Wie wir leben wollen

Wobei die Wahl des Hilfsverbs sich als kritische Größe erweist: Wollen wir so leben? Oder werden wir es tatsächlich auch?

Die Experten der UNO schätzen, dass bis zum Jahr 2050 rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden; viele davon in Mega Citys. Das sind Städte ab 10 Millionen Einwohner wie Tokyo (37,5 Mio.), Delhi, Schanghai und Sao Paulo (die vier größten). Deutsche Mega Citys gibt es zwar (noch?) keine. Berlin hat gerade mal überschaubare 3,5 Mio. Einwohner. Doch auch hierzulande entvölkern sich ganze Landstriche via Landflucht und wachsen viele Städte, wobei ihre und unsere Probleme mitwachsen: Wasser, Abwasser, Energie, Mobilität, Kriminalität, Lärm, Smog, Dichtestress, überlastete Infrastruktur, seelenlose Anonymität. Immer mehr von uns wollen in immer größeren Städten wohnen. Wollen wir das angesichts der skizzierten Problemfelder wirklich?

Ob wir wollen oder nicht: Bislang müssen wir es mehr oder weniger. Dabei wird vielerorts daran gearbeitet, dass Städte ihre Lebens- und Wohnqualität verbessern. Ein 5-Punkte-Plan weist den Weg.

Punkt 1: Optimierung bestehender Gebäude. Städter kennen die oft seit Jahren ungenutzten Fabrikhallen, Industriebrachen und Leeerstände ihrer Stadt. Sie stehen ungenutzt im Wege, können aber aus vielerlei Gründen nicht einfach abgerissen werden. In Köln ist es zum Beispiel „Der Butz“, ein längst brachliegender Flughafen, der jetzt nicht einfach planiert, sondern quasi zum eigenen Stadtviertel für Leben, Arbeiten, Einkaufen und Lernen umgebaut wird. Knapp tausend Wohnungen entstehen darauf – mit einer erwünschten Nebenwirkung: Durch die damit erreichte größere Nähe zwischen Wohnung und Arbeit wird auch der innerstädtische Verkehr entlastet. Und die Luft. Und die Anwohner der Ausfallstraßen. Nicht nur durch die Stadtplaner.

Auch jeder Arbeitgeber könnte etwas zur Beruhigung der urbanen Verkehrssituation tun. Indem er zum Beispiel (mehr) Home Office genehmigt. Wer zuhause arbeitet, pendelt nicht oder weniger.

Punkt 2: Individualverkehr ja, Privatfahrzeug nein. Viele (junge) Großstädter haben kein eigenes Auto. Wozu auch? Und vor allem: Wo (zu vernünftigen Preisen) parken? Im Schnitt steht ein Fahrzeug 23 Stunden am Tag nutzlos herum. Sharing ist nicht neu. Doch wenn noch mehr von uns noch mehr sharen würden, könnten unsere Stadtplaner mittelfristig Parkplätze durch Parks ersetzen. Auch Punkt 2 der Stadt-Optimierung ist nicht neu. Häufig werden die fünf Punkte des 5-Punkte-Plans jedoch getrennt voneinander diskutiert. Doch erst als Gesamtpaket entfalten sie ihre volle Wirkung: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Punkt 3: Intelligente All-in-one-Lösungen; zum Beispiel Straßenlaternen mit Bewegungsmelder, die nur dann die Straße beleuchten, wenn sie Bewegung melden. Gleichzeitig registrieren ihre Sensoren freie Parkplätze und melden sie an städtische Verkehrsleitsysteme und Navi-Geräte weiter und können als Ladestationen für E-Autos genutzt werden: Auf wenig Platz werden viele Lösungen implementiert.

Punkt 4: Urban Farming – die Stadt versorgt sich selbst. Indem sie zum Beispiel Industriebrachen kultiviert. Auch die urbane Landwirtschaft ist nicht neu, jedoch noch sträflich schwach genutzt. Das wird sich spätestens dann ändern, wenn jedes Lebensmittel nicht nur mit Zucker-Ampel, sondern auch mit CO2-Ampel etikettiert wird. Dann lässt der bewusstseinsgewandelte Verbraucher lieber die Finger vom (chilenischen) Apfel, der bis zur deutschen Ladentheke schon 12.000 klimakillende Kilometer hinter sich hat und greift zum Bodensee-Apfel – oder zum Apfel vom 500 Meter entfernten Obstgarten auf dem Dach der alten Fabrik um die Ecke. In Newark (New Jersey) zum Beispiel steht die größte Indoor-Vertikalfarm der Welt, die täglich 10.000 Salatköpfe unters Stadtvolk bringt – und damit eine ganze überflüssig gewordene Armada an Lieferfahrzeugen aus der Stadt heraushält. Die Stadt ernährt die Stadt. Und die Luft wird besser. Weil weniger Transporter fahren und weil grüne Pflanzen die Luft reinigen.

Punkt 5: Recycling. Alles, was in die Stadt reingeht, muss auch wieder raus. Zumindest war das bis jetzt größtenteils so. Und jeder Mülllaster zieht seinen eigenen kleinen oder nicht so kleinen Stau hinter sich her. Viel wäre schon gewonnen, wenn Discounter und Supermärkte ihre Bio-Abfälle vom Restmüll trennen würden. Dann könnten diese für die Bio-Gärten der urbanen Landwirtschaft, für private Gärten und Parkanlagen als Kompost verwendet werden: Kreislaufwirtschaft. Und auch Müll kann smart werden: In einigen Teilen Südkoreas beispielsweise sind Müll-Container mit Sensoren ausgestattet, die den Füllstand melden, damit die Abholroute optimiert werden und die städtischen Staus reduziert werden können. Kein Mülllaster fährt, wenn kein Müll da ist. In Rotterdam „teeren“ sie – testweise – mit recyceltem Plastikabfall eine Straße: Der Müll bleibt in der Stadt – und wird nicht tonnenweise und klimaschädlich (Schiffsdiesel!) nach Afrika oder Asien exportiert.

Dieser 5-Punkte-Plan ist alles andere als abschließend. Vor allem delegiert er die meiste Arbeit noch den anderen – den Stadtplanern und Einzelhändlern, den Investoren und Politikern. In anderen Worten: Er behandelt uns wie unmündige Kinder, denen man die Hand führen muss, weil sie sonst auf die heiße Herdplatte fassen. Wir sind aber keine kleinen Kinder. Wir können (und wollen?) auch etwas für unsere Stadt tun. Wir können Blumen und Gemüse auf schmucklosen Mini-Brachflächen pflanzen. Wir können die Heizung runterdrehen, bevor wir morgens aus der Wohnung gehen – oder die Wohnung smart machen, damit die Wohnung selber Heizung und Licht regeln kann. Wir können … Die Stadtplaner halten sich an ihren 5-Punkte-Plan – haben wir auch so einen Plan?

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