Das sexistische Auto

Katja Diehl hat vor wenigen Wochen das Buch „Autokorrektur“ veröffentlicht; es verspricht, ein Bestseller zu werden. Und nein, es geht dabei nicht um die bekannte Word-Korrekturfunktion, sondern doppeldeutig tatsächlich ums Auto. Die steile These der Autorin: Der urbane Autoverkehr ist repressiv, sexistisch, patriarchalisch und rassistisch. Erst mal: mutige Frau! Dann: heftige These! Wie kommt sie auf so was?

Ganz einfach: Schauen Sie sich doch mal unsere Städte an! Wie wurden die gebaut? Wer auch immer in einer Stadt wohnt oder eine kennt, kennt nur ein Wort dafür: autogerecht. Oder fühlen Sie sich als Fußgänger, Radfahrer oder Mutter mit Kinderwagen etwa in Ihrer (Innen)Stadt wohl, sicher und in Ihrem Raumbedarf respektiert? Es mag vereinzelt Städte geben, in denen die Antwort „ja“ lautet – das sind die Ausnahmen von der unrühmlichen Regel. Noch im Mittelalter war das anders.

Schmale Straßen, enge Gassen, kurze Wege. Man kam zu Fuß überallhin und schnell. Versuchen Sie das heute mal in einer Innenstadt, wo die Suche nach einem dem Einkaufsziel nahen Parkplatz mehr Zeit braucht als im Mittelalter der Weg zum eigentlichen Einkaufsziel. Eine heutige, euphemistisch „modern“ genannte Stadt ist der mehr oder weniger misslungene Versuch, alles, was sich in der Stadt bewegt, dem Auto unterzuordnen – daher das „repressiv“ in der steilen These.

Es ist doch so: Das Auto ist stets auf direktem Wege unterwegs, während wir Fußgänger uns unten durch oder oben drüber bewegen und buchstäblich im Viereck springen müssen, wenn wir irgendwohin wollen. In einer Stadt. Zu Fuß. Kein Wunder, dass alle das Auto nehmen! Man kommt ja ohne nirgendwo mehr hin, ohne Sonderurlaub einzureichen. Die heftigste contradictio in adiecto ist übrigens die „Stadtautobahn“; geradezu ein Oxymoron. Man möchte spontan fragen: Was jetzt? Entweder das eine oder das andere. Beides zusammen geht nicht. Was soll eine Autobahn in einer Stadt? Ja, schon klar: Die Autos schneller hinein, hindurch und hinaus führen.

Ganz nebenbei seziert so ein Mehrspurmonster den urbanen Lebensraum in unverbundene Einzelteile, ruiniert das Stadtbild und verpestet die Luft mit Abgasen und akustischem Müll. Noch im Mittelalter war alles, was ein Mensch brauchte, einen Steinwurf entfernt: Wohnen, Essen, Arbeiten, Leben, Freizeit. Heute fährt der moderne Mensch 40 km zur Arbeit und wieder zurück, zum Einkaufen auf die grüne Wiese weitere 20 km und abends zum Freizeitsport noch einmal zehn. Und braucht dafür deutlich länger als damals im Mittelalter. So gesehen ist das Auto ein Schritt zurück: Je rasender wir uns damit fortbewegen, desto langsamer kommen wir voran. Die Zeitmaschine ist längst erfunden. Sie heißt Auto und mit jedem Kilometer reisen wir in der Zeit zurück. Im Grunde bringt das Auto nichts mehr, weil wir darin elend lange Wege zurücklegen, die früher – und viel gesünder – per pedes bewältigbar waren. Ausgehen, Kino, Theater, Sport, Arbeit, Freunde treffen? Ohne Auto bist du aufgeschmissen. Es sei denn, du wohnst in Berlin. Oder Frankfurt. München. Warum ist das ein Problem?

Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage ist: Wer macht das? Und jetzt alle im Chor, bezugnehmende auf das dritte Adjektiv in der These der mutigen Autorin: alte weiße Männer. Ein Klischee, ich weiß. Aber: Ist nun mal so. Das zeigt sich auch im regelhaft spärlich ausgebauten ÖPNV: Warum wohl so spärlich? Ich möchte keinem böse Absicht unterstellen, aber Männer finden nun mal Autos toll. Warum sollte sich ein 55-jähriger Stadtplaner mehr für den Ausbau einer Buslinie als den einer Durchfahrtsstraße interessieren? Das sagt natürlich keiner explizit, aber implizit, Beispiel: Die neue Referentin im kommunalen Planungsamt einer Mittelstadt mit 45.000 Einwohnern kommt von auswärts. Ihr direkter Vorgesetzter moniert beim Dezernatsleiter, dass sie jeden Tag zweimal ein halbe Stunde Busanfahrt sparen könnte, wenn sie nicht zweimal, sondern „bloß“ einmal umsteigen müsste. Was sagt der Dezernent?

Er sagt nicht mehr „Soll sie halt ein Auto kaufen!“, weil das in Zeiten von Greenwashing nicht mehr pc ist. Er sagt – haben Sie’s erraten?

Natürlich: „Soll sie halt früher aufstehen!“

Wenn man sich mal anschaut, wie ein klassischer ÖPNV-Plan aussieht: Strahlenförmig von innen nach außen. Die durchaus verständliche Logik dahinter: Von außen fahren die Pendler zur Arbeit rein ins Zentrum. Warum soll das sexistisch sein? Weil Frauen sich anders bewegen: lateral. Nachweislich. Empirisch. Eine Frau mit Kind fährt nicht strahlförmig von außen rein, weil sie schon drin ist und drin das Kind zur Kita bringt. Wenn sie das nicht im fetten Hausfrauen-Panzer (vulgo: SUV) macht, dann bewegt sie sich seitwärts. Dito, wenn sie, nachdem das Kind in der Kita ist, einkaufen geht oder eine Freundin besuchen. Dass die Frau und nicht der Mann das macht, ist nur ein kleines Klischee dabei. Während der Pendler einmal ein- und einmal aussteigt, steigen Passagierinnen in krabbenhafter Seitwärtsbewegung dreimal um. Wenn das nicht sexistisch ist … Natürlich ist das nicht absichtlich! Doch wie ein Philosoph einmal sagte: Die Knaben quälen die Frösche im Spaß, doch die Frösche sterben ganz im Ernst.

Oder haben Sie schon mal eine Frau in der Stadtbahn gesehen – nach 22 Uhr? Ja. So häufig wie ein Einhorn mit rosa Schleife ums Horn. So spät in der Nacht trauen sich bloß Xena und Wonder Woman in die Stadtbahn. Jede normale Frau würde bei so einem antizipierten Höllenritt pro Fahrminute Adrenalin für ein ganzes Jahr ausschütten. Nicht nur die Frau – und hier wird die Stadtbahn rassistisch: Auch Menschen mit dunkler Haut, selbst wenn sie in diesem Land geboren wurden und besser Deutsch sprechen als der Glatzkopf mit dem Baseballschläger. Die korrekte Satzkonstruktion nützt da wenig. Und natürlich: Menschen mit Behinderung. Oder korrekt formuliert: Menschen, die wir behindern. Mit der Art und Weise, wie wir Städte verbarrikadieren. Das nützt zwar wenig bei einem Panzerangriff, doch einen Rollstuhl hält das allemal nachhaltig auf. Als Rollstuhlfahrer in einen Bus reinkommen? Während alle Insassen bereits nervös auf die Uhr schauen, wenn die Rampe schneckenhaft runter und wieder hochfährt? Oder einfach nur den Rolli durch die Stadt bewegen, wo jeder Millimeter Bordstein illegal zugeparkt ist und 20 Ordnungshüter pro Quadratkilometer nichts dagegen auszurichten scheinen? Das sind nur einige wenige Probleme.

Es gibt auch Lösungen. Kopenhagen zum Beispiel hat eine grüne Welle. Hat unsere Stadt auch? Auf Fahrrad-Geschwindigkeit? Plus jede Menge Radbrücken und Radschnellwege. Deshalb hat das Rad in Kopenhagen einen Anteil von 41 Prozent an allen beruflichen Wegen. Sensationell. Wien hat ein 350-Euro-Jahresticket für den ÖPNV eingeführt (entspricht ein Euro pro Tag). Seither hat sich die Anzahl der Jahreskarten mehr als verdoppelt. Gleichzeitig hat man das Parken in der Stadt satt verteuert. Geht doch – wenn man will.

Barcelona will seine Straßen zurückerobern – für seine Bürger – und plant verstärkt mit verkehrsberuhigten Super-Blocks. Das sind Häuserblocks mit einer Kantenlänge von ca. 500 Metern, in die außer dem Lieferverkehr kein Auto reindarf. Paradiesisch. Ruhig. Sauber. Und alle fühlen sich wohl und gut versorgt. Und nun zum Bad Kid on the block.

Weil 2021 wegen Corona viel mehr Deutsche mit dem Rad unterwegs waren, zogen viele Städte spontan und gut geplant Pop-up-Radwege hoch. Gut für Radler und ihre Fitness, gut für Luft und Lebensqualität in den Städten und für die Umwelt. Und was passierte? Unvermeidbar, wenn man etwas Gutes tut in Deutschland?

Shitstorm. Teilweise gerichtlich gestoppte Radwege.

Wir Deutschen halt. Klare Prioritäten: Michel, säg schneller an deinem Ast!

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