn das?“ Auf diese Fragen, notfalls dem Dissidenten gestellt, stellt sich umgehend Verständnis ein über die Gründe, so etwas Anti-Faktisches zu glauben: um Klarheit und Einfachheit in eine viel zu komplexe Welt zu bringen, um Angst zu bekämpfen, um in der eigenen Peer Group weiter mitreden zu können. Also überzeugt man Andersgläubige immer noch am besten, indem man sie nicht überzeugt, sondern nötigenfalls schlicht fragt: „Warum glaubst du das?“ Wenn man das mit echtem Interesse fragen kann, authentisch, nicht aufgesetzt. Spätestens nach dem dritten Nachfragen offenbaren sich die tieferen Gründe hinter der ausgefallenen Glaubenshaltung. Oft ist es die nackte Angst – was bereits heilsam für die Kommunikation ist: Niemand ist so kaltherzig, sich mit einem Angst-Opfer verbal zu kloppen.

Das letzte und einfachste Rezept ist: der richtige Zeitpunkt. Wenn jemand schon auf 180 ist und 20 „Gründe“ anführt, warum die Erde nur eine Scheibe sein kann, ist ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Trotzdem fallen wir immer wieder auf abweichende Meinungen spontan herein und geben mächtig Contra. Oder wie Samuel Shem (Autor des Bestsellers „The House of God“) es ausdrückte: Dickheads take the bait. Nur Narren fallen drauf rein.

2 Kommentare zu „Die Erde ist eine Scheibe

    1. Unser Dank zurück für Ihre Rückmeldung, lieber Norbert: Ihr Feedback motiviert! ‚Ausprobieren und Nachdenken‘ sind zwei Stichworte, wegen denen wir uns jede Woche die Mühe machen. Evi Hartmann

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