Die Greensill-Krise

Das Handelsblatt nennt es den neuesten Finanzskandal; nach Wirecard: Die Finanzaufsichtsbehörde BaFin schließt die Bremer Greensill-Bank und erstattet Anzeige wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation. Die Credit Suisse stellt den Handel mit Fonds im Volumen von 10 Mrd. Dollar ein, an denen Greensill beteiligt ist. Dutzende deutscher Stadtkämmerer, die das Geld ihrer Städte aus Angst vor den Strafzinsen der EZB lieber bei Greensill anlegten, fürchten nun den Verlust ihrer Einlagen. Das könnte Kommunen in den Abgrund reißen oder den Steuerzahler kosten, wenn Städte sich an ihm schadlos halten. Greensill?

Noch nie gehört? Davon gehört haben nur Insider. Trotzdem oder gerade deshalb: Greensill ist eine jener Banken, welche die Globalisierung am Laufen halten, indem sie Forderungen aufkaufen – und das ist gut so: Denn heutzutage warten Lieferanten oft viel zu lang auf ihr Geld, das ihnen das belieferte Unternehmen schuldet. Die Zahlungsziele, die sich eingebürgert haben, reichen von moderaten 30 bis hin zu fast schon absurden 180 Tagen – das sind sechs Monate, ein halbes Jahr. So lange kann heutzutage ein Lieferant das Geld seinem Geschäftskunden nur dann vorstrecken, wenn er Finanzpolster wie Krösus hat. In Zeiten des internationalen Hyperwettbewerbs, extremer Preiskämpfe und der ständigen Kostensenkungen hat aber kaum jemand mehr so viel Geld.

Also treten Banken wie Greensill auf den Plan und sagen: „Wir lassen den armen Lieferanten nicht ein halbes Jahr auf das Geld von seinem Geschäftskunden warten, sondern geben ihm das Geld gleich!“ Natürlich unter Abzug einer Provision. Die Bank kann das, weil sie mehr Geld hat. Vielleicht nicht so viel wie Krösus, aber deutlich mehr als die meisten Lieferanten. Wie gesagt: eine gute Sache. Forderungskauf ist keine Erfindung von Greensill – das machen andere Banken auch, aber eben seriös. Forderungskauf ist ein Geschäft, das andere Geschäfte erleichtert und ermöglicht, ganz legitim – aber eben nur dann legitim, wenn seriös. Ohne dieses „Geschäft zum eigentlichen Geschäft“ hätte sich die Globalisierung niemals so entwickeln können wie sie es in den letzten Jahren tat. Und nun schließt die BaFin die Bremer Greensill-Bank. So kurz nach Wirecard. Die letzte Weltfinanzkrise ist auch keine Ewigkeit her: Nimmt das kein Ende?

Der Zeitpunkt ist ebenfalls schlecht gewählt: mitten in Corona, wo viele Lieferanten ohnehin kaum noch Geld in der Kasse, respektive bereits mächtig Schulden haben. Greensill könnte wie der erste Dominostein wirken und eine Kettenreaktion der Insolvenzen auslösen. Lernen manche Banken denn nie hinzu? Wie kann man sich ausgerechnet Corona für eine mutmaßliche Bilanzmanipulation aussuchen? Das ist eine irreführende Frage.

Sie suggeriert, dass es einen optimalen Zeitpunkt für kreative Bilanzierung gäbe. Doch das Ganze ist weniger eine Frage des Zeitpunkts als der Moral: Moral hat keine Haupt- und Nebensaison. Moral lockert sich nicht automatisch, nur weil Corona grassiert. Moral ist kein Saisonartikel. Und doch scheint es so, als ob die Sitten in Teilen der Wirtschaft zunehmend verkommen. Was wenn nicht logisch, so doch verführerisch ist.

Denn kurzfristig lohnt es sich ja. Bis ein Schwindel wie bei Wirecard auffliegt, dauert es seine Zeit. Kurzfristig „lohnt“ sich der Schwindel, was nun nicht bedeutet, dass Schwindeln kurzfristig okay wäre. Moral ist keine Frage der Dauer oder des Zeitpunkts. Moral ist ein Absolutum: Entweder man hat Moral oder man hat sie nicht. Moral ist auch keine Frage der Größenordnung. Doch genau so erscheint sie derzeit: Je größer die Globalisierung wird, desto unmoralischer geht es in Teilen zu.

Wir brauchen keine schärfere Banken- und Marktaufsicht. Wir brauchen eine Umkehr der Economies of Scale der Unmoral. Oder wie schon Großvater sagte: Wer den Pfennig nicht ehrt … Moral beginnt nicht erst bei einer tausend Kilometer langen Lieferkette oder Millionen-Deals, sondern bei der Bestellung von Material über 458 Euro: Der zuständige Supply Manager bei einem großen Mittelständler sieht bei einer Stichprobe, dass der Lieferant sich um 59 Euro geirrt hat – zu seinen Ungunsten. Also streicht der durchaus ehrgeizige Manager, der auch dieses Jahr gerne seinen Bonus hätte, diesen „Windfall Profit“ nicht ein, verbucht ihn nicht als Saving und wird dafür auch noch incentiviert. Nein, er ruft den Lieferanten an und sagt: „Ihr habt eine gelieferte Position zu fakturieren vergessen. Schickt eine neue Rechnung!“ So geht das. Das ist Moral. Und das ist gut so – im Sinne des Wortes, wie er tiefer nicht sein könnte. Gut ist gut. Gut ist das neue effizient.

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