Was macht Ihr Sklave?

Erinnern Sie sich? Für jeden Wisch am Handy muss ein Sklave buckeln oder ein Kind schuften. Noch immer werden Sklaven, Kinder und Kindersklaven mit vorgehaltener Waffe in den Blutminen des afrikanischen Kontinents zum Abbau von Coltan gezwungen. Ohne Coltan läuft kein Smartphone. Und es klebt nur deshalb kein physisches Blut an unseren Handys, weil kaum ein Handy-Hersteller weiß, aus welchem finsteren Höllenloch sein Coltan kommt.

Denn zwischen der Blutmine und dem Flagship Store (oder dem Online Shop) sind so viele Minengesellschaften (mit ihren Sub- und Sub-Sub-Unternehmen), Weiterverarbeiter, Großhändler, Zwischenhändler und Teilelieferanten dazwischengeschaltet, dass der Handy-Hersteller oft zwanzig, dreißig und mehr Lieferanten von Lieferanten von … die Lieferkette hochklettern müsste, um zum Ursprung von Sklaverei, Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Klimatod, Sicherheitsverstößen und Hungerlöhnen zu kommen.

Und Coltan ist nur eine der vielen Zutaten vom Handy. Nimmt man alle zusammen, ist die Anzahl aller Lieferanten und Lieferanten von Lieferanten von Lieferanten exponentiell hoch. Denn schon der nächstliegende Lieferant des Herstellers hat ja selber Lieferanten von Lieferanten von Lieferanten und der Hersteller hat viele Lieferanten, die wieder Lieferanten von … Und alle diese Tausenden Lieferkontakte soll ein Hersteller überwachen?

Das schafft kein Polizeistaat. So viele Polizisten gibt es gar nicht auf der Welt. Doch genau diese totale Überwachung von Millionen Lieferkontakten soll jetzt das geplante Lieferkettengesetz ermöglichen? Oder einfordern? Oder vorgaukeln?

Das wäre fein (das Einfordern und das Ermöglichen). Denn alles, was uns lieb und teuer ist, schützen Gesetze besser als Freiwilligkeit und gute Vorsätze. Laut einer Umfrage der Bundesregierung, bei der lediglich die Hälfte der angeschriebenen Unternehmen überhaupt mitmachte, halten nur 22 Prozent der befragten Unternehmen die gestellten Anforderungen zur Achtung der Menschenrechte freiwillig ein. Also muss ein Gesetz her!

Man würde nun annehmen, dass die Unternehmen Sturm dagegen laufen. Denn immerhin ist das Gesetz eine zusätzliche Restriktion und Restriktionen behindern und kosten Geld. Doch viele Unternehmen unterstützen das Gesetz aktiv, darunter zum Beispiel BMW, Daimler, Tchibo, Vaude, Rewe, Nestlé oder Ritter Sport.

Natürlich hat das Gesetz auch Negativeffekte. Wer zum Beispiel von Corona arg mitgenommen ist, für den ist das Gesetz ein weiterer Sargnagel, weil ein gebeuteltes Unternehmen schlicht die Kosten nicht stemmen kann. Wer fürchtet, die Lieferanten seiner Lieferanten seiner Lieferanten in Asien oder Afrika nicht unter Kontrolle zu bekommen und dann für Klagen von unterdrückten Arbeitern anfällig zu sein und sich die Schadensersatzansprüche nicht leisten zu können, wird sich womöglich ganz aus schwer kontrollierbaren Ländern zurückziehen – und dann schlägt das Jevons-Paradoxon zu: Das Gesetz entfacht, was es zu löschen versprach. Der deutsche Hersteller zieht sich zurück, der Lieferant des Lieferanten des Lieferanten verliert den Auftrag und seine Mitarbeiter ihre ausbeuterischen Jobs – aber wenigstens hatten sie vor dem Lieferkettengesetz noch einen Job!

Und das sind nur die wenigsten Negativeffekte des neuen Gesetzes. Es gibt mehr. Die meisten davon kehren den kleinen Unterschied untern Teppich. Den Unterschied zwischen Hauptsache und Nebensache. Um einen völlig aus der Luft gegriffenen Vergleich zu wagen: Mit einem hartgewordenen Brotlaib kann ich auch einen Menschen erschlagen – also verbiete ich Brot per Gesetz?

Dann verhungern Menschen. Das wäre schlimmer. Solange die hauptsächlichen Vorteile die nebensächlichen Nachteile überwiegen, esse ich weiter Brot und schütze Mensch und Umwelt durch ein Gesetz. Worauf viele Verbände schon den erhobenen Zeigefinger wackeln lassen: Geht nicht!

Denn ein deutscher Hersteller in Bad Godesberg kann nicht den Lieferanten seines Lieferanten seines Lieferanten seines … in Kinshasa kontrollieren – er kennt doch noch nicht mal seinen Namen oder seine Adresse. Also soll er hinfliegen und das herausfinden?

Nein. Er soll nicht fliegen, sondern surfen und in einer Einmal-Aktion die Namen und Daten sämtlicher seiner Vor-Vor-Vor-Lieferanten erheben und sie dann von Algorithmen oder einer Künstlichen Intelligenz (KI) verwalten und überwachen lassen. Selbst wenn eine entfernte Firma in Asien dann falsche Daten ins Lieferketten-System eintippen würde („Wir haben keine Kinderarbeiter!“), die KI könnte die Lüge per Datenabgleich aufdecken (Versicherungskonzerne machen das schon lange) und dann einen menschlichen Lieferketten-Inspektor auf Inspektionstour zum Verdachtsfall schicken. Viele Nachhaltigkeits-Zertifizierungen arbeiten schon längst mit so einem Inspektoren-Modell. Wir reden alle so gerne von der Blockchain! Für die Lieferketten-Überwachung hätte sie doch mal eine nützliche Verwendung. Natürlich kostet das!

Aber jetzt mal ehrlich: Kosten vernichtete und geschädigte Menschenleben und das ruinierte Klima weniger? Ja. In einer völlig moralfreien Nach-mir-die-Sintflut-Welt. Bis wir in einer solchen leben, brauchen wir Gesetze, die uns und andere vor unserer eigenen Unvernunft schützen. Aber nochmal: So ein Gesetz treibt doch die Preise in die Höhe! Zum Beispiel für Fast Fashion.

Na und? Wäre das so schlimm? Wer braucht denn schon Wegwerf-Mode? Und wer alle 18 Monate ein neues Handy? Leider im Schnitt wir alle. Also wären höhere Preise ein gutes Regulativ für unseren statusbedingten Kaufwahn. Leider wird es dazu nicht kommen. Denn Modellrechnungen zeigen, dass selbst ein Unternehmen, das alle Mindeststandards der Nachhaltigkeit umsetzt, im Schnitt lediglich 0,005 Prozent seines Gewinns dafür dransetzen muss. Das ärgert kurzsichtige Aktien-Spekulanten kurzfristig, aber das steckt ein solides Unternehmen weg. Selbst Primark, der Klamotten-Discounter, hat bereits verlautbart, dass die Zusatzkosten eines Lieferkettengesetzes kein Ding seien und anderswo wieder hereingeholt werden können.

Peinlich am geplanten Lieferkettengesetz ist lediglich, dass es nötig wurde, weil der Mächtigste aller mächtigen Marktteilnehmer es mal wieder nicht hinbekommen hat.

Wir sind die Macht im Markte. Kein noch so mächtiger, staatenverachtender und steueroptimierender Großkonzern kann es mit der geballten Macht der kritischen Masse seiner eigenen Kunden aufnehmen. Wenn diese leider meist sehr unkritische Masse „Hüpf!“ sagt, dann fragt jeder Konzern, der an seinem Shareholder Value interessiert ist, stante pede: „Bitte wie hoch?“ Ach, wären wir doch nur ein wenig kritischer!

Dann würden wir es so machen wie immer mehr Menschen, die nur noch bei Fair Fashion Labels kaufen – gepriesen sei ihr Name und ihre Vielfalt. Oder wie jene, die seit zig Jahren auf ihrem alten Nokia-Knochen herumtelefonieren und noch stolz darauf sind – summa cum laude! Inzwischen gibt es für fast alle Produkte des Bedarfs faire Varianten. Fair zu kaufen ist der neue Mega-Trend. Noch ist er viel kleiner als der Was-geht-mich-das-Leiden-der-Welt-an?-Trend. Doch wenigstens ist es ein Trend. Wer bei diesem Trend mitmacht, darf mit Fug und Recht behaupten, die Welt zu retten. Und nebenbei sein eigenes Seelenheil. Dafür lohnt es sich.

 

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