Radfahren wird Uni-Fach

Wer kennt die Radfahrprämie? Nicht viele, denn bei uns gibt es sie noch nicht – dafür in einigen anderen Ländern. Zum Beispiel in den Niederlanden bekommt man 19 Cent pro geradeltem Kilometer, in Italien und Frankreich 25 Cent und auch in Belgien wird der Radkilometer entgolten – wenn er auf dem Weg zur Arbeit liegt.

Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, kassiert die Streckenprämie – vom Arbeitgeber. Ein schöner Zug vom Chef. Kleines Rechenexempel: Wer also 19 Cent kassiert und 20 Arbeitstage im Monat die exemplarischen 10 Kilometer zur und von der Arbeit radelt, erradelt sich auf diese Weise 76 Euro im Monat. Nicht schlecht und überdies steuerfrei. Wobei das noch konservativ gerechnet ist.

Denn wer radelt, spart sich auch das ÖPNV-Ticket und/oder Benzin für das und die Abnutzung des Autos. Ganz zu schweigen vom dem Guten, dass er und sie der Umwelt, dem Klima, dem Erbe unserer Kinder und Kindeskinder und der eigenen Gesundheit, Fitness und Wellness tut.

Belgien hat die Radprämie bereits seit Ende der 90er-Jahre. Wenn es um ganz konkrete, einfache und hoch wirksame Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz geht, scheinen häufig andere Länder die Nase vorn zu haben (dafür haben wir die größeren Demos, das ist doch auch schon was). Anscheinend wissen andere Länder besser, wie wir Menschen funktionieren.

Denn wie das deutsche Beispiel zeigt: Obwohl wir alle nur allzu gut wissen, dass die Klimakatastrophe bereits an unsere Tür klopft, tun wir immer noch zu wenig. Die SUV-Zulassungen beispielsweise haben im Herbst letzten Jahres just zur Hochsaison der Fridays for Future-Demonstrationen einen neuen Höchststand erreicht. Wir protestieren lieber, als wirklich was zu tun. Und Medien und Politik appellieren ständig an unser „Umweltbewusstsein“. Dahinter allerdings steckt ein seltsames Menschenbild: Ich bin mir bewusst, dass ich drei Kilo abnehmen sollte – also tue ich es? Wenn es wirklich so einfach wäre, gäbe es keine Gewichtsprobleme auf der Welt. Nein, die Bewusstseinsperspektive ist geradezu lächerlich.

Wer ernsthaft möchte, dass sich was ändert und dass was getan wird, appelliert nicht an ein nebulöses, vages und ungreifbares „Bewusstsein“, sondern an den konkreten und fassbaren Geldbeutel: Gibt es Kohle, wird geradelt. So einfach sind wir Menschen. Gut, wenn Menschen wissen, wie Menschen funktionieren – auch eine Form der Intelligenz, die heute nötiger denn je ist. Die Verhaltenspsychologen wissen es schon lange.

Sie sprechen von positiver und negativer Verstärkung: Ein gewünschtes Verhalten wird künftig umso wahrscheinlicher praktiziert, je eher dafür ein geeigneter Verstärker eingesetzt wird. Wenn es um unsere Haustiere geht, wissen wir das seltsamerweise: Macht der Hund schön Sitz, wenn es an der Tür klingelt, anstatt zur Tür zu rennen und zu bellen wie ein Blöder, dann kriegt er ein Leckerli – deshalb macht er’s beim nächsten Klingeln wieder (oder eher).

Es gibt tatsächlich noch Politiker und Finanzwissenschaftler, die argumentieren: „Aber beim Autofahren arbeiten wir doch längst mit einem negativen Verstärker!“ Sie meinen die Kfz-Steuer, die eigentlich irgendwann in grauer Urzeit erhoben werden sollte, um die Schäden zu kompensieren, die durch das Autofahren entstehen. Leider hat sich herausgestellt: Dieser negative Verstärker hält so gut wie keinen Menschen vom Kauf eines Autos ab. Der positive Verstärker wirkt umso besser: Wer die Radprämie bekommt, steigt in den Sattel. Die Zahlen sprechen für sich.

Zum Beispiel Belgien hat auch Dank der Radprämie die Flotte seiner Radler von 141 000 (in 2006) auf 547 000 (in 2018) fast vervierfacht. In Belgien fahren inzwischen rund 15 Prozent aller Arbeitnehmer mit dem Rad zur Arbeit (wenn das Wetter es zulässt). Das ist nicht nice to have.

Das ist inzwischen ein echter Hebel zur Klimarettung. Dafür spricht auch, dass sich ganze Professuren mit dem Radeln beschäftigen. Deutschland hat aktuell sieben Stiftungsprofessuren (alle gestiftet pikanterweise vom Verkehrs-, nicht vom Umweltministerium), die sich rein mit dem Radeln beschäftigen; zum Beispiel den „Lehrstuhl für Nahverkehr und Nahmobilität“ an der Universität Kassel. Die Rad-Lehrstühle finanziert der Bund jährlich mit 8,3 Millionen Euro und gibt 125 weitere Millionen für Modellprojekte zur Verbesserung des Radverkehrs. Die sieben deutschen Rad-Professoren sollen nicht das Rad neu erfinden (sorry, Kalauer), sondern Antworten auf brennende Fragen der Verkehrsplanung, -sicherheit, von Fußverkehr und Logistik finden.

Leider gibt es in Deutschland immer noch keine Radprämie, sondern geradezu das Gegenteil, sozusagen ein Disincentive to Bike, wie die Finanzwissenschaftler sagen würden: die Pendlerpauschale. Als echter Klima-Hohn wird sie nur ausbezahlt an jene, die mit dem Auto die Luft verpesten oder sich in überfüllte Abteile des ÖPNV zwängen. Radeln wird bei uns, im Gegensatz zur Praxis fortschrittlicher Nationen, noch nicht belohnt. Das ist typisch deutsch: Ständig große Reden übers Klima schwingen, aber gleichzeitig radelnde Klimaschützer diskriminieren. Dabei könnten wir auch ohne verschlafenen Fiskus so viel dafür tun, dass mehr Räder auf Deutschlands Radwegen rollen.

Meist sind das ganz triviale Dinge, für die man weder die hohe Politik noch ein Riesenbudget braucht, zum Beispiel eine adäquate Dusche am Arbeitsplatz, durchgängige Radwege, mehr Rücksicht auf Radler, wenn wir hinterm Steuer eines Autos sitzen und das LKW-Assistenzsystem, das den toten Winkel beim Abbiegen ausleuchtet. Ampeln an kritischen Stellen gehören dazu wie auch genügend und gut gesicherte Abstellplätze. Das alles kostet nicht viel. Doch solange wir nicht mal imstande sind, diese geringen Mühen und Kosten auf uns zu nehmen, sieht man mal wieder, was uns das Klima und die eigene Gesundheit wirklich wert sind.

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